Wien Wo Playmobilfiguren Shakespeare spielen

Die Hauptstadt Österreichs ist ein beliebtes Ziel für Städtereisende. Hier finden sich die berühmten Cafés, das Schloss Schönbrunn oder die Wiener Hofreitschule. Doch in Wien wird nicht nur Walzer getanzt oder Kaffee getrunken, hier wird auch viel und gerne Theater gespielt sogar mit Playmobil.


Volksgarten: Neues Rathaus (l.) und Thesus-Tempel
Hilke Maunder

Volksgarten: Neues Rathaus (l.) und Thesus-Tempel

Wien - Die zahlreichen Bühnen haben Österreichs Hauptstadt neben Bewunderung auch Spott eingetragen: "In Wien kann es dir passieren, dass du mal kurz Wasser abschlagen gehst, und plötzlich landest du in einer Theatervorstellung", soll der Autor Charles Bukowski einmal gesagt haben. Tatsächlich bietet die Stadt theaterinteressierten Touristen eine große Auswahl. Die bekanntesten sind das Akademietheater, das Volkstheater oder das Theater in der Josefstadt. Und über allem thront die "Burg", das Burgtheater. Abseits der renommierten Bühnen können Besucher in kleinen Theatern allerdings auch ein anderes kulturelles Wien kennen lernen.

Dort wo es gemütlich ist, wird ein echter Theatermacher rasch unruhig - selbst wenn es das Café im Foyer seines eigenen Theaters ist. "Müssen wir uns unbedingt hier unterhalten?", fragt Karl Welunschek und rutscht nervös auf seinem Stuhl herum. "Ich kenne hier um die Ecke eine echte Wiener Kneipe, mit Säufern und Proleten. Gehen wir doch dorthin."

Welunschek ist seit 2001 Intendant des Theaters "Rabenhof" und stiftet seit Jahren Unruhe in Wiens Theaterwelt. Das geistige und politische Leben der Hauptstadt sei "verkrustet" und müsse aufgebrochen werden. In seinem "Rabenhof" lässt Welunschek schon mal einen Tiroler Kriminalpsychologen mit Playmobilfiguren Shakespeares "Richard III" nachspielen. Oder er erweckt in dem Stück "Österreichs größte Entertainer" die bekanntesten Serienmörder des Landes zum theatralischen Leben. Die Eintrittskarten für den Rabenhof kosten ab zehn Euro.

Unscheinbare Bühne im sechsten Wiener Gemeindebezirk - in einem ehemaligen Pornokino ist "Gruppe 80" zu finden
GMS

Unscheinbare Bühne im sechsten Wiener Gemeindebezirk - in einem ehemaligen Pornokino ist "Gruppe 80" zu finden

Bis 2001 war der "Rabenhof", der in einer Arbeiterwohnanlage aus den zwanziger Jahren untergebracht ist, die chronisch klamme dritte Spielstätte des gutbürgerlichen Josefstadt-Theaters. Heute, eigenständig und mit eigenwilligem Programm, ist die Bühne erfolgreich: "Unser Theater ist wohl derzeit hip oder hype oder wie man das nennt", sagt Welunschek. Dabei gebe es für die Wiener ja normalerweise nur die "Burg": "Wenn Sie hier zu einem Taxifahrer etwas gegen das Burgtheater sagen, schmeißt der Sie raus", sagt der Theatermacher.

Kulturinteressierte verirren sich seit dem Herbst des vergangenen Jahres auch immer häufiger in den 20. Wiener Gemeindebezirk, ein reizloses Arbeiterviertel zwischen Donaukanal und Donau. Hier wird das Männerwohnheim der Meldemannstraße 25-27 in unregelmäßigen Abständen zur behelfsmäßigen Spielbühne umfunktioniert. Zwischen 1910 und 1913 soll hier ein junger "Kunstmaler" namens Adolf Hitler gewohnt haben. Hubsi Kramar, einer der umstrittensten Kulturschaffenden der Stadt, führte im Männerwohnheim George Taboris "Mein Kampf" auf und inszenierte "Talkshows" mit Adolf Hitler als Gast. Im Sommer 2003 soll das Männerwohnheim jedoch geschlossen werden. Noch ist unklar, ob es weitere Aufführungen geben wird.

Im Akademietheater stehen moderne Klassiker auf dem Programm
GMS

Im Akademietheater stehen moderne Klassiker auf dem Programm

Im sechsten Wiener Gemeindebezirk, in der Gumpendorfer Straße, findet sich ein weiteres unscheinbares Theater: "Gruppe 80" zählt zu den etablierten Kleintheatern in Wien. In einem ehemaligen Pornokino haben die Künstler um Helga Illich und Helmut Wiesner nach langer Suche in den 80er Jahren eine Spielstätte gefunden.

"Gruppe 80" brachte vor 20 Jahren die Klassiker des österreichischen Volkstheaters Johann Nestroy und Ferdinand Raimund wieder auf die Bühne - zeitgemäß und ohne biedermeierlichen Kitsch. Heute werden auch die Stücke modernerer Autoren wie Peter Handke, Ernst Jandl oder Marieluise Fleißer gespielt. "Wir erliegen aber nicht dem Reiz des Zeitgeistes", sagt Intendantin Helga Illich. Interessierte können an Spieltagen zwischen 19.00 und 21.00 Uhr im Vorverkauf Karten ab acht Euro erstehen.

Gemeinsam mit sechs anderen Theatern hat sich "Gruppe 80" zu den "7" zusammengeschlossen. Wer eine Vorstellung in einem der Theater besucht, bekommt für eine weitere Vorstellung auf einer der anderen Bühnen innerhalb eines Monats 50 Prozent Ermäßigung.

Das Theater "Akzent" überrascht schon durch seine Räumlichkeiten: Das Foyer des Theaters wirkt wie ein Hoteleingang aus längst vergangenen Zeiten. Der Schriftzug "Akzent" in verblassendem Rot zeigt, dass das Theater nicht die besten Zeiten durchlebt. "Unterhaltung mit Haltung" will das Theater der Wiener Arbeiterkammer den Arbeitnehmern der Stadt bieten: meist familienfreundlich, manchmal etwas altväterlich.

In der Wiener Porzellangasse findet sich eine Bühne, die den Vergleich mit den großen Theaterhäusern nicht scheuen muss: Das Schauspielhaus wurde 20 Jahre lang von Hans Gratzer geleitet - unterbrochen nur durch die dreijährige Tätigkeit von George Tabori Ende der achtziger Jahre. Das österreichisch-australische Duo Airan Berg und Barrie Kosky leitet seit 2001 die Bühne. Bekannt wurde das Schauspielhaus vor allem durch die Uraufführungen zeitgenössischer österreichischer Autoren wie Werner Schwab. Die Eintrittskarten können auch im Internet bestellt werden und kosten ab zehn Euro.

Die Vielzahl an Bühnen und die teils großzügige Unterstützung der Theaterszene führt nicht immer zu kultureller Vielfalt. Zu selbstgenügsam seien manche Theater, sagt Margarete Affenzeller, Kulturjournalistin bei der Wiener Tageszeitung "Der Standard". Viele kleine Bühnen seien nichts anderes als Anhängsel der großen Theater, beklagt Theatermacher Welunschek. So würden in manchen Häusern seit Jahrzehnten ähnliche Stücke von ähnlichen Autoren gespielt - vom selben Regisseur mit den selben Schauspielern. Zu "fad" für viele Wiener Kulturinteressierte - zu gemütlich für Karl Welunschek.

von Dietmar Telser, gms



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.