Familie von Bargen aus Norddeutschland, seit knapp zwei Jahren sind die sechs schon Weltreisende
Familie von Bargen aus Norddeutschland, seit knapp zwei Jahren sind die sechs schon Weltreisende
Foto: Jürgen Heck

Mit vier Kindern im Lkw auf der Panamericana "Bei uns ist nicht alles Kokosnuss und Sonnenschein"

Familie von Bargen ist unterwegs von Kanada nach Feuerland, als Corona sie stoppt. Und damit steht nicht nur eine Reise auf dem Spiel, sondern ein Lebensentwurf. SPIEGEL TV hat den Trip für das ZDF begleitet.
Von Andreas Sawall

Hundert Kilometer südlich von Quito haben die von Bargens ihren Venedig-Moment: Sie stehen an einem touristischen Hotspot - und sie haben ihn ganz für sich. Die Allee der Vulkane ist ein fester Programmpunkt auf fast jeder Ecuador-Reise. Doch an diesem Tag im Juli staunt außer der Familie niemand darüber, wie schön sich der Cotopaxi in den Himmel streckt. Da ist sonst keiner, der den fast 6000 Meter hohen Vulkan mit seinem schneebedeckten Gipfel fotografiert.

Das Coronavirus hat auch in Ecuador den Tourismus zum Erliegen gebracht. Die von Bargens  sind im Juli 2020 einige der wenigen Reisenden, die immer noch im Land sind.

Genau vor zwei Jahren ist die sechsköpfige Familie aus der kleinen Stadt Plön in der Nähe von Kiel aufgebrochen. Seitdem ist sie auf einem Roadtrip, der sie bereits mehr als 18.000 Kilometer weit gebracht hat. Von Halifax an der kanadischen Ostküste ging es nach Vancouver und dann immer weiter nach Süden, entlang der Panamericana quer durch Mittelamerika bis nach Panama. Nur für den Sprung nach Südamerika mussten sie "Roger", ihren selbst ausgebauten Lkw, verschiffen.

Fotostrecke

Ein Traum, ein Roadtrip - von Plön auf die Panamericana

Foto: Ivan Castaneira

Der umgebaute Zwölftonner hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Es gibt ein Badezimmer mit einer Warmwasserdusche und eine Toilette mit Spülung. Für kalte Tage hat Vater Timm einen normalen Holzofen eingebaut, und eine ausziehbare Wohnkabine vergrößert den Innenbereich um zwei Quadratmeter.

"Roger" ist das perfekte Reisemobil für Fahrten abseits der Zivilisation: Der Wassertank fasst 700 Liter, der Dieseltank 750 Liter. Abwasser und Duschwasser werden für die Klospülung recycelt, Solarpanels auf dem Dach liefern Strom. Außerdem ist Platz für ein Quad - für den Fall, dass "Roger" schlapp macht, irgendwo im Dschungel oder in der Wüste.

Der Lastwagen "Roger" wurde Familie von Bargen zum Zuhause

Der Lastwagen "Roger" wurde Familie von Bargen zum Zuhause

Foto: Ivan_Castaneira

"Roger", das Wunderauto

Trotz aller Raffinessen: "Roger" ist immer noch ein Auto - und zwei Jahre sind eine lange Zeit, wenn sich sechs Menschen zehn Quadratmeter teilen. "Natürlich ist bei uns nicht alles Kokosnuss und Sonnenschein", sagt Mutter Michaela, "manchmal kracht es richtig, aber diese Art zu reisen hat den Vorteil, dass man alle Konflikte sofort lösen muss."

Die älteste Tochter Lotta war 15 Jahre alt, als sie in Deutschland losgefahren sind, inzwischen ist sie 17. Manchmal vermisst sie ihre Freunde, und dennoch kann sie sich kaum noch vorstellen, nur an einem Ort zu leben. Genauso wie ihre Geschwister Paula, Carl und Max. Denn das Reisen war schon immer ein Teil des Familienlebens.

Vor sechs Jahren haben sie Afrika durchquert. Für die Route von Kapstadt nach Deutschland reichte ihnen damals noch ein Jeep. Inzwischen sind aus den beiden Töchtern Teenager geworden. Paula ist jetzt 13, Carl 11 und Max 9 Jahre alt. Allen war es wichtig, für den nächsten großen Trip eine eigene Schlafkoje zu haben. Also haben sie den Jeep gegen ein fahrendes Zuhause eingetauscht.

Die Hüter der Welt

Im Februar, als die Familie im Norden Kolumbiens unterwegs ist, im Hochgebirge der Sierra Nevada de Santa Marta, bewährt es sich, dass der Truck so lange autark unterwegs sein kann. Denn die von Bargens sind auf dem Weg zu den zurückgezogen lebenden Kogi-Indianern.

Die Angehörigen des indigenen Volks sehen sich als die Hüter der Welt. Sie spüren, so sagen sie, dass die Welt außerhalb ihrer Wälder und Gebirge leidet, obwohl sie weder Zeitung lesen noch das Internet nutzen. Die Kogi sehen sich in der Verantwortung, die Natur im Gleichgewicht zu halten.

Für die Familie aus Deutschland ist dieser Besuch ein Eintauchen in eine vollkommen andere Welt, besonders die Kinder staunen, mit wie wenig materiellem Besitz die Kogi auskommen. Gleichzeitig ist es eine Erfahrung, die nachdenklich stimmt. Manipulieren wir als Reisende nicht immer auch die Lebensräume der Menschen, die wir besuchen? "Das Gefühl, mehr geduldet als willkommen gewesen zu sein, mich aufgedrängt zu haben, mag einfach nicht weichen", sagt Michaela.

