Foto: Kathrin Heckmann

Wildcampen in Deutschland Zweitwohnsitz im Zelt

Der Campingplatz ist ausgebucht - warum nicht wild zelten? Das ist in Deutschland meist verboten, die Rechtslage komplex. Wildcamper und Komiker Wigald Boning weiß, was das deutsche "Zeltrecht" erlaubt.
Von Barbara Meixner

Früh morgens am Berggipfel, ein Meer aus Wolken und das Allgäu unter ihm. So beschreibt Wigald Boning einen seiner außergewöhnlichsten Schlafplätze unter freiem Himmel. "Ein unvergesslicher Augenblick war das", sagt der 53-jährige Moderator und Komiker.

Erfahrung in Sachen "Zweitwohnsitz unter der Zeltplane" hat Boning mehr als genug. Spontan tauschte er im Hitzesommer 2015 seine stickige Stadtwohnung gegen eine luftige Insel inmitten der Münchner Isar. Was als Flucht aus den überhitzten vier Wänden beginnt, wird zu einem persönlichen Experiment.

Statt jeden Abend in einem neuen Hotelzimmer zu stranden, entschließt er sich, die Nächte rund um Auftritte und Konzerte im Zelt zu verbringen. 200 Tage in Folge campiert er daraufhin in Stadtparks, auf Terrassen, in Wäldern und an Flussufern. Sein Fazit daraus: "Wer viele Nächte im Zelt verbringt, dem wird schnell klar, wie überbewertet Häuser sind."

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So geht Wildcampen in Deutschland

Foto: Wigald Boning

Vielen Deutschen geht es nach Wochen des Corona-Stillstands ähnlich. Sie wollen: einfach raus! Überfüllte Campingplätze links liegen lassen und hinein in das abstandstaugliche Abenteuer vor der Haustür. Frisch gebrühter Kaffee vor dem Zelt und Stockbrot vom Lagerfeuer inklusive. Campen abseits überlaufener Orte, inmitten wilder Natur - das schmeckt nach Freiheit. Also: Zelt, Schlafsack und Isomatte in den Rucksack und los in den nahe gelegenen Wald.

Experte für deutsches Zeltrecht

Moment! Ganz so einfach ist es nicht. Was bei der Planung nicht fehlen darf? Ein Blick auf die Gesetzeslage. Und die ist, zumindest in Deutschland, durchaus komplex. "Um zu verstehen, wo und wie ich offiziell mein Zelt aufstellen darf, habe ich mich stundenlang in die Materie eingelesen", sagt Wigald Boning. Er ist mittlerweile Experte für das deutsche "Zeltrecht" und kennt den Unterschied zwischen Zelten und Biwakieren (ohne Zelt) im Detail. 

Doch wie wissen Laien, was in Deutschland erlaubt ist? Grundsätzlich gelten folgende Prinzipien: Überall dort, wo es nicht ausdrücklich verboten ist, dürfen Campervans für eine Nacht stehen - jedoch ohne sich wohnlich einzurichten. Denn diese eine Nacht dient allem voran zur "Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit" und ist primär auf Park- und Rastplätze ausgelegt.

Wer nicht-motorisiert unterwegs ist, darf abseits von Naturschutzgebieten und Nationalparks in der freien Landschaft für eine Nacht zelten. Jedoch nur, wenn die Erlaubnis des Landeigentümers vorhanden ist - sonst drohen nach Anzeige bei der Polizei Strafzahlungen. Ein weiterer Faktor: Jedes Bundesland hat sein eigenes Länder-Wald-Gesetz. Wird dagegen verstoßen, könnte ein Verwarngeld in Höhe von 5 bis 80 Euro bis hin zu Geldbußen von bis zu 5000 Euro fällig werden.

Ohne Jurastudium in die Natur – geht das? Ja, denn zahlreiche Naturschutzbehörden und Tourismusverbände haben den Drang der Deutschen in Richtung Wald und Wiese schon weit vor Corona und Reisebeschränkungen erkannt. Das Resultat sind eine Reihe sogenannter Trekking- und Wasserwanderplätze verteilt über das ganze Bundesgebiet.

Mit der Einrichtung dieser offiziellen Plätze soll das steigende Besucheraufkommen – im Sinne des Naturschutzes – besser gesteuert werden. So sieht es auch Jan-Paul Schmidt, Sprecher der Bayerischen Staatsforsten, die mit offiziellen Trekkingplätzen in den Waldgebieten Spessart, Steigerwald und Frankenwald ein breites Angebot für Wanderer kreiert haben.

Schmidt sieht im Trekking und dem damit verbundenen Naturerlebnis inklusive Übernachtung im Wald einen großen Trend. "Wir wollen mit 'Trekking Bayern' auch Informationen zur forstlichen Nutzung der Wälder für Touristen zugänglich machen. Denn es ist eben nicht (nur) die "Wildnis", sondern auch der bewirtschaftete Wald, der solche Abenteuer möglich macht." Ganz ohne Regeln geht es auch hier nicht: "Es gibt eine Reihe von Tieren, die auf Störungen sehr empfindlich reagieren – und die wollen wir natürlich schützen."

