Weihnachten in Rio de Janeiro Flirten unter Monstertanne

Die Brasilianer haben den größten. Wie könnte es auch anders sein in diesem Land, das die Superlative liebt? Hier gibt es die schönsten Frauen, die besten Fußballer, den längsten Karneval – und den größten schwimmenden Weihnachtsbaum der Welt.

Von , Rio de Janeiro


85 Meter misst die Monstertanne, so viel wie ein 28-stöckiges Hochhaus - vor zwei Jahren wurde er ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen: Alljährlich zur Weihnachtszeit wird der größte schwimmende Weihnachtsbaum der Welt in der Lagoa Rodrigo de Freitas verankert, einer natürlichen Lagune mitten in der touristischen Südzone von Rio de Janeiro. Zur Einweihung am 29. November versammelten sich 400.000 Menschen, rund um das Gewässer kam es zum Verkehrskollaps.

Mit Klappstühlen und Kühltaschen voller Bier strömen die Cariocas, wie die Einwohner von Rio heißen, zu dem Ereignis. Im Lichterschein des Ungetüms wird geflirtet und getanzt bis zum frühen Morgen. Für die fliegenden Händler ist das Spektakel der Höhepunkt ihres Geschäftsjahres: Nur Karneval und Silvester am Strand von Copacabana ziehen mehr Besucher an als der Baum-Hype.

Jedes Jahr lädt die Versicherungsgesellschaft, die den Mega-Event sponsert, auch die Auslandskorrespondenten zur Besichtigung ein. Die Cariocas, wie die Einwohner von Rio heißen, beneiden sie um dieses Privileg, denn normale Sterbliche müssen einen Sicherheitsabstand von 150 Metern zu den Pontons halten.

Festes Schuhwerk und Schutzhelm sind vorgeschrieben für die Exkursion zu dem 530 Tonnen schweren Ungetüm. Auf dem Weg zur Anlegestelle kommen dem Besucher Soldaten mit schusssicheren Westen und Maschinenpistolen entgegen. Fotografieren ist streng verboten, denn der Bootsanleger ist militärisches Sperrgebiet: Er liegt neben dem Landeplatz für die gepanzerten Hubschrauber der Militärpolizei, die für die Bekämpfung der Drogenmafia in den Favelas zuständig ist.

Eine kleine Fähre bringt den Besucher zu der Weihnachtsbauminsel. Aus der Nähe gleicht die Konstruktion einer Mischung aus Bohrinsel und Raketenabschussrampe, sie wäre ein ideales Szenario für einen James-Bond-Film.

Tanne auf großer Fahrt

Feuerwehrmann Reinaldo Memed hält Wacht auf der Plattform. Er wehrt Weihnachtsbaumpiraten ab, die versuchen, von Tretbooten aus die Pontons zu entern, und er steuert die gigantische Licht- und Soundmaschine. Abel Gomes, der Regisseur des Spektakels, hat den Baum mit 2,9 Millionen Minilampen und 52 Kilometer Lichtschläuchen bestückt.

Es blinkt und blitzt, Lichterkegel aus vier Riesenscheinwerfern zucken durch den Wolkenhimmel über Rio. Jeden Sonnabend ist Feuerwerk, in diesem Jahr wird die Lichtershow erstmals von einem künstlichen Glockenspiel untermalt. Abends um 20 Uhr dröhnt "Jingle Bells" über die Lagoa, dass der Christus wackelt.

Zu Zwischenfällen kam es in diesem Jahr bislang nicht, die Bescherung unter dem größten schwimmenden Weihnachtsbaum der Welt wird für Feuerwehrmann Reinaldo und seine Kollegen voraussichtlich ungestört verlaufen. Nur einmal, vor drei Jahren, riss sich die stählerne Tanne in einer Windböe los. Sie trieb quer über die Lagoa, bis sie am gegenüberliegenden Ufer auf Grund lief.

Ein Schlepper machte den Havaristen wieder flott, der GAU blieb aus, so Reinaldo: "Der Baum stand wie eine Eins."



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