Williamsburg New Yorker Spielzeugland für Hipster

Es liegt im Norden von Brooklyn, direkt gegenüber Manhattan, an der Grenze zu Queens: Williamsburg ist das In-Viertel von Brooklyn mit Galerien, Trödelläden und Cafés. Eine Zuflucht für Lebenskünstler, die nicht erwachsen werden wollen.
Von Viola Keeve

Für Menschen in Manhattan waren die Bewohner von Brooklyn lange nichts anderes als Provinzler aus New Jersey: "Bridge & Tunnel People", armselige Kreaturen, die auf ihre Insel, den Nabel der Welt, reisen müssen. Doch seit das East Village seinen wilden Charme verloren hat und immer mehr einheitliche Broker-Bars öffnen, ist Williamsburg jenseits des East River "the place to be". Am Wochenende strömt Manhattan in die Szenebars, das Galapagos, die Art Land Bar, Pete's Candy Store, Luxx oder the Abbey. Die Gentrification, der Auszug der Künstler, die Übernahme der Besserverdienenden, hat begonnen.

Für viele Menschen aus Manhattan scheint das Ex-Arbeiterviertel Williamsburg immer noch Lichtjahre entfernt. Ein Yellow Cab fährt nur mit Aussicht auf ein üppiges Trinkgeld über die Brücke, den so genannten Jewish Highway. Als die ersten Juden, darunter viele Deutsche, Iren und Österreicher, nach Williamsburg zogen, war das Viertel ein Slum. "Ausländer ziehen weg, so schnell sie können", schrieb Helen Logan 1940 in "A neighborhood study".

Heute ist Williamsburg ein friedliches Backstein-hausen. Rentnerinnen gießen Geranien, Künstler treffen sich in Krimskramsläden, ordern Papaya-Salat und Kingskrabben im Planet Thai, knabbern im Bliss, im Read oder im Verb Cafe Biscotti und schlürfen Chai Latte in Hinterhofterrassen der Szenetreffs oder auf den Bänken davor. Die "New York Times" nannte all das eine Mischung aus "Schmutz und Glamour". Hier ist Secondhand stylisch - genau wie mächtige Schlitten. Ecke Lorimer parkt ein altes Cadillac-Cabrio mit einem Beil auf dem Beifahrersitz. Hinten prangt ein Schild: "Human Remains".

Hans Viets, ist 25, hat deutsche Vorfahren und ist gerade von Wisconsin nach New York gezogen. Er malt großflächig und abstrakt, pastellfarbene, wilde Meisterwerke in goldenen Rahmen. Im riesigen Studio, das er mit einer Modedesignerin teilt, die nur eine Stange für ihre Kleiderentwürfe braucht, fährt er Skateboard, nachts. Tagsüber arbeitet er in einem Kunstmuseum für Kinder in Soho. "Wenn ich im Studio arbeite, fühle ich mich wie unter Millionen von Menschen und doch völlig allein", erklärt Hans, nimmt einen Schluck Kaffee und beißt von seinem Bagel ab.

Im Supercore kann er umsonst frühstücken, seit er im Café an der Bedford Avenue ausstellt. Seine Bilder hängen über alten, abgesessenen Sofas und bunten Fünfziger-Jahre-Lampen. Anfangs in New York hat er für eine Firma Leinwände und Öl ausgeliefert: "Ein toller Job, anstrengend und ungesund, allein die Materialien, aber ohne ihn hätte ich nicht so spannende Leute, Maler und Galeristen, kennen gelernt."

Etwa 6000 Künstler leben hier inzwischen, manche nur wenige Monate. Heute kostet ein 200-Quadratmeter-Loft nicht mehr 125 Dollar wie vor zehn Jahren, sondern das Zehnfache. Vor der flatternden Zettelwand der Bedford Avenue suchen Williamsburger deshalb ständig neue Mitbewohner, Wohnungen, aber auch Jobs, den Poetry Slam oder das Konzert der Woche

"Wir sind hier eine Art Niemandsland wie in der Legende von Peter Pan, ein Ort, der den Zauber der Kindheit, Unabhängigkeit und Abenteuer, verspricht", sagt Berioska Ipinza. "Wir kommen von überall her mit unseren Träumen. Wir wollen hier etwas, arbeiten, uns ausprobieren, und wir sind Singles, die meisten jedenfalls." Berioska ist 35 Jahre alt, Chilenin, eine Schauspielerin mit schwarzen, langen Haaren mit einem Faible für Shakespeare.

Abends probt sie im spanischen Theater im East Village, tagsüber arbeitet sie im Hispano-Viertel nahe der Williamsburg Bridge als Babysitter. "Ich liebe Williamsburg, die Partys, meine Freunde, den Stil dieses Viertels!" Zurück nach Chile? Undenkbar, auch für ihre Mitbewohnerin Alejandra, eine Fotografin.

