Corona-Auswirkungen in Tirol Und Abfahrt

Tirol ist nun offiziell Corona-Risikogebiet. Für Gastronomen endet die Saison frühzeitig, tausende Wintersportler brechen abrupt auf. Die Heimreise wird mitunter zur Odysee. Unser Autor Holger Dambeck schildert seine Eindrücke.

Foto: Holger Dambeck/ DER SPIEGEL

Es sollte ein Skiurlaub werden wie jedes Jahr: Eine Woche nach Galtür, mit dem Snowboard durch den Tiefschnee, Wandern durch die weiße Winterlandschaft, abends Kaiserschmarrn. Die ersten Tage waren wunderbar - doch von Tag zu Tag wurde das neuartige Coronavirus immer mehr zum bestimmenden Thema.

Da waren die Nachrichten aus Deutschland: Geisterspiele im Fußball, geschlossene Theater. Und da war der Bericht unseres Vermieters in Galtür: Im benachbarten Ischgl, eines der größten Skigebiete der Alpen, habe es in der Aprés-Ski-Bar Kitzloch einen Corona-Fall gegeben. Der Wirt habe alle Angestellten in Quarantäne geschickt, die Bar desinfiziert und einen Tag später selbst am Tresen gestanden, damit der Betrieb weitergehe.

Wir ahnten noch nicht, dass wir wenige Tage später sieben Stunden in einem Bus sitzen sollten, nicht wissend, wo und wie wir die Nacht verbringen würden.

Aus dem einen Corona-Fall in Ischgl wurden binnen weniger Tage Dutzende: Mitarbeiter aus der Bar wurden positiv getestet, mehrere Skilehrer im benachbarten Kappl – und auch Ischgl-Besucher, die nach einer Woche im Schnee wieder zurück nach Hamburg gereist waren.

Inzwischen war klar: Große Skiorte wie Ischgl mit viel internationalem Publikum sind perfekte Verteilstationen für das Virus. Jede Woche reisen Tausende Menschen aus ganz Europa an. Es reichen wohl ein, zwei Infizierte, die jeden Abend die Nacht durchfeiern – und aus zwei Infizierten werden schnell 20, 50 oder 100.

Auf die Schließung der Aprés-Ski-Bars folgte einen Tag später die Schließung des Skigebietes Ischgl zum Ende der Woche – und kurz danach die Schließung aller Skigebiete in Tirol. Die Saison, die in Ischgl bis Anfang Mai reicht, war damit zu Ende.

Die letzten Urlaubstage fühlten sich seltsam an. Am Wochenende würde hier Schluss sein. Aber noch lief der Skibetrieb weiter. Bis Freitagnachmittag plötzlich Panik ausbrach: Das Paznauntal, zu dem die Orte Ischgl, Galtür, Kappl und See gehören, war ab 14 Uhr abgeriegelt. Ich war gerade aus der Gondel ausgestiegen, als mir eine Frau davon erzählte. Alle Urlauber sollten das Tal verlassen, besser heute, besser sofort.

Wir fuhren in unsere Ferienwohnung, warfen die Sachen schnell in die Taschen – und versuchten herauszufinden, ob wir nicht auch wie geplant am Samstagmorgen abreisen könnten. Da hatten wir ja Zugtickets. Unser Vermieter sagte uns: Alle Österreicher dürfen das Tal für 14 Tage nicht mehr verlassen, eine Abreise sei nur noch für ausländische Touristen erlaubt.

Aber womöglich riegelt das Land Tirol das Tal ja schon bald für alle ab? Die Aussicht, womöglich zwei Wochen in Galtür in Quarantäne zu stecken, schreckte uns. Wir entschieden, sofort abzureisen. Unsere Tochter konnte mit einem Freund aus Hamburg im Auto mitfahren, für sie und ihr Gepäck hatte er noch Platz.

Meine Freundin und ich nahmen den Bus, der am Freitag gegen 16.30 Uhr Richtung Landeck startete. Von dort müssten wir es mit dem Zug locker noch bis München schaffen, dachte ich. Dort wollten wir bei einem Freund übernachten.

Doch daraus wurde nichts.

Foto: Holger Dambeck/ DER SPIEGEL

Die überhastete Abreise vieler Skiurlauber und die langwierige Kontrolle am Checkpoint wenige Kilometer vor dem Talausgang sorgte für einen gigantischen Stau. Fast sieben Stunden brauchte der Bus für die Strecke bis Landeck, die normale Fahrzeit liegt bei 80 Minuten. Und wegen der langen Verspätung war unklar, ob wir an diesem Abend überhaupt noch vom Bahnhof Landeck wegkommen würden.

Der Busfahrer nahm es mit Humor: "Davon können Sie in 20 Jahren Ihren Enkeln noch erzählen." Am Checkpoint standen Polizisten mit Schutzmasken und kontrollierten jeden. Alle Österreicher und alle Saisonkräfte, egal welcher Nationalität, wurden zurückgeschickt. Nur mit einer Gästekarte oder einem Schreiben des Vermieters durfte man weiterfahren.

Vor uns saß ein Mann aus Landeck, der regelmäßig zum Arbeiten ins Paznauntal fährt. Nun musste er für zwei Wochen in Quarantäne – nicht zu Hause, sondern in einer Unterkunft im Paznauntal. Seine Tochter sei allein zu Hause in Landeck, sagte er. Doch die Polizei blieb hart: Alle Österreicher müssten im Tal bleiben. Er musste den Bus verlassen.

Foto: Holger Dambeck/ DER SPIEGEL

Vom Vermieter bekamen wir per WhatsApp einen Informationszettel des Landes Tirol: Wir sollten ohne Zwischenstopp direkt nach Hause fahren, hieß es, und uns dort 14 Tage in Heimquarantäne begeben.

Das gestaltete sich allerdings schwierig: Unser Bus kam gegen 23.30 Uhr auf dem Bahnhof Landeck an – und dort fuhr zu unserer Überraschung tatsächlich noch ein Zug ab – der Nachtzug nach Wien über Innsbruck. Wir stiegen ohne Ticket ein, erklärten dem Schaffner die Situation und reservierten ein Hotel in Innsbruck. Immerhin mussten wir die Nacht nicht auf einem Bahnhof verbringen. Damit hatten wir nämlich längst gerechnet.

Am nächsten Morgen stiegen wir in einen Direktzug nach Hamburg. Unser Ticket galt zwar nur für einen Zug am Nachmittag, aber wir sollten ja zügig nach Hause.

Nun sitzen wir im Zug nach Hamburg und können immer noch nicht so recht glauben, was in dieser einen Woche im Schnee alles passiert ist, wie sich die Lage von Tag zu Tag immer mehr zuspitzte. In Österreich bleiben ab Montag fast alle Geschäfte geschlossen – bis auf Apotheken, Drogerien und Supermärkte. Nach unseren Erfahrungen müsste das Gleiche eigentlich spätestens am Mittwoch auch in Deutschland passieren.

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Wir denken aber auch an die Menschen in Tirol, die vom Skizirkus leben: Sie trifft das frühzeitige Ende der Saison hart. Ein Hotelbetreiber in Galtür, der nun all seinen Gästen für die kommenden Wochen absagen musste, blieb trotz allem positiv: "Das Leben geht weiter." Das sei nach der Lawine 1999 so gewesen. Damals waren 31 Menschen in Galtür gestorben. Und man werde auch die Corona-Krise überstehen.