Ein Mädchen steht in Indonesien nach sintflutartigen Regenfälle auf einem überschwemmten Grundstück (Foto aus dem Jahr 1983)
Ein Mädchen steht in Indonesien nach sintflutartigen Regenfälle auf einem überschwemmten Grundstück (Foto aus dem Jahr 1983)
Foto: Steve McCurry

Weltberühmter Fotograf Was haben Sie auf Ihren Reisen über Kindheit gelernt, Steve McCurry?

Er fotografiert seit mehr als 50 Jahren und ist vielfach ausgezeichnet worden. Nun, mit 71, veröffentlicht Steve McCurry ein Buch, in dem ausschließlich die Kinder zu sehen sind, die er bei seiner Arbeit weltweit traf.
Ein Interview von Nike Laurenz

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SPIEGEL: Mr McCurry, Sie machen seit mehr als fünf Jahrzehnten Fotos von Menschen. Sind Erwachsene oder Kinder die besseren Protagonisten?

McCurry: Es ist leichter, mit Erwachsenen zu arbeiten, weil man mit ihnen viel einfacher kommunizieren kann. Erwachsene sind sich ihrer selbst bewusster, sie verstehen, was passiert, wenn ein Foto von ihnen gemacht wird. Zu Erwachsenen kann man sagen: »Setz dich doch mal bitte so hin.« Aber das macht das Fotografieren eben auch viel geplanter. Kinder sind überraschender, sie bewegen sich freier. Es ist ein faszinierendes Abenteuer, Kinder zu fotografieren, natürlich sind sie die besseren Protagonisten.

SPIEGEL: Zählen Sie mal auf: Wo haben Sie Kinder fotografiert?

McCurry: In sehr vielen Ländern der Erde, auf jedem Kontinent. In Russland, China, Indien, Südamerika. Überall, nur in der Arktis nicht.

SPIEGEL: Sie haben in diesen Ländern beobachten können, was Kindheit bedeutet. Was haben Sie in all der Zeit darüber gelernt?

McCurry: Dass es keine perfekte Kindheit gibt, weil die Welt dafür zu unperfekt ist. Ich habe Kinder fotografiert, die im Krieg aufgewachsen sind und trotzdem wahnsinnig verspielt waren, kreativ, fantasievoll. Und Kinder, die vermeintlich behütet aufgewachsen sind, die aber trotzdem in sich gekehrt wirkten. Interessanterweise hatte ich übrigens gerade in Europa und in den Vereinigten Staaten häufig das Gefühl, dass die Kinder mir dort skeptischer gegenübergetreten sind als in anderen Teilen der Welt. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber es war immer wieder so.

SPIEGEL: Was ist ein richtig gutes Kinderfoto?

McCurry: Ein Foto, das mitten in Aktion, mitten in einer Emotion entstanden ist. Auf einem guten Bild müssen nicht zwingend spielende Kinder zu sehen sein oder glückliche Kinder: Ein gutes Bild schafft es, Betrachterinnen und Betrachter an die Zeit zu erinnern, in der sie selbst Kind waren. Ein Ort, ein Blick, eine Bewegung, alles kann diese Erinnerung auslösen.

Fotostrecke

Blick ins Buch: Steve McCurrys »Stories and Dreams: Portraits of Childhood«

Foto: Steve Mccurry

SPIEGEL: Welchen Moment werden Sie nie vergessen?

McCurry: Viele! Aber vor allem nicht die Szene, die auf dem Cover des Buches zu sehen ist. Das Bild zeigt Kinder in einem Klassenzimmer in der afghanischen Stadt Bamiyan. Ich war im Jahr 2007 dort. Ich finde, dass das Foto ganz viel darüber erzählt, was Kindheit bedeutet: die Blicke der Kinder, die Augen, in denen so viel Eifer und Neugier und Aufbruchsstimmung liegt. Diese völlige Unschuld, mitten in einer sehr prekären Lebenssituation: Das können nur Kinder.

SPIEGEL: Es gibt Bilder von Ihnen, die weltberühmt wurden, zum Beispiel das Foto, das Sharbat Gula zeigt: ein Mädchen mit stechend grünen Augen, einem roten Schleier und sehr misstrauischem Blick. Sie haben sie 1984 porträtiert.

McCurry: Ich war zu der Zeit in dem pakistanischen Flüchtlingscamp Nasir Bagh unterwegs, weil ich dazu beitragen wollte, Aufmerksamkeit auf die unendlich vielen Hilfesuchenden zu lenken, die sich in Camps wie diesem aufhielten. Damals waren Millionen Menschen vor der sowjetischen Besatzung Afghanistans geflohen. Ich habe neben Sharbat Gula auch andere Kinder in dem Camp fotografiert, aber ihr Blick stand wohl sinnbildlich für das Leid der Bevölkerung zu dieser Zeit.

SPIEGEL: Das Foto erschien auf dem Cover des Magazins »National Geographic«. Haben Sie den Kontakt zu Sharbat Gula seither gehalten?

McCurry: Ich habe es versucht, aber es war sehr schwer. Ich konnte sie 2002 wieder ausfindig machen, nach dem damaligen Ende der Taliban-Herrschaft in dem Land. Ich war erleichtert, als ich erfuhr, dass sie überlebt hat. Ich stehe nicht in regelmäßigem Kontakt zu ihr, das ist in dieser Kultur eben nicht ganz leicht, weil ich ein Mann bin. Meine Schwester hat Sharbat damals einige Male besucht, viel mehr möchte ich dazu aber auch nicht sagen.

