Welterbestadt in Äthiopien Kuss der Hyäne

Mythen gehören zu der äthiopischen Welterbestadt Harar wie das Gassengewirr und die duftenden Altstadtmärkte. Auf eine dieser Legenden geht die tägliche Fütterung von Hyänen zurück - eine echte Mutprobe: Die Raubtiere nähern sich Besuchern bis auf wenige Zentimeter.

Philipp Hedemann

Von Philipp Hedemann


"Die Hyäne hinkt nur, bevor sie beißt", lautet ein altes äthiopisches Sprichwort - und das Viech, das sich gerade mit gesenktem Kopf und eingekniffenem Schwanz nähert, hinkt eindeutig. Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, die Hyänen von Harar mit einem zwischen den Zähnen eingeklemmten Stöckchen, an dem ein stinkender Fetzen Kamelfleisch hängt, zu füttern. In der heiligen Stadt im Osten Äthiopiens ist die Speisung der Bestien ein alter Brauch - und eine Touristenattraktion.

Auch Alfred Brehm war kein Fan der Tüpfelhyäne, der Zoologe schrieb schon vor 150 Jahren: "Unter sämmtlichen Raubthieren ist sie unzweifelhaft die mißgestaltetste, garstigste Erscheinung; zu dieser aber kommen nun noch die geistigen Eigenschaften, um das Thier verhaßt zu machen." Die Hyänen ernähren sich nicht von Aas, sondern erlegen fast ihre gesamte Beute selbst. Dabei durchbeißen sie Knochen von Giraffen, Nashörnern und Flusspferden - mit den dünnen Beinchen eines deutschen Touristen würden sie nicht allzu viele Probleme haben.

Aber Yusuf Mumé Salih hat gesagt, es sei noch nie etwas passiert - und er füttert die Tiere seit 20 Jahren. Jeden Abend. Auf seine Statistik sollte also Verlass sein. Als die Hyäne angehumpelt kommt, ist es mucksmäuschenstill. Würde sie jetzt kichern, dann wäre das ein gutes Zeichen - denn laut Forschern bedeutet dieser Laut, dass das Tier sich unterordnet. Aber sie kichert nicht. Dann geht alles ganz schnell. Die Hyäne schnappt zu und verschwindet mit ihrer Beute. Yusuf und die Statistik haben wieder mal recht behalten.

Brei für den Hyänenkönig

Die allabendliche Hyänenfütterung ist in der 1850 Meter hoch gelegenen Stadt nicht nur ein Spektakel für Besucher, sie hat eine lange Tradition, selbst der äthiopische Kaiser Haile Selassie hat dem Ereignis schon beigewohnt. Einer Legende nach soll der Brauch auf das 16. Jahrhundert zurückgehen: Damals ließ Emir Nur zum Schutz Harars eine Stadtmauer errichten. Doch das 3342 Meter lange und bis zu fünf Meter dicke Bauwerk, das heute noch bestaunt werden kann, machte das Leben der Einwohner nicht sicherer, sondern gefährlicher.

Immer häufiger griffen in dieser Zeit Hyänen Menschen an. Der Emir beschloss also, den Hyänenkönig mit dem schneeweißen Fell zu treffen. "Der Hyänenkönig sagte dem Emir, dass er und sein Volk böse seien, da sie wegen des Mauerbaus nicht mehr in die Stadt könnten, um den Abfall und das tote Vieh zu fressen", erzählt Edom Mulugeta, der Touristen jeden Abend zu den Fütterungsplätzen vor der Stadtmauer führt.

Der Emir und der Hyänenkönig einigten sich auf einen Deal. Die Menschen mussten in ihre neue Mauer neben den sechs großen Toren mehrere kleine Tore für die Hyänen bauen und sie einmal im Jahr mit dem füttern, was sie selbst essen - mit dem Genfo genannten Getreidebrei. Zum muslimischen Neujahrsfest servieren Priester den Hyänen seitdem eine Schale des Breis. Normalerweise steht Getreide nicht auf dem Speisezettel der Fleischfresser, doch an diesem Tag ist es für die Bewohner Harars überaus wichtig, dass die vegetarische Speise den Raubtieren mundet.

