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Unterwegs in der Lagunenstadt Venedig war noch nie so entspannt wie jetzt

Venedig erwacht nach Hochwasser und Corona-Zwangspause gerade aus einer Art Dornröschenschlaf. Wer sich jetzt auf die Reise macht, hat Plätze, Strände und Venezianer fast für sich allein.
Von Johanna Stöckl

Kurz vor 17 Uhr herrscht an der Piazza San Marco eine ungewohnte Atmosphäre. Der große Platz ist praktisch leer. Nur wenige Menschen spazieren an diesem Abend zwischen Markusdom, Campanile, Dogenpalast und den alten und neuen Prokuratien.

In den Cafés und Bars an dem Platz, den Napoleon einst den "schönsten Festsaal Europas" nannte, haben sich nur eine Handvoll Touristen niedergelassen. Auch im berühmten 1720 eröffneten Caffè Florian, dem ältesten Kaffeehaus Italiens, bleibt ein Großteil der sonst so begehrten Terrassenplätze frei.

Aus dem Hintergrund ertönen Klavierklänge. Ein Pianist hat sein Instrument unter den Arkaden der Procuratie Nuove aufgestellt. Ein paar Möwen kreisen am blauen Himmel. Wer sich jetzt an diesem Ort befindet, zückt unweigerlich sein Mobiltelefon oder die Kamera, um den Moment für die Ewigkeit festzuhalten: Venedig fast ohne Touristen!

Ich bestelle einen Cappuccino und den alkoholfreien Cocktail "Memoires" dazu. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ein livrierter Kellner serviert die Getränke auf einem Silbertablett. Eine Karaffe Wasser, Chips und Oliven gibt es dazu. Insgesamt kostet mich meine Pause 23,50 Euro - heute ist mir das jeden Cent wert.

Noch als Venedig wie ganz Italien in der Coronakrise unter Ausgangssperren und Reisewarnung litt, hatte der Bürgermeister der vom Tourismus abhängigen Stadt zum Besuch aufgerufen: "Jedem, der sich in den kommenden Monaten bewegen kann, sage ich: Kommt nach Venedig", schrieb Luigi Brugnaro im April auf Twitter. Ich bin da - und fühle mich sicherer als zu Hause in München.

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Besuch in Venedig: besondere Atmosphäre

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Venedig hatte durch den frühen Lockdown vor dem Karneval kaum Corona-Fälle aufzuweisen, doch die Stadt und ihre Einwohner wollen nichts riskieren. Am Hoteleingang und am Dogenpalast wird Fieber gemessen, im Wassertaxi weisen Mitfahrer auf eine verrutschte Maske hin. Auf Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln kontrollieren Ordner die Einhaltung der Maskenpflicht. Ganz ohne Stress, dezent, aber die Carabinieri sind dennoch im Hintergrund anwesend.

"Arrivederci! Bis morgen?"

Im Caffè Florian möchte der etwa 50-jährige Chef de Rang wissen, woher man kommt und was man vorhabe. In holprigem Englisch erzählt er von schwierigen Monaten nach dem Hochwasser und dem Lockdown. Am Nachbartisch sitzt ein schick gekleidetes Pärchen. Johann und Irmingard Pflaum aus München sind nach Venedig gereist, um ihre diamantene Hochzeit zu feiern und genießen die Stimmung bei einem Aperol Spritz.

"Den 60. Hochzeitstag an diesem magischen Ort verbringen zu können, ist ein unerwartetes Geschenk. Die Stadt zeigt sich gerade von ihrer schönsten Seite", sagen die beiden, die vor 40 Jahren das erste Mal in der Serenissima waren. Im Sommer 2020 ein so ruhiges Venedig wie seinerzeit vorzufinden, gleiche einem Wunder: "Wir erleben gerade eine Zeitreise."

Auch in der Trattoria Do Forni in der Calle Specchieri finde ich gegen 21 Uhr auf Anhieb einen Platz. Nur etwa ein Drittel der Tische ist besetzt, hauptsächlich von italienisch sprechenden Gästen. Noch vor einem Jahr war das historische Restaurant, das für seine Fischgerichte bekannt ist, Wochen im Voraus ausgebucht. Jetzt kann ich sogar als Alleinreisende in aller Ruhe einen Tisch auswählen.

Im üppig dekorierten Gastraum saßen schon Prinz Charles und Lady Diana, auch Caroline von Monaco, Richard Nixon und Silvio Berlusconi haben im Gästebuch Einträge hinterlassen. Ich genieße meine Spaghetti Gradese mit Muscheln, Kirschtomaten und Kräutern. Mit einem "Danke für Ihren Besuch! Arrivederci! A domani?" werde ich verabschiedet, ehe ich zu einem nächtlichen Spaziergang durch die verwinkelten Gassen der gespenstisch leeren Lagunenstadt aufbreche.

"Wir fühlen uns willkommen wie nie"

Am nächsten Morgen steuere ich das ehemalige "Handelszentrum der Deutschen Kaufleute", den Fondaco dei Tedeschi, an der Rialtobrücke an. Dort ist heute ein exklusives mehrgeschossiges Luxuskaufhaus beheimatet. Vor Corona bildeten sich davor lange Warteschlangen, jetzt bucht man unkompliziert online und kostenlos seinen Termin für den Besuch der Dachterrasse: Kurze Zeit später stehe ich oben, für 15 Minuten habe ich eine Rundumsicht über Venedig - mit nur 20 weiteren Besuchern und reichlich Abstand.

