Astrid Lindgrens Stockholmer Wohnung Pippi aus der Dalagatan

Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf und Karlsson - hier purzelten sie in ihr fiktives Leben. In der Wohnung im Stockholmer Vasaviertel schrieb Astrid Lindgren all ihre Bücher. Ein Besuch wie in einer Zeitkapsel.

Jacob Forsell/ Visit Sweden/ TMN

Eigentlich hat man den Eindruck, Astrid Lindgren wäre nur mal eben raus. Milch holen vielleicht oder in den Verlag gegangen, in dem sie als Kinderbuchlektorin arbeitete. In der Küche steht ein halb gefülltes Marmeladenglas, Apfelsinen liegen auf dem Tisch. Nur die Gläschen im Gewürzregal gibt es heute so nicht mehr zu kaufen. Und auch die Möbel wirken so, als würde man noch einmal die Wohnung seiner lang verstorbenen Großeltern betreten.

Die Vierzimmerwohnung in der Dalagatan 46 im Stockholmer Vasaviertel ist Lindgren-Kennern vertraut: aus "Karlsson vom Dach". Seit einiger Zeit kann man sie besichtigen. Warum es solange gedauert hat, erklärt Cilla Nergårdh, Sprecherin der Lindgren-Erben: "Als Astrid 2002 starb, war sich die Familie darüber im Klaren, dass viele Leute gerne sehen würden, wo und wie sie gelebt hat." Das Problem war, dass Lindgrens Tochter Karin Nyman - heute ist sie über 80 - den Ort ihrer Kindheit und Jugend nicht in fremde Hände geben wollte.

"Schließlich hat die Familie gesagt: Lasst uns einfach ganz klein anfangen mit Gruppen von maximal zwölf Personen." Nun kann man sich über eine Website anmelden. Und dann eintauchen in die Zeitkapsel. An der etwas schäbigen Wohnungstür im ersten Stock hängt ein Schild: "A Lindgren".

Kurzes Klingeln, die Tür wird geöffnet. "Guten Morgen, gut gefunden?" Man tritt ein, hängt den Mantel auf. Auf dem Weg durch den Flur knarren die Dielenbretter. Im Esszimmer steht eine Tasse Tee auf dem Tisch. Ist Astrid Lindgren vielleicht gar nicht...? Doch. Aber hin und wieder kommen hier noch die Tochter und die Enkel von Astrid Lindgren zusammen. Die Wohnung hat dadurch überhaupt nichts Museales.

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Stockholmer Wohnung: Als wäre Astrid Lindgren noch da

Astrid Lindgren bezog die Wohnung 1941, gemeinsam mit ihrem Mann Sture, ihrem 15 Jahre alten Sohn Lars und ihrer damals sieben Jahre alten Tochter Karin. Es gefiel ihr so gut, dass sie ein richtig schlechtes Gewissen hatte, ein so schönes Zuhause zu haben, während in Europa der Zweite Weltkrieg wütete. Mehr als 60 Jahre lebte sie hier, bis zu ihrem Tod im Alter von 94 Jahren.

Die Wohnung ist der Entstehungsort all ihrer Bücher. Sie schrieb sie im Bett - ausschließlich morgens direkt nach dem Wachwerden. Die mechanische Schreibmaschine im Arbeitszimmer nutzte sie nur, um ihre in Stenoschrift verfassten Manuskripte abzutippen. Ein anderes Bett ist ebenfalls legendär: Es steht im Gästezimmer und gehörte einst ihrer Tochter Karin.

1941 musste sie darin eine Lungenentzündung auskurieren, und weil sie sich langweilte, sagte sie zu ihrer Mutter: "Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf!" Damit ging es los. Als Astrid Lindgren 1944 auf einem der vereisten Wege im Vasapark ausrutschte, sich den Fuß verstauchte und selbst das Bett hüten musste, begann sie, die Geschichten aufzuschreiben.

Den Vasapark, das kleine Stück Natur direkt vor ihrer Haustür, liebte sie. Im Winter laufen Kinder dort Schlittschuh, die großen alten Bäume sind schneebedeckt, und dahinter ragen die stattlichen Altbauten des Vasaviertels auf. Irgendwo dort zwischen den Schornsteinen müsste Karlsson wohnen. Die Wege im Park sind immer noch vereist. Wenn man nicht aufpasst, rutscht man aus, genau wie Astrid Lindgren.

Illusionen der ländlichen Idylle

Millionen Menschen sind mit den ländlichen Paradiesen Bullerbü, Lönneberga und Birkenlund aufgewachsen - Orten, an denen Kinder noch Kinder sein durften. Sie verbinden den Namen Lindgren vor allem mit ländlicher Idylle.

Doch die Autorin selbst hat ihr ganzes langes Erwachsenenleben in der Großstadt verbracht. Mit 18 Jahren verließ sie ihren kleinen Heimatort Vimmerby, weil sie unverheiratet ein Kind erwartete, ging nach Stockholm und zog dort nie wieder weg. In ihrer Wohnung erinnern nur einige Bilder über ihrem Bett an die Bullerbü-Kindheit.

Überhaupt hängen die Wände voller Bilder, viele davon Originalzeichnungen aus ihren Büchern. In einer Ecke steht eine blau-weiße Schüssel: ein Geschenk des russischen Präsidenten Boris Jelzin, der sie 1997 besuchte. In der früheren Sowjetunion erzielten ihre Bücher neben Deutschland die höchsten Auflagen.

Vor allem aber gibt es viele Sofas, alle ganz unterschiedlich, wie improvisiert. Journalisten haben mehrfach berichtet, wie Astrid Lindgren darauf bestand, dass sie sich direkt neben sie setzten. Dann ergriff sie die Hand des Besuchers oder knuddelte ihm sogar die Wange.

Diese Erfahrung lässt sich natürlich nur noch nachlesen. Astrid Lindgren ist nicht mehr da. Und diesen Verlust, diese Leere spürt man deutlich. Die Wohnung gibt einen Eindruck davon, wie Astrid Lindgren gelebt hat. Aber finden kann man sie nur noch in ihren Büchern.

Von Christoph Driessen, dpa/abp



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mirage122 02.02.2017
1. Wunderbar!
Astrid Lindgren hat Kinder wirklich geliebt und kannte ihre Seelen. Für mich ist sie heute noch die allerbeste Kinderbuch-Autorin, die es jemals gab. Ich sage ganz einfach mal: Herzlichen Dank für die wunderbaren Stunden mit ihren Büchern mit Sohn und Enkelkinder.
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