Die Kakerlaken gehören zum Viertel wie Salsa-Bässe und HipHop-Musik

Berioskas Haus wirkt wie John Lennons Dakota, außen eine helle, kunstvolle Fassade wie an der Upper East Side, innen Gelächter, Duft von Gebratenem, huschende Kakerlaken nachts. Berioska nennt sie achselzuckend "the little ones", jede Schale, jedes Glas muss ausgespült werden, viel nützt das nicht. Man muss mit ihnen leben. Sie gehören zum Hispanoteil von Williamsburg wie Salsa-Musik und wummernde HipHop-Bässe.

In Brooklyns kreativem Zentrum, der Bedford Street, schlürfen die Gäste am offenen Fenster des Veracruz ihre Margaritas. Das mexikanische Restaurant von Jaime Palacios war 1996 eines der Ersten des Viertels. "Manhattan ist ein Zoo von Karrieristen und Touristen", sagt der Chilene. "Brooklyn ist das wahre New York."

Die Latinos sind die größte Bevölkerungsgruppe im Viertel - und die jüngste zugleich. Fast 50 Prozent der Williamsburger stammen aus Puerto Rico, der Dominikanischen Republik und Ecuador. 40 Prozent sind Weiße, Polen, Italiener, chassidische Juden, neun Prozent Afro-Amerikaner und zwei Prozent Asiaten. Die Juden zogen nach dem Holocaust, in den Fünfzigern und Sechzigern hierher, die Latinos kamen in den letzten 30, die Künstler in den letzten zehn Jahren.

Bandenkriege, wie sie Jonathan Lethem in seinem neuen Roman "Motherless Brooklyn" beschreibt, sind vorbei. Die Ethnien haben sich den Stadtteil aufgeteilt: Die Polen wohnen im Norden, in Greenpoint, die Italiener im Südosten in der Nähe der Lorimer Street, wo sich auch die meisten Latinos niedergelassen haben, dicht an der Grenze zum Viertel der chassidischen Juden am Ende der Bedford Avenue ganz im Süden.

An der Ecke Bedford/Broadway erinnern die Straßen an orthodoxe Teile Jerusalems. Männer mit wehenden Schläfenlocken und langen, schwarzen Mänteln eilen Bürgersteige entlang, Frauen mit Scheitl, Perücken, schieben Kinderwagen vor sich her. Im koscheren Supermarkt, in Geschäften und Restaurants wird Jiddisch gesprochen - für Deutsche gut zu verstehen. Die meisten Künstler wie die chilenische Fotografin Alejandra finden die Chassidim fremd, aber spannend, tolerieren ihre selbst gewählte Isolation und staunen über das eigene Busnetz, in dem Männer und Frauen getrennt voneinander transportiert werden.

Sie fühlt sich wohl in Williamsburg, dem Spielzeugland für Hipster , die nicht erwachsen werden wollen, winzig, kuschelig, ein Künstler-Dorf, Sesame Street für Freaks zwischen 20 und 40. Lucas, Sounddesigner und Spieleerfinder, ist 37, dicht an der Altersgrenze: "Irgendwann muss ich wohl nach Park Slope ziehen, ins Kinderwagenterritorium", sagt er. "Aber ich will noch nicht." Park Slope sind für Lucas gleichbedeutend mit Strickkursen, Lesungen mit Paul Auster, Reiki für Schwangere und Therapie- und Massagestunden für Luxushunde.

Weil Williamsburg für ihn zu teuer geworden ist, hat sich Lucas ein neues Loft Richtung Norden gesucht, ein raues Viertel, so wie Williamsburg zu seinen Anfängen: Bandenkriminalität, Drogen, Straßenstrich, Einbrüche, abends ein einsames Pflaster, mit manchmal düsteren Gestalten. "Mein Pit Bull hat mir schon zweimal das Leben gerettet, da bin ich sicher", sagt Lucas. "Aber es ist wieder echt, nicht so gekünstelt wie einige Bars inzwischen in Williamsburg, und nur drei Stationen weiter mit dem L-Train."

Der L-Train ist die Lebensader des Viertels, in nur zehn Minuten pendeln die Williamsburger in der Subway unter dem Wasser nach Manhattan, nach "Bucktown". Morgens, abends, nachts, zur Arbeit, zur Party, ins Bett. An der Bedford Avenue Station sitzt immer ein Polizist, damit den Künstlerkindern und Freaks nichts passiert - ihm gegenüber meist Saxofonspieler oder Trommler.

Bis jetzt haben Starbucks und McDonald's hier keine Filialen eröffnet. Noch gibt in Williamsburg mehr Sorten polnische Knackwurst, "Kielbasa", als in ganz Manhattan, und die Mosha-Bäckerei von 1890 verkauft nach wie vor Sauerteigbrot und Mohnschnecken. In der Dämmerung lassen die Züchter ihre Brieftauben über den Dächern Kreise schreiben, polnische Fleischerläden verkaufen letzte Blintzes, Crêpes mit Quarkfüllung, und Graffiti-Sprüher räumen Leitern weg. Abends wird in der blau erleuchteten Blue Lounge mit Pin-up-Fotos an den Wänden im Hinterzimmer Theater gespielt. An der Theke sammeln sich die Pioniere, Williamsburger der ersten Stunde. Heute muss man kein Viertel mehr erobern, heute muss man Schlupflöcher kennen.

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