Foto: Hansjörg Ransmayr

Wild Swimming in Deutschland "Jedes Badeerlebnis ist einmalig"

Schwimmen im Freibad ist wie ein Besuch bei McDonald's - zum Glück gibt es Flüsse, Seen und Wasserfälle! Hansjörg Ransmayr hat die schönsten Badestellen zusammengetragen und erklärt, worauf man achten muss.
Ein Interview von Christine Frischke

SPIEGEL: Herr Ransmayr, wann haben Sie sich zuletzt ins Schwimmbad verirrt?

Hansjörg Ransmayr: Das ist schon eine ganze Weile her. Ich habe zu Hause einen eigenen Pool mit einer Gegenstromanlage. Aber eigentlich bevorzuge ich natürliche Gewässer. Ich schwimme das ganze Jahr über im Freien.

SPIEGEL: Was macht für Sie den Reiz von Wildschwimmen aus?

Ransmayr: Einer meiner Schwimmkollegen hat es mal so ausgedrückt: Schwimmen im Sportbecken im Hallenbad ist wie ein Besuch bei McDonald's. Man bekommt überall das Gleiche. Beim Wildschwimmen ist jedes Badeerlebnis einmalig. Selbst wenn man jeden Tag im selben See schwimmt, ändern sich doch Wind und Temperatur. Mal ist das Wasser trüber, mal klarer. Das große Spektrum macht den Reiz aus.

SPIEGEL: In Ihrem Buch haben Sie mehr als hundert Schwimmspots in Deutschland aufgelistet. Wie haben Sie die Orte gefunden?

Ransmayr: Angefangen habe ich ganz simpel mit einer Internetrecherche. Die besten Tipps habe ich meistens vor Ort bekommen. Sehr wohlgefühlt habe ich mich zum Beispiel in Ostdeutschland. In der DDR war das Schwimmen im Freien verbreiteter als im Westen. Deshalb trifft man im Osten heute noch viele, die das ganze Jahr über draußen schwimmen. Eine echte Entdeckung war für mich das Schwimmen in ehemaligen Steinbrüchen rund um Bischofswerda in Sachsen. Zum Teil haben mich Anwohner durch den Wald geführt, sonst hätte ich da nicht hingefunden.

SPIEGEL: Wo hat es Ihnen sonst noch gut gefallen?

Ransmayr: Für mich als Gebirgler war die Nordsee ein Highlight. Das Gezeitenschwimmen war für mich etwas völlig Neues. Anfangs ist es mir ein paar Mal passiert, dass ich schwimmen gehen wollte, aber eher Wattwürmer hätte suchen können.

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Wild Swimming: Zehn tolle Spots in Deutschland

Foto: Hansjörg Ransmayr

SPIEGEL: Sämtliche Schwimmspots haben Sie in nur einem Sommer abgeklappert. Klingt eher nach Stress als nach Spaß.

Ransmayr: Ich bin sogar in mehr als den hundert Spots geschwommen, die es am Ende ins Buch geschafft haben. Oft bin ich mehrmals am Tag ins Wasser gehüpft. Der Komfort war nicht groß. Meistens habe ich mich abends mit Matratze und Schlafsack hinten in meinen Geländewagen gelegt. Im Auto war es entsprechend miefig. Einmal habe ich einen Anhalter mitgenommen. Der wollte gleich wieder aussteigen, weil es so nach nassem Hund gerochen hat.

SPIEGEL: Wurden Sie auch mal schief angeschaut?

Ransmayr: Eigentlich nein. Ich bin seit 20 Jahren in der Wildschwimmer-Szene und von Jahr zu Jahr werden wir mehr. Im Grunde erfährt das Schwimmen im Freien ja eine Wiederbelebung: Unsere Eltern oder Großeltern sind im Dorfweiher geschwommen, die kannten nichts anderes. Eine Zeit lang waren dann in Deutschland die Flüsse zu verdreckt zum Baden. Jetzt zieht es die Leute wieder ins Freie.

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Hansjörg Ransmayr

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Verlag: Haffmans & Tolkemitt
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SPIEGEL: Auf vielen Fotos im Buch sind Sie selbst zu sehen. Wie haben Sie das gemacht?

Ransmayr: Ich habe viel mit Intervalltimer gearbeitet. Vor dem Schwimmen habe ich zwei oder drei Kameras aufgestellt, die alle paar Sekunden ein Bild geschossen haben. Davon schmeiße ich natürlich 99 Prozent weg. Wo es erlaubt war, habe ich eine Drohne fliegen lassen. Im Norden war es zum Teil sehr stürmisch. Einmal habe ich eine Drohne versenkt mit den Fotos einer ganzen Woche darauf. Das war superärgerlich.

SPIEGEL: Ich bin Wildschwimmer-Neuling. Was packe ich ein?

