Weimar Goethe für Anfänger

Wie bringt man die deutsche Klassik seinem 15-jährigen Filius nahe, der von J.W.G. nur weiß: "gestorben"? Immerhin eine klassische Erziehungsaufgabe im Land der Dichter und Denker - auch heute. Hier das Protokoll mehrerer Nachhilfestunden vor Ort.
Von Harald Martenstein

Goethes Tagesablauf in Weimar sah so aus: Goethe stand früh auf, etwa um sechs Uhr, trank erst mal ein Tässchen Kaffee und schrieb. Um zehn frühstückte Goethe. Danach schrieb er weiter. Mittags empfing er Gäste, in der Regel Bewunderer, und redete stundenlang auf interessante Weise mit ihnen über interessante Themen. Dafür wurde er bewundert. Anschließend arbeitete Goethe im Garten oder war mit Frau und Kind gesellig. Abends um neun ging er zu Bett und las dort bis etwa um Mitternacht.

Mein Sohn ist fünfzehneinhalb. Er besucht die neunte Klasse eines der zahlreichen deutschen Goethe-Gymnasien. Mein Sohn steht vor dem Nachmittag überhaupt nicht auf, sofern er nicht dazu gezwungen wird. Nach dem Aufstehen trinkt er ein Gläschen Milch und spielt, falls er nicht zur Schule muss, am Computer oder sieht Poker auf Eurosport. Abends füttert er die Katze, isst eine Tiefkühlpizza und sieht, falls kein Fußball kommt, auf Eurosport Poker bis etwa um Mitternacht. Kaum eine Tätigkeit hasst er so sehr wie Gartenarbeit. Goethe und mein Sohn sind sehr unterschiedliche Menschen.

Ich frage: "Was weißt du über Johann Wolfgang Goethe?" Mein Sohn antwortet: "Goethe, Schriftsteller."

Weimar - Tod der Dichter und Denker

Daraufhin sind wir für einen Tag nach Weimar gefahren. Im Zug sagt mein Sohn: "Eine Sache ist mir zu Goethe noch eingefallen. Er ist tot."

Beim Thema deutsche Klassik kann man zum Glück überall ansetzen. "Tot" zum Beispiel – kein schlechtes Stichwort. In Weimar ist unter den Intellektuellen immer extrem viel gestorben worden. Goethe. Schiller. Nietzsche. Lucas Cranach der Ältere. Alle in Weimar gestorben! Im Zug frage ich meinen Sohn, was genau er im Deutschunterricht mache. Er sagt: "In Deutsch behandeln wir aktuelle Themen. Wir reden über die Entführungen im Irak. Oder wir behandeln Drogenprobleme." Sie hätten auch lang und breit über Hitler gesprochen.

Über Hitler weiß er tatsächlich viel. Das finde ich ja gut, wenn er darüber viel weiß, andererseits, ein Goethe-Gymnasium mit den Unterrichtsschwerpunkten Hitler, Entführungen und Drogenprobleme, das will mir nicht in den Kopf. Gymnasiasten in Deutschland können keine Goethe-Gedichte mehr auswendig, stattdessen kennen sie die wichtigsten Hitlerreden und die Adresse der nächstgelegenen Entzugsanstalt. Es gibt doch auch das Schöne, nicht nur das Hässliche.

Ich sage: "In Weimar ist die Hitlerjugend gegründet worden. In Weimar, im Hotel Elephant, soll Hitler beschlossen haben, Polen anzugreifen. Goethe hat täglich mehrere Liter Wein getrunken, na gut, nur zwei, aber einen Liter allein zum Mittagessen. Dies war sein Drogenproblem Nummer eins. Außerdem ist Goethe, wenn man sich die lange Liste seiner Geliebten anschaut, sehr wahrscheinlich sexsüchtig gewesen. Und, was Entführungen betrifft, im ‚Faust‘ entführt der Titelheld Doktor Faustus die schöne Helena aus der Unterwelt." Man kann überall ansetzen.

Als Stadt ist Weimar so unspektakulär, dass man, wenn man für Ehrlichkeit ist, gar nichts Spektakuläres darüber schreiben kann. Eine hübsche Stadt! Das fällt jedem als Erstes auf. Nette Cafés, mehrere Sehenswürdigkeiten. Aber nicht übermäßig prächtig oder herzzerreißend schnuckelig. Kein Versailles, kein Tübingen. Eher ein Koblenz.

Zufällig geistige Hauptstadt Europas

Das Wichtige an Weimar ist etwas Abstraktes, etwas, das man nicht aus Stein erbauen, sondern lediglich wissen und spüren kann. Weimar war die geistige Hauptstadt Europas. Wieso Weimar und nicht Koblenz? Diese Tatsache hängt mit Zufall und mit Gleichzeitigkeit zusammen. Eine zufällig besonders kunstsinnige Fürstenfamilie trifft, zufällig in einer geistig anregenden Zeit der Revolutionen und des Umbruchs, auf eine besonders ergiebige Künstlergeneration, deren Genies zufällig mobil sind und bereit, sich gegen gute Bezahlung in einer kleinen Stadt niederzulassen.