SPIEGEL: Offiziellen Informationen zufolge wurde Gula im Jahr 2016 in ihre Heimat zurückgeschickt, da Pakistan den Druck auf afghanische Flüchtlinge erhöhte, das Land wieder zu verlassen. Wissen Sie, wie es ihr heute geht?

McCurry: Was ich weiß ist das, was ja auch an die Öffentlichkeit gelangt ist: Sharbat Gula wurde vor wenigen Wochen aus Afghanistan nach Italien ausgeflogen. Sie hatte darum gebeten, das Land nach der Machtübernahme der Taliban verlassen zu können, und Hilfsorganisationen haben den Appell offenbar weitergetragen.

SPIEGEL: Lassen Sie uns noch ein wenig über andere Momente Ihres Schaffens sprechen, in denen Sie Kinder fotografiert haben. Wie kam zum Beispiel das Foto von dem Jungen im Superman-Kostüm in Myanmar zustande?

McCurry: Ich habe diesen Jungen vor etwa zehn Jahren in Mandalay in Myanmar getroffen. Er lebte im Marmorschnitzerviertel, wo jedes Jahr Zehntausende Statuen geschnitzt werden. Ich glaube, der Junge war gerade auf dem Weg zu seinem Onkel. Ich fand es toll, wie sehr er in diesem Superman-Charakter drin war. Ich habe ihm nicht gesagt, dass er für mich posieren soll, er hat die Fäuste von sich aus so kraftvoll gereckt.

SPIEGEL: Ein Foto aus dem Jahr 1982 zeigt Kinder im Libanon. Sie klettern auf einem Geschütz herum, das an einen Panzer erinnert.

McCurry: Eins der Bilder, das zeigt, wie Kinder dazu in der Lage sind, sich ihre Räume zurückzuerobern. Ganz gleich, wie schlimm die Situation ist, wie gefährlich die Umgebung, Kinder müssen spielen. In Beirut habe ich das gesehen: Sie machen verlassene Kriegsgeräte zu ihrem Spielplatz, Panzer, Flugzeuge und Militärflugzeuge werden zu Klettergerüsten. Was für eine Ironie. Und gleichzeitig steht diese Szene symbolisch für die Widerstandsfähigkeit dieser jungen Menschen.

Kinder in Beirut, Libanon (1982)

Kinder in Beirut, Libanon (1982)

Foto:

Steve McCurry

SPIEGEL: Haben Sie Momente erlebt, in denen Sie sich entscheiden mussten, ob Sie Kindern helfen, sie vielleicht sogar retten – oder sie fotografieren?

McCurry: Nein, diese Momente gab es, wenn ich zurückschaue, eigentlich nicht. Kurz noch mal zurück zu dem Bild aus Beirut: Ich glaube, dass das Geschütz kaputt war, nicht mehr gefährlich, ich habe da also nicht gestanden und zugeschaut, wie die Kinder eventuell gleich schwer verletzt werden. Aber klar, es gab immer wieder Momente, in denen ich Menschen gesehen habe, die sehr litten. Ich habe oft Essen besorgt, mit Geld ausgeholfen... Vor dem Foto kam immer die Menschlichkeit.

SPIEGEL: Waren Sie auch mal in Deutschland, um Kinder zu fotografieren?

McCurry: Ich habe kurz nach dem Fall der Mauer ein Projekt gemacht, da habe ich eine ostdeutsche und eine westdeutsche Familie über mehrere Wochen begleitet und anschließend ihr Leben miteinander verglichen. Die Ostdeutschen fuhren Trabant, heizten mit Kohle, trugen ganz andere Klamotten als die Westdeutschen. Aber: Menschlich gab es keine Unterschiede. Beide Familien waren herzlich und offen.

SPIEGEL: Vor einigen Jahren mussten Sie sich den Vorwurf gefallen lassen, einige Ihrer Bilder mithilfe digitaler Bildbearbeitung manipuliert zu haben. In einem Interview mit dem »Time Magazine«  erklärten Sie daraufhin, Sie seien ein visueller Geschichtenerzähler, kein Fotojournalist. Gibt es in Ihrem aktuellen Buch Fotos, die Sie nachbearbeitet haben?

McCurry: Nein.

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McCurry, Steve

Stories and Dreams: Portraits of Childhood

Verlag: Laurence King Publishing
Seitenzahl: 208
Für 30,12 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

30.01.2023 17.16 Uhr

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SPIEGEL: Müssen Sie Erziehungsberechtigte um Erlaubnis bitten, bevor Sie Kinder fotografieren und die Bilder veröffentlichen?

McCurry: Ja. Es geht nicht immer, aber wenn es geht, dann tue ich das.

SPIEGEL: Haben Sie selbst Kinder?

McCurry: Ich habe eine vierjährige Tochter, die ich natürlich auch sehr, sehr gern fotografiere. Mit Smartphone, mit meinen Kameras, ich laufe ihr ständig hinterher und mache Bilder. Ich habe das Gefühl, dass ich mit ihr nun noch einmal ganz intensiv durchlebe, was ich in all den Jahren immer nur beobachten konnte. Sie finden sie auch im Buch, ganz hinten, auf dem allerletzten Bild: Sie rennt durch einen Tunnel.

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