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Zagreb: Tristesse, schwer zu ertragen

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Kroatiens Haupstadt Das Beste an Zagreb? Die Autobahn ans Meer

Sie ist ausgerufen als "Number One Destination" Europas 2017. Dabei macht Zagreb eher das Rennen als "Most Boring City". Eine Gebrauchsanweisung, wie Tristesse vielleicht doch zum Abenteuer werden kann.

Zagreb also, die Hauptstadt. Keine der kroatischen Inseln an der Adria, auf denen sich "der halbe Prenzlauer Berg" trifft, wie es heißt. Sondern Zagreb, Metropole mit fast 800.000 Einwohner, deren Sommer-Highlight das Konzert von Duran Duran war, auch im entlegensten Viertel unüberhörbar. Ein Ort, als wäre "Ordinary World"  Lokalhymne. In einem Land, dessen Währung Kuna heißt, übersetzt "Marder", das provinziellste aller Tiere.

Das also ist Zagreb, von den Trendsettern von "Lonely Planet" als "Number One Destination" der Kategorie "Best in Europe" für 2017  ausgerufen, wie das Tourismusbüro auf dem zentralen Platz groß plakatiert. Mitten in einer Fußgängerzone, die nach Bruchsal aussieht oder Rostock oder Bochum. Mit Kaffeebar an Kaffeebar, eine wie die andere im globalen Lounge-Look der Jahrtausendwende. Und mit der geschätzt höchsten Dichte an Drogeriemärkten, Eisdielen und "Frizer"-Salons des Kontinents. Das beste Reiseziel Europa also.

In Zagreb beginnt das Reisen erst, wenn die Ränder in den Blick geraten. Wenn einem der Dolac-Markt mit seinen rot-weißen Markisen genauso schnurz ist wie die St.-Markus-Kirche mit ihrem kunterbunten Dach, der Rest der Puppenstubenoberstadt oder die ganzen austauschbaren Shops der Unterstadt.

An den Rändern finden sich in Zagreb Momente, die aus der Ödnis ein Abenteuer in Langeweile machen, in dieser Metropole, die eher im Rennen scheint für den Titel der "MBC", der "most boring city", mindestens "of Europe". Hier eine Gebrauchsanleitung in acht Schritten zur Erkundung der Stadt aus ungewohnter Perspektive - und zwar...

...per Tram...

Am besten lässt sich in Zagreb das Straßenbahnfahren wiederentdecken. Da Radeln hier nur langsam und auf dem Bürgersteig möglich ist, selbst für hartgesottenste Metropolen-Biker. In angestaubtem Azurblau ziehen die Trams hart um die haarigsten Kurven, der Wind zieht durch die weit geöffneten Schiebefenster. Die gelassenen Fahrer reichen einem für ein gebrochenes "Dvije karte, molim" und acht abgezählten Kuna wortlos zwei Tickets durch die kleine Luke.

...zur Seetristesse...

So geht es etwa mit der Linie 6, der 7, der 8 gen Süden über die Save bis an die braun-bröselnden Banlieue-Bauten und zur Haltestelle "Most Mladosti", reinster Betonbrutalismus. Gen Westen liegt der See Bundek: künstlich angelegt, hinter einem Park, mit Kieselufer und einem Wasserstand so niedrig, dass die Entengrütze Klumpen bildet. Eine Tristesse, der kein Foto gerecht wird. (Und die übrigens beim größeren, ebenfalls künstlichen Jarun-See im Südwesten in ihrem atemberaubenden Ausmaß noch viel schwerer zu ertragen ist.)

...zum Flohmarkt...

Gen Osten findet am Wochenende der riesige "Hrelic"-Flohmarkt statt. Einer, der ganz unauffällig schon an der Haltestelle zwischen den Betonbrückenpfeilern beginnt, dessen Ausläufer sich fast 500 Meter über den schmalen Deichpfad bis zu einem riesigen Platz winden. Wo Händler kaputte Federbälle verkaufen oder alte Plastiktüten auf einer Decke anbieten, als wären es Preziosen. Dinge, die einem die Scham ins Gesicht treiben. Weil sich auf Flohmärkten zeigt, was die Menschen vor Ort an Überflüssigem besitzen. Hier, auf dem Deich zum eigentlichen Marktareal weiter im Osten: offenbar nichts.

...zur Kunst...

Wie wenig dieses Nichts ist, zeigt sich nur fünf Haltestellen mit der Linie 7 entfernt gen Westen: im Museum für Moderne Kunst, das an die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe erinnert, aber keine zehn Jahre alt ist. Vier Stockwerke voll mit kroatischen und internationalen Werken - von Marina Abramovic über Sechzigerjahre-Skulpturen von Jesús Raphael Soto samt dem überwältigenden, nachgebauten Atelier von Ivan Kožaric - und über drei Stunden lang kein einziger anderer Besucher im ganzen Gebäude. Zeit für Kunst, so scheint es, ist Luxus. Und die Doppelrutsche von Carsten Höller  runterzudüsen, auch.

...den Palatschinken...

Wer vom Museum aus mit der Linie 14 die Runde weiter nach Westen fährt, wird bei der Station "Studentski Centar" endlich erfahren, wo all die anderen sind, die auf die Uniformität der Plastikfußgängerzonenbars keine Lust haben. Im Palatschinken-Lokal Latina Palacinke  am besten für umgerechnet drei Euro einen Pfannkuchen mitnehmen und auf der anderen Straßenseite mit dem Lokalbier Amber runterspülen: im Krivi Put , einer hinter Hecken versteckten unaufgeregten Kneipe samt Biergarten. Immer voll und immer stehen hinter der Theke motzende Typen. Dass "Krivi Put" auf Deutsch ausgerechnet "Der falsche Weg" heißt, zeigt, wie richtig es hier ist. (Alternative: der Art Park , ebenfalls versteckt.)

...zum Berg...

Die 14 fährt dann weiter gen Norden, bis zur Endhaltestelle am Fuße des Medvednica-Bergs. Dann weiter per Bahn, eine Uraltversion, die in Dolje hält, wo die Häuser aufhören. Zu Fuß geht es in den Wald durch einen Tunnel - gebaut für die Bahn, die hier nie fuhr. Nach zwei Stunden endet der Trampelpfad an einer Ruine: der Villa Rebar aus dem Jahr 1932, zuletzt ein Ausflugslokal, davor Wohnhaus von Ante Pavelic, dem kroatischen Diktator während des Zweiten Weltkrieges. Die Aussicht auf Zagreb von den Resten des ersten Stocks aus ist hervorragend.

...an die Küste...

Das Beste an Zagreb, ätzt mancher, ist die Autobahn an die Küste. Und zwar zur Hafenstadt Rijeka an der Kvarner-Bucht, anderthalb Stunden entfernt und europäische Kulturhauptstadt 2020 . Dass sie mal "Fiume" hieß und bis 1947 zu Italien gehörte, spürt jeder, sobald er aus dem Auto gestiegen ist.

Hier geht man tagsüber schwimmen an Badestellen, die in Beton ans Ufer gegossen sind, vor einer Kulisse aus Werften und Containerhafen. Und isst abends Fisch mit Blick aufs Zollgebiet am Wasser. Wo sich alte Fischer über eine Brücke aufs abgeriegelte Gelände hangeln, um von dort zu angeln. Und wo Titos alter Tanker steht und vor sich hinrostet. Bewacht von drei Sicherheitsmännern.

...und am Ende geht es wieder zurück nach Zagreb. Um nach Rijeka ordentlich Rakija zu trinken, kroatischen Obstbrand. Gibt es in jedem Supermarkt.