Gestrandet in Ecuador

Einige Wochen später holt sie der Alltag mit voller Wucht wieder ein. Das Coronavirus hat Südamerika erreicht, Mitte März verkündet die kolumbianische Regierung die Schließung aller Grenzen binnen 24 Stunden. Zu diesem Zeitpunkt ist die Familie im Süden Kolumbiens in Richtung Ecuador unterwegs und passiert die Grenze in allerletzter Minute. Wenige Stunden danach sind alle Übergänge dicht.

Ihr erster Anlaufpunkt ist das Camp eines deutschen Auswanderers in der Nähe der kleinen Stadt Ibarra, 115 Kilometer nördlich von Quito. In diesem Moment ahnen sie noch nicht, dass die Finca "Sommerwind"  für die nächsten drei Monate ihr Zuhause sein wird. Denn Ecuador ordnet einen totalen Lockdown an. Nur zum Einkaufen darf die Familie das Camp verlassen. Weil es aber viel zu umständlich ist, den feststehenden "Roger" immer wieder fahrbereit zu machen, werden die Einkäufe nun mit dem Quad erledigt - eine willkommene Abwechslung für die Familie. Einziges Problem: Auf das Quad passen nur zwei Personen, also konstruiert Timm mit den Schlossern vor Ort einen eisernen Anhänger, auf dem alle Kinder Platz haben.

Auf der Finca sind nicht nur die von Bargens gestrandet. Für 30 Reisende aus Europa wird sie zum sicheren Hafen in dieser außergewöhnlichen Zeit. Viele nutzen die Rückführungsflüge ihrer Heimatländer. Für Michaela und Timm ist das keine Option. "Für uns steht nicht nur das Ende einer Reise auf dem Spiel, sondern ein ganzer Lebensentwurf", sagt Michaela. Es wird Tag für Tag stiller im Camp.

Die Weltreisenden sitzen fest. Michaela legt mit den Kindern einen Gemüsegarten an, Timm baut mit ihnen ein Baumhaus und repariert das Auto. Lotta und Paula nähen Atemmasken. Die Gipfel der Anden sind in Sichtweite und doch unerreichbar. Ein krasser Kontrast zu der Freiheit, die die Familie bis wenige Monate zuvor noch so genossen hatte. Niemand weiß, wie und wann es weitergeht. 

Change plans - wash hands

Zwölf Wochen nachdem sie das Camp erreicht hatten, gibt es im Juni die ersten Lockerungen der Reisebeschränkungen. Aber Reisen ist nun anders. Statt in die üblichen Reisehandbücher wird nun täglich auf die "Ampel" im Internet geschaut. Das Ampelsystem der ecuadorianischen Regierung entscheidet über die nächsten Etappen. Wenn eine Region von rot auf orange springt, dürfen die von Bargens hin.

Eigentlich wollte die Familie schon lange in Peru sein. Die legendären Stätten der Inka waren ein fest eingeplantes Ziel. Doch Peru verlängert das Einreiseverbot immer wieder, also wird umgeplant. Statt ins peruanische Cusco geht es nun in den Norden Ecuadors zu den pyramidenförmigen Ruinen eines mysteriösen Volkes, das im 13. Jahrhundert hier lebte. Forscher nennen sie die Quaranqui.

Sie hinterließen nichts als über 200 Meter lange und 100 Meter breite pyramidenförmige Fundamente. Auf diesen Fundamenten standen Häuser mit langen Rampen. Niemand weiß, wozu diese Rampen errichtet wurden. Ebenso ungeklärt ist, wer in den Häusern wohnte. Vielleicht waren es nur die Anführer mit ihren Familien, denn trotz der enormen Ausmaße stand auf jedem Pyramidenhügel nur ein Haus. Eine rätselhafte Kultur, deren Spur sich mit der militärischen Niederlage gegen die Inka im 16. Jahrhundert verliert.

Zum Glück ist Ecuador ein wunderbares Reiseland. Es ist nur in etwa so groß wie Italien, hat aber extrem viele verschiedene Landschaften, Klimazonen sowie Tier- und Pflanzenarten zu bieten. Und obwohl es ein neues Reisen ist, ändert sich für die Familie von Bargen nicht alles: Die Kinder - sie sind von der Schule abgemeldet - lernen mit den Eltern schon seit der Abfahrt aus Deutschland nach dem deutschen Lehrplan, und Timm erledigt seine Geschäfte als Vermögensverwalter per E-Mail und Telefon.

Die Familie hat kein festes Rückreisedatum. Ihr ging es nie darum, Ziele abzuhaken oder Instagram-Accounts mit Fotos zu füllen. Michaela und Timm wollten ihren Kindern vor allem zeigen, wie Menschen anderer Kulturen leben. So wie in Kolumbien - bevor das Coronavirus kam.

Das ist erst mal vorbei. Auch in Südamerika gilt: Abstand halten. Wann die von Bargens ihr Fernziel Feuerland erreichen, ist unklar. Zurzeit überlegen sie, ob sie nicht mal Urlaub vom Reisen machen sollten. Der Plan: ein Trip auf die Galapagos-Inseln. In einem gemieteten Haus schlafen - und zum ersten Mal seit langer Zeit ohne "Roger" sein. 

SPIEGEL TV hat für das ZDF Menschen auf Reisen rund um die Welt begleitet. In der dritten und letzten Folge geht es mit Familie von Bargen von Kanada bis Feuerland: Terra X "Abenteuer Freiheit - Unterwegs auf der Panamericana", Sonntag, 23. August, 19.30 Uhr im ZDF.