Die Konzentration auf einen überschaubaren Ort und die gleichzeitige Bandbreite dieser Künstler – Literatur, Theater, Philosophie, später auch Musik, alles auf Weltniveau – das ist vielleicht doch etwas anderes als die Blüte des Soul in den USA. Das Goldene Zeitalter von Weimar war das Zeitalter Goethes, unter dem Silbernen Zeitalter werden die Jahre nach 1850 verstanden, als die Komponisten Franz Liszt und Richard Wagner in der Stadt lebten.

Der Begriff "Bronzenes Zeitalter" ist noch frei, er könnte für die Zeit um 1920 verwendet werden, als in Weimar das Bauhaus gegründet wurde, als Walter Gropius, Lyonel Feininger, Paul Klee und Wassily Kandinsky hier lehrten. Recht schnell ist das Bauhaus nach Dessau umgezogen, in Weimar waren nämlich die Nazis zu stark. Die Nazis haben in dieser Gegend unter anderem das Konzentrationslager Buchenwald errichtet.

Im Gangsta-Gang durch die Goethestadt

Im Gangsta-Gang durch die Goethestadt

Mein Sohn läuft anders durch Weimar, als Goethe es wahrscheinlich getan hat, neuerdings hat er diesen leicht wiegenden Gang wie die Gangsta-Rapper in den Musikvideos. Früher ist er ein ganz liebes Kind gewesen. Dies immerhin wird auch vom jungen Goethe berichtet. Um einen Jugendlichen in die deutsche Klassik einzuführen, ist das Goethehaus am besten geeignet, weil ein Haus die Jugend nicht überfordert und auch etwas zum Anfassen darstellt. Das Goethehaus, in welchem Goethe viele Jahre gewohnt hat und, in seinem Sessel sitzend, starb, sieht wegen seiner Klarheit und Schlichtheit erstaunlich modern aus. Klassik bedeutet Beschränkung auf das Wesentliche. Romantik bedeutet Überschwang.

Durch das Goethehaus strömen zum Beispiel unablässig Schulklassen mit Führern. Zu einer Mädchenklasse sagt ihr Führer: "Als Goethe seine langjährige Geliebte Christiane Vulpius heiratete, trug er in sein Tagebuch ein: Vormittags Trauung. Abends im Schloss." Mit "im Schloss", erklärt der Führer, meinte Goethe das übliche Abendessen beim Fürsten, also Routine. Dies ist die unromantische Seite der Klassik. Ein Autor der Romantik hätte sich zu seiner Hochzeit überschwänglicher geäußert und hätte abends mit Christiane etwas Besonderes unternommen.

Seit Jahrzehnten kommen jugendgerechte Bearbeitungen von Shakespeare-Stücken heraus, etwa von der Bremer Shakespeare-Company oder der "Romeo und Julia"-Film mit Leonardo DiCaprio, während einem bei Goethe nur "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf einfallen. Immerhin werden im Goethehaus kindgerechte Biografien verkauft, etwa "Goethe kennen lernen" von Jürgen Schwarz.

"Wahnsinn, wie lang ein Gedicht sein kann"

Bei der Lektüre stellt mein Sohn fest, dass ihm ein Gedicht Goethes tatsächlich bekannt vorkommt. Es ist "Der Zauberlehrling" mit den Zeilen "Besen! Besen! Seid’s gewesen!". Er sagt: "Wahnsinn, wie lang so ein Gedicht sein kann." In der Schule hätten sie eine Kurzversion durchgenommen. Drei Strophen oder so. Auch den "Faust" gibt es für Jugendliche in einer Kurzversion, als Figurentheater mit nur drei Figuren, Faust, Gretchen und Mephisto. Bringt es das?

Die Lektüre von Goethe oder von Schiller ist vielleicht etwas Ähnliches wie Gartenarbeit. Man muss ein gewisses Alter haben, um den Reiz der Gartenarbeit oder eines Goethe-Textes schätzen zu können. Habe ich mit 15 etwas mit Goethe anfangen können? Nein. Kein 15-Jähriger kann das. Oder? Goethe hat weniger Action als Shakespeare. Ein Gefühl für die Schönheit von unalltäglicher Sprache und die Eleganz eines uneindeutigen Gedankens muss man sich erarbeiten wie ein Gourmet die Verfeinerung seiner Geschmacksnerven.