Rühren sie den Brei nicht an, bedeutet das Unglück für die Stadt. Fressen sie alles auf, droht den Hararis im kommenden Jahr Hunger. Am besten ist es, die Tiere lassen ein bisschen in der Schale zurück. "Wir gießen viel flüssige Butter auf den Brei. Nur wenn der Hyänenkönig in der Butter sein Spiegelbild erkennen kann, ruft er sein Volk, um auch vom Genfo zu essen", erklärt Touristenführer Edom mit großer Ernsthaftigkeit.

Einladung zum Kathkauen

Solche Mythen gehören zu Harar wie die schmalen Gassen der 2006 zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt, die 82 Moscheen und die chaotischen nach Kaffee und exotischen Gewürzen duftenden Märkte, auf denen Händler und Kunden um Schmugglerware aus dem nahen Somalia oder dem fernen China feilschen. Wer sich im Gassengewirr verirrt, dem kann es passieren, dass er in eines der Gegar genannten typischen Häuser zum Kathkauen eingeladen wird. Vorausgesetzt, das Familienoberhaupt stimmt zu.

Der älteste Mann des Haushalts sitzt traditionell auf einer erhöhten Stufe des Wohnzimmers, so dass er durch die Eingangstür tretende Besucher stets im Blick hat. Sein Urteil entscheidet, ob man die Schwelle überschreiten darf oder nicht. Spätestens am frühen Nachmittag ziehen sich viele Hararis in ihre kühlen Häuser zurück, um die euphorisierenden Kath-Blätter zu kauen.

Wenn sich etwa eine Stunde später die Backe beult und beim Sprechen hellgrüner Schaum in den Mundwinkeln sichtbar wird, setzt die Wirkung der natürlichen Amphetamine Cathinon und Cathin (ähnlich wie Speed, nur viel schwächer) ein. Das Hungergefühl weicht, die Männer werden redselig, fühlen sich wach und konzentriert. Doch um das Glücksgefühl zu halten, müssen immer neue Blätter nachgeschoben werden - und wer zu viel kaut, wird oft depressiv. In den Gassen Harars laufen viele Männer rum, deren wirrer Blick davon zeugt.

Auch der den Drogen nicht abgeneigte französische Dichter Arthur Rimbaud soll die bitteren Blätter regelmäßig konsumiert haben, als er als Handelreisender ab Herbst 1880 einige Monate in Harar lebte. Das Rimbaud-Haus, in dem der Dichter und Draufgänger allerdings nie wohnte, da es erst nach seinem Tod erbaut wurde, erinnert noch heute an den berühmten Besucher aus Frankreich.

Schlachtabfälle für die Hyänen

26 Jahre zuvor hatte sich bereits Richard Burton - der englische Entdecker und Reisende - als muslimischer Kaufmann verkleidet in die damals für Christen noch streng verbotene Stadt geschmuggelt. "Heute ist hier jeder willkommen. Kirchen stehen neben Moscheen", erzählt Touristenführer Edom, während er sich durch das Gewühl in der engen Mekina Girgir kämpft. In der Gasse haben Schneider ihre mit Fußpedal betrieben antiken Nähmaschinen aufgestellt, das "Gir-Gir" der ratternden "Mekinas" gab der Straße ihren Namen.

Jeder, der nicht näht, scheint in der Girgir etwas zu schleppen. Die Frauen in ihren langen, bunten Gewändern balancieren Körbe auf dem Kopf, schmächtige Männer stöhnen unter schweren Säcken. Störrische Esel bleiben einfach stehen, wenn ein Händler ihnen zu viel auf den durchhängenden Rücken lädt. Über dem Gewusel kreisen Habichte, stürzen sich auf die Straßen, wenn einer der Metzger Schlachtabfälle wegwirft, anstatt sie für Hyänenmann Yusuf aufzubewahren.

Wenn sich am späten Nachmittag die Kühle der nächsten Hochlandnacht erahnen lässt und die ersten Hararis ihre Feuer anzünden, klappert er die Metzgerstände mit seinem blutverschmierten Korb ab. In zwei Stunden wird er jedem Touristen, der der Fütterung beiwohnen wird, 50 Birr (umgerechnet rund 2,10 Euro) abknöpfen. Touristenführer Edom sagt: "Die Metzger können sich für ihre eigene Familie oft kein Fleisch leisten, aber Yusuf ist einer der reichsten Leute in unserer Stadt. Fast jeder Junge in Harar will deshalb Hyänenmann werden."



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