Ransmayr: Die klassische Ausrüstung sind Badehose, Schwimmbrille und Badekappe - auch wenn ich selbst gern mal auf die Badehose verzichte. Ich rate außerdem, eine Schwimmboje mitzunehmen. Das ist ein luftgefüllter Sack, den man hinter sich herzieht. Mit der Schwimmboje ist man etwa in Flüssen mit Schiffsverkehr gut sichtbar. Und falls man mal einen Krampf bekommt, kann man sich daran festhalten. Ich schwimme auch sehr viel mit Ohrenschützern, um die Gehörgänge vor möglichen Keimen zu schützen.

SPIEGEL: Springe ich beim ersten Mal lieber in einen See oder Fluss?

Ransmayr: Noch besser in das Tosbecken eines Wasserfalls. Das ist einfach herrlich. Da kommt so ein Prickeln dazu. Ganz wichtig: Am Anfang sollte man nie allein schwimmen gehen.

Baden und das Coronavirus - was muss man beachten?

Vom Wasser selbst geht eine geringere Infektionsgefahr als vom direkten Kontakt von Mensch zu Mensch. Darüber sind sich Wissenschaftler einig. Wenig Grund zur Sorge gibt es, wenn es sich dabei um aufbereitetes und mit Chlor desinfiziertes Badewasser in Hallen- und Freibädern handelt. Das Virus werde dadurch "zuverlässig inaktiviert", sagt Christian Ochsenbauer, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen.
Das bestätigt auch das Umweltbundesamt (UBA): "Das Wasser in konventionellen Schwimmbädern (Frei- oder Hallenbäder) unterliegt einer ständigen Aufbereitung. (...) Filtration und Desinfektion sind wirksame Verfahren zur Inaktivierung von eingetragenen Mikroorganismen (z.B. Bakterien und Viren)."

SPIEGEL: Worauf sollten Wildschwimmer noch achten?

Ransmayr: In Naturschutzgebieten oder Privatgründen verbietet sich das Schwimmen. Außerdem sollte man immer Rücksicht auf die Natur nehmen. Vor dem Schwimmen prüfe ich: Ist da ein Laichgebiet? Muss ich durch Schilf, wo vielleicht Vögel brüten? Vor allem: nie mit Sonnenmilch ins Wasser gehen. Zwei Schwimmer, die von oben bis unten eingeschmiert in einem klaren Bergsee planschen, machen wahnsinnig viele Mikroorganismen kaputt. Das ist eine Riesensauerei. Mein Credo lautet: Eine Schwimmstelle verlasse ich sauberer, als ich sie vorgefunden habe. Im Zweifel mache ich die Müllabfuhr und nehme mit, was andere liegen gelassen haben.

SPIEGEL: Ist das Wasser denn überall klar und sauber genug?

Ransmayr: Die Wasserqualität ist insgesamt sehr gut. Ein gewisses Maß an Eigenverantwortung gehört beim Wildschwimmen aber dazu. Ich kann zum Beispiel in einem Fluss wunderbar schwimmen, wenn es lange nicht geregnet hat. Einen Tag nach einem heftigen Unwetter sieht derselbe Fluss ganz anders aus. Das Wasser kann dreckig sein, weil vielleicht die Kanalisation in den Städten überlastet war und die Abwasserkanäle volllaufen. Außerdem herrscht wahrscheinlich eine viel stärkere Strömung als sonst.

SPIEGEL: Bleiben Warmduscher besser an Land?

Ransmayr: Auf keinen Fall. Gerade in Deutschland, wohl auch bedingt durch den Klimawandel, ist die Temperatur in den Gewässern in den vergangenen Jahren gestiegen. Da muss man kein Extremschwimmer mehr sein.

SPIEGEL: Trotzdem kann so ein Bad im Bergsee recht frisch sein. Haben Sie einen Tipp?

Ransmayr: In sehr kaltem Wasser schaltet der Körper auf Notprogramm um. Wenn ich dann an Land gehe und wie wild mit den Armen rudere oder rumhopse, kann es gefährlich werden. Stattdessen sollte man sich erst mal Ruhe gönnen und ein warmes Getränk zu sich nehmen. Ich habe immer eine Thermoskanne mit Ingwertee dabei. Alkohol ist tabu, der beschleunigt den Wärmeverlust.

SPIEGEL: Welches Schwimmprojekt steht als Nächstes auf Ihrer Liste?

Ransmayr: Ich will zum Beispiel die Eismeile schwimmen, also knapp über 1600 Meter bei unter fünf Grad Wassertemperatur. Ein Traum von mir ist außerdem, um das Kap der Guten Hoffnung zu schwimmen. Das ist eine große Herausforderung, da hat man es mit Wind, Wellen und dem Weißen Hai zu tun. Mein neuestes Projekt heißt "Seven highest lakes". Analog zu den Seven Summits für Bergsteiger möchte ich in den höchsten Bergseen der Kontinente schwimmen. Der höchste See der Welt liegt auf knapp 6300 Meter in den Anden und ist nur in einem sehr schmalen Zeitfenster zugänglich. Mir fehlt allerdings noch ein Sponsor, privat ist das nicht zu stemmen.