Online eine Zeltplattform buchen

Egal ob im dichten Unterholz des Schwarzwald, mit Blick über die Waldsteppe in der Eifel, am Weitwanderweg Saar-Hunsrück-Steig oder im größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands, dem Naturpark Pfälzerwald – das Konzept für diese reglementierte Art des Wildcampens ist weitgehend gleich: Über eine Online-Plattform lassen sich Plätze reservieren und mit Hilfe der bei der Buchung übermittelten GPS-Koordinaten die abgelegenen Stellen finden. Mit grundlegenden Dingen wie Komposttoilette und Feuerstelle ausgerüstet, kosten die meisten Plätzen für eine Nacht pro Drei-Personen-Zelt überschaubare zehn Euro.

Auch im Norden geht das. Hier finden immer mehr Privatpersonen Gefallen daran, ihr Land Wildcampern zur Verfügung zu stellen und schließen sich dem Programm "Wildes Schleswig-Holstein" an. Gekennzeichnete Wiesen und Waldränder stehen hier Fußgängern und Radfahrern für eine Nacht weitgehend kostenfrei zur Verfügung.

Doch nicht nur für Outdoorsportler, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, mehren sich die Angebote. In den Wasserländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern richtet sich das Angebot mit Wasserwanderplätzen direkt an Paddler.

Im Bereich der Unteren Havel, wo eine Welt aus Flusswegen und Seen die Landschaft prägt, dürfen Wassersportler seit einigen Jahren ihr Zelt aufstellen. Auch an der östlichen Spree wird das Angebot an gekennzeichneten Biwakplätzen immer größer: Meist mit Chemietoiletten und Sitzmöglichkeiten ausgestattet, haben sie sich zu beliebten Anlaufstellen für Wasserwanderer entwickelt.

Jedermannsrecht in Deutschland kaum möglich

Doch muss wirklich alles über Gesetze und Verbote geregelt werden? Was wäre, wenn das Wildzelten in Deutschland überall erlaubt wäre? So wie in Skandinavien, wo das sogenannte Jedermannsrecht gilt. Jeder Mensch hat hier das Recht, die Natur zu genießen und ihre Früchte zu nutzen – ganz unabhängig von den Eigentumsverhältnissen am jeweiligen Grund und Boden.

Die Stimmen für eine Ausnahmeregelung im "Corona-Jahr" werden lauter. Jan-Paul Schmidt sieht diese Idee durchaus kritisch. "Hierzulande müssen unsere Wälder mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen: Sie sind Erholungsraum für den Menschen, Lebensraum für Tiere, Rückzugsort für bedrohte Arten und – nicht zuletzt – auch Quelle für den ökologischen und nachhaltigen Rohstoff Holz", sagt er. In den skandinavischen Ländern könnten sich Mensch und Tier wesentlich leichter "aus dem Weg gehen" als im dicht besiedelten Deutschland.

Stattliche Buchen und Eichen geben der Kulturlandschaft Spessart und seinen vier Trekkingplätzen ihren ganz eigenen Charakter. Im Steigerwald richten sich die Lagerplatz-Angebote speziell an Familien. Entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze bietet der Frankenwald am Weitwanderweg Frankenwaldsteig, zwischen Bayern und Thüringen, mit drei Plätzen beste Voraussetzungen für legale Zeltnächte in der Natur.

Infos unter www.trekking-bayern.de  

Was passieren kann, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, lässt sich am Beispiel des viel besuchten Elbsandsteingebirges erkennen, wo an 58 gekennzeichneten Stellen, den sogenannten Boofen, das Übernachten im Freien erlaubt ist. Im Jahr 2018 verzeichnete der Nationalpark Sächsische Schweiz einen Rückgang bei den drei wichtigsten Vogelarten Wanderfalke, Uhu und Schwarzstorch. Der Grund: Ruhestörung durch Menschen, die sich nachts abseits der erlaubten Übernachtungsstellen bewegten.

Auch die Zahl an Waldbränden hat in dieser Region in den letzten Jahren stark zugenommen, obwohl Feuermachen dort eigentlich grundsätzlich verboten ist. Auch an allen anderen Trekking- oder Wasserwanderplätzen - egal ob Schutzgebiet oder Nationalpark – ist Feuermachen abseits der ausgewiesenen Feuerstellen nicht gestattet. Bei akuter Waldbrandgefahr sogar generell verboten.

Für den Wildcamping-Experten Wigald Boning hängt das Abenteuer sowieso nicht an einer vermeintlich besonderen Umgebung, sondern stark an der eigenen Erwartungshaltung: "Man darf der Landschaft nicht als Konsument begegnen und erwarten, dass sie allein es schafft, eine Zeltnacht zum einzigartigen Erlebnis zu machen." Eine tolle Nacht im Fünf-Millionen-Sterne-Hotel kann es auch auf der eigenen Dachterrasse oder im Garten der Nachbarn geben – ganz legal.