Blick von der Dachterrasse des Fondaco dei Tedeschi: Canal Grande im Sommerlicht

Blick von der Dachterrasse des Fondaco dei Tedeschi: Canal Grande im Sommerlicht

Foto: Johanna Stöckl

Auch Waltraud Schmitt und Sonja Kurz sind da. Die beiden über 60-Jährigen aus Bayern sind auf einer Busreise. Die Tour nach Venedig ist für beide die erste Fahrt nach der coronabedingten Isolation. "Endlich wieder Freiheit spüren und Fernweh stillen", sagen die Freundinnen. Sicherheit, Abstand und Hygiene waren den beiden, die Venedig von früheren Besuchen kannten, auf dieser Reise wichtig.

Auch ihr Fazit: "Wir fühlen uns sicher und vor allem willkommen wie nie. Die Atmosphäre ist unbezahlbar." Ihr Programm sieht noch vor: einen Ausflug in die Inselwelt Venedigs, eine Shoppingtour und einen Sunsetcocktail als externe Besucher auf der Dachterrasse im Luxushotel Danieli. Ihr Highlight war, barfuß im Regen über den menschenleeren Markusplatz zu laufen.

Mit der Stadtführerin Manuel Ilse Turchetto erkunde ich tags darauf in einer Gruppe das "unbekannte Venedig". Sie zeigt uns die prächtigen Kirchen Santa Maria Formosa, Santi Giovanni e Paolo und Santa Maria Gloriosa dei Frari und führt rund um die Rialtobrücke.

Turcetto bezeichnet sich selbst als "eine der letzten echten Venezianerinnen in der Stadt". Für sie sei Venedig zwar nach wie vor der schönste Ort der Welt, sagt die 50-Jährige. Jedoch sei das Leben in der Lagunenstadt alles andere als leicht. Von ehemals etwa 170.000 Einwohnern hält es aktuell nur noch 55.000 in der Stadt.

Viele Venezianer sind längst aufs Festland gezogen, weil das Leben dort einfach komfortabler ist. Die ständige Bedrohung durch Hochwasser, Massentourismus, kleine, vergleichsweise teure Wohnungen, kaum Grünflächen, wenige Spielplätze für Kinder; nur einen Supermarkt gibt es in der Stadt. All das seien triftige Gründe, Venedig zu verlassen, sagt Turcetto. Uns Besuchern gibt sie zum Abschied mit auf den Weg: "Genießt die Tage! Wer weiß, ob ihr Venedig jemals wieder so leer und unschuldig erleben könnt wie jetzt."

"Wir brauchen euch!"

Auf meinen Streifzügen erliege ich endgültig dem Charme der Lagunenstadt, die zurzeit ganz den Venezianern und den wenigen Urlaubern gehört. In den engen Gassen ist zu jeder Tageszeit reichlich Platz - niemand drängt von hinten, jederzeit kann ich anhalten, um beim Bummeln Fotos zu schießen oder entspannt ein Schaufenster zu betrachten.

Mir ist bewusst, dass die Freude über dieses so leere Venedig einseitig ist. Und ich eine außergewöhnlich gute Zeit verbringe, während die Einheimischen, die beinahe ausschließlich vom Tourismus leben, um ihre Existenz kämpfen.

Manuel Ilse Turchetto sagt dazu: "Schön, dass die ersten Touristen aus Deutschland wieder hier sind." Kritisch sieht sie andere Nationalitäten: "Wir brauchen euch - viel mehr als als die internationalen Kreuzfahrer aus den USA oder Asien, die Europa im Stundentakt abarbeiten, in unserer Stadt kein Geld ausgeben, sie aber für ein paar Stunden regelrecht überrennen."

Von den etwa 400 Gondolieri sind aktuell nur etwa 200 auf dem Canal Grande unterwegs. Sie werben mit Schnäppchenpreisen - für 50 bis 80 Euro nehmen sie Gäste an Bord, günstiger als sonst. Schneller unterwegs ist man mit den öffentlichen Wasserbussen, den so genannten Vaporetti, am besten gleich mit einem Mehrtagesticket.

Lido di Venezia: Blick aufs Meer

Lido di Venezia: Blick aufs Meer

Die Linie 1 etwa bringt mich in weniger als einer halben Stunde vom Markusplatz an den Lido di Venezia, wo ich am Strand der vorgelagerten Insel nach meinem Sightseeingtag inmitten der Einheimischen entspanne. Venedigs Museen blieben mir heute größtenteils leider verschlossen, an den bereits geöffneten Sehenswürdigkeiten jedoch gab es praktisch keine Wartezeiten.

Strahlend und einzigartig

Wie freundlich die Stadt und die zurzeit vielleicht weniger gestressten Italiener sind, erlebe ich im Fondaco dei Tedeschi. Dort lasse ich im Erdgeschoss auf der Toilette mein Mobiltelefon am Waschbecken liegen, bemerke den Verlust erst eine Stunde später und rase verzweifelt zurück. Ein italienischer Tourist hat mein Handy abgegeben. Der Security-Mitarbeiter händigt es mir aus, nachdem er meinen Eingabe-PIN auf seine Richtigkeit überprüft hat.

Venedig, du warst vielleicht noch nie so entspannt wie jetzt. So strahlend und einzigartig. Wie schön, dich so erleben zu dürfen. Auch wenn ich weiß, dass du zum Überleben natürlich viel mehr Besucher als in dieser Ausnahmesituation brauchst. Aber vielleicht nicht die Masse an Touristen, die sonst im Hochsommer durch die Gassen drängen.

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