Weihnachtsstimmung in Singapur Nikolaus in Badeschlappen

Gans mit Knödel, Open-Air-Krippe und Paraden - Singapur feiert Weihnachten. Bei 30 Grad Celsius ist die Schlittschuhbahn aus Plastik, der Nikolaus erscheint mit Badeschlappen, und die Schneekanonen spucken Seifenblasen.


Singapur - Die vier jungen Chinesen mit blinkenden Nikolausmützen auf dem Kopf winken eifrig. Ihr Job: Etwa 50 schwitzende Touristen möglichst flott im offenen Doppeldeckerbus zu platzieren. Die kostenlosen Rundfahrten durchs weihnachtlich geschmückte Singapur bei feucht-heißen Temperaturen um die 30 Grad Celsius sind ein Renner. Der Andrang ist groß. Auch noch um 21.30 Uhr. Aus den Lautsprechern klingen Weihnachtslieder. Überall leuchten Lichterketten in Blau, Weiß und Gold. Gleich geht's los, entlang der Einkaufsmeile "Orchard Road" und wieder zurück.

Es weihnachtet sehr im südostasiatischen Singapur, wo fast 78 Prozent der gut 4,6 Millionen Einwohner chinesischer Herkunft sind. Der Stadtstaat hat sich diesen Advent wieder für die Touristen aus aller Welt festlich herausgeputzt. Mittlerweile zum 24. Mal, wie Ryan, der junge Fremdenführer mit Nikolausmütze und Badeschlappen, erzählt.

"Light Up" wird die alljährliche Lichtershow genannt, für die spezielle Designer engagiert werden und auf die die Einheimischen - in der Mehrheit Buddhisten - ziemlich stolz sind. Auch wenn sie mit der christlichen Weihnacht recht wenig am Hut haben. Jedes Jahr gerät das Lichtermeer von Singapur ein wenig üppiger, investiert der Inselstaat noch ein bisschen mehr, um eine der spektakulärsten Weihnachtsdekorationen der Welt aufbieten zu können - plus Paraden, Open-Air-Krippe und Adventskonzert an Heiligabend.

"Christmas in the tropics"

"Wenn wir eine Million ausgeben, bekommen wir zehn Millionen zurück", berichtet Danny Lorenzo vom Singapore Tourism Board, der staatlichen Tourismusbehörde. Deshalb müsse das Spektakel nach westlichem Vorbild auch eine echte Attraktion sein, die möglichst viele Touristen in die Shopping-Metropole Südostasiens lockt. Auch die Kaufhäuser und Hotels ziehen mit. Sie liefern sich alljährlich einen Wettstreit um die prunkvollste Fassaden-Dekoration.

Hauptsache, im Gespräch sein - so, wie es etwa New York Jahr für Jahr mit seinem Riesenweihnachtsbaum schafft. Die Rechnung scheint aufzugehen: 2006 verzeichnete Singapur über 1,7 Millionen Gäste in den Monaten November und Dezember, fünf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Dieses Jahr wird ein neuer Rekord für "Christmas in the tropics" angepeilt.

Nicht einmal auf "Schnee" wollen die geschäftstüchtigen Singapurer verzichten: Zur Freude von Groß und Klein wurden Schneekanonen angeschafft, die Seifenblasen oder Kunstschnee in die tropische Luft pusten - und wahre Besuchermassen anziehen, wie Danny erzählt: "Ein echter Hit bei Asiaten, die Schnee ja gar nicht kennen." In diesem Jahr orientiert sich das alljährliche Spektakel an Motiven aus dem Märchenwald und am Nussknacker-Märchen - ebenfalls unbekanntes Terrain für die meisten Menschen aus der Region.

"Wir sind gut im Imitieren"

Aber egal, winkt Touristik-Fachmann Danny ab, der viele Jahre in Deutschland lebte und vor einigen Jahren in den Vielvölkerstadtstaat aus Chinesen, Malaien und Indern zurückkehrte: "Wir feiern alle Feste der anderen mit, ob sie Buddhisten, Moslems, Hindus oder Christen sind. Wir sind gut im Imitieren." Das gilt nicht nur für westliche Weihnachtsstimmung. Sondern auch für die Speisefolge an Heiligabend und den Tagen danach. Vor allem die deutsche Küche steht dann hoch im Kurs.

Auch in Singapur wird gern Gans oder Ente mit Rotkraut und Knödeln gegessen. Allerdings nicht zu Hause, sondern im Restaurant oder Hotel, sagt Danny und wundert sich: "Warum machen Europäer so viel Stress an Heiligabend mit der Kocherei und sitzen dann den ganzen Abend daheim?" Auch der westliche Brauch, sich an Weihnachten Geschenke zu überreichen, hat sich in Singapur weitgehend durchgesetzt.

Bis zum 2. Januar müssen sie noch durchhalten, die jungen Platzanweiser und Stadtführer aus Singapur. Erst dann werden die Plastiktannenbäume und Schneekanonen verstaut - bis zum nächsten Spektakel in 2008.

Von Berrit Gräber, AP



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