Wir hören auch die Audioführung, gesprochen von Otto Sander. Otto Sander erklärt, dass Goethe keineswegs erst zum Mittagessen, sondern bereits am Morgen Rotwein getrunken habe, und dass er etliche seiner Statuen hier im Haus für echte antike Stücke hielt, obwohl es in Wirklichkeit Kopien waren. Ich sage, dass der Statuengeschmack von Goethe und Hitler ähnlich war, da gibt es zwischen den beiden eine Brücke, bei den Drogen aber gibt es einen deutlichen Unterschied, denn Hitler war streng medikamentensüchtig und lehnte Rotwein ab, vermutlich als "jüdisch".

Autor für die Champions League. Selbstmordgefahr bei den Fans

Mann und Goethe im Achtelfinale

Ich sage zu meinem Sohn: "Wenn es unter den Dichtern der Welt eine Champions League geben würde, würden aus Deutschland Goethe und Thomas Mann die Gruppenphase überstehen." Ich habe ihm auch den "Werther" erklärt, der jahrelang das Jugend-Lieblingsbuch Nummer eins war und eine Selbstmordwelle ausgelöst hat. Mein Sohn sagt: "Die Zeit des Buches ist vorbei. Das kann man sich in Zukunft alles als Hörbuch anhören. Oder man wartet auf die Verfilmung. Was soll daran falsch sein?" Ich antworte: "Jungs warten auf den Film. Mädchen lesen das Buch. Deswegen werden nach und nach die deutschen Chefpositionen mit Frauen besetzt." Mein Sohn sagt: "Wenn 'Werther' von Goethe eine Selbstmordwelle ausgelöst hat, dann können Bücher genauso gefährlich sein wie Computerspiele. Trotzdem fordert keiner, sie zu verbieten." Dieser Punkt geht an ihn. Außerdem hat ihn das Goethehaus extrem gesprächig gemacht.

Wir gehen auch in die Ausstellung "Klassik", die an das Goethehaus angegliedert ist. Dort sind unter anderem ein beschrifteter Menschenschädel und eine Elektrisiermaschine aus Goethes Besitz zu sehen. Goethe sah sich als Universalgelehrten und glaubte, es sogar mit dem Physiker Newton aufnehmen zu können. Dies war Selbstüberschätzung. Goethe war kein einfacher Charakter, vermutlich ein selbstsüchtiger Macho, der sich mit sensiblen Gedichten tarnte. Als Christiane Vulpius sterbenskrank wurde, ging ihm das auf die Nerven. Er hat sie viel allein gelassen. Goethe ist, charakterlich, kein Vorbild.

Das Weimarer Schillerhaus besitzt ein anderes Ambiente als das Goethehaus. Es ist kleiner, denn Schiller musste sparen, Goethe war reich. Goethe war alt und meistens gesund, Schiller war jung und meistens krank. Trotz seiner Künstlernatur war Goethe, der Minister, zuständig unter anderem für Botanik, eher der angepasste Typ. Schiller war ein Rebell. Und Schiller hatte eine Rechtschreibschwäche. In seinen Rechnungen und Briefen schrieb er das Wort "Foderungen" grundsätzlich ohne "r".

Schiller war auch modebewusst. In seinem Haus hängen an den Wänden bunte Tapeten, damals eine neue Erfindung und so modern wie heute Sushi und Yoga. Goethe dagegen ist die Mode ziemlich egal gewesen, bei der Botanik und beim Rotwein spielt Mode kaum eine Rolle. Schiller, sagt ein Museumsführer, legte faulende Äpfel in seine Schreibtischschublade. Den Fäulnisgeruch fand er geistig anregend.

Unflätiges vom Nationaldichter

Während wir durch das Schillerhaus gehen, schweigt mein Sohn. Dann fragt er: "Gibt es ein Sportmuseum in Weimar?" Unsere Expedition nach Weimar ist zum Scheitern verurteilt wie eine Polarexpedition im 19. Jahrhundert, historisch zu früh, keine geeignete Ausrüstung vorhanden. Ich sage: "Von Goethe stammt das Zitat: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Mein Sohn schweigt. "Von Goethe stammt außerdem das Zitat: In der Jugend sind wir monoton, im Alter wiederholt man sich." Er schweigt weiter. "Das populärste und meistzitierte Goethewort aber, ein Wort, das noch heute so frisch klingt wie im Goldenen Zeitalter, es lautet: Er kann mich mal am Arsch lecken."

Da stutzt der Sohn.

Ich sage: "In der Originalfassung lautet das Zitat, 'er kann mich im Arsche lecken'. Der Volksmund hat es vereinfacht, aus dem melodisch-verspielten 'im Arsche' ist ja ein knapperes ‚am Arsch‘ geworden, was den ganzen Vorgang auch von der Umsetzung her erleichtert, obwohl, es ist ja nur eine Metapher. Es ist Poesie. Goldenes Zeitalter. Eine klare, klassische Goethe-Metapher, keine konkrete Foderung im Sinne Schillers."

Da glimmt etwas in den Augen meines Sohnes. Interesse?

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