Sessellift im Skigebiet Parsenn oberhalb von Davos
Sessellift im Skigebiet Parsenn oberhalb von Davos
Foto: Johannes Hüchelheim / Davos Klosters Bergbahnen AG

Wintersport in der Schweiz »Wir haben nie überlegt, nicht zu kommen«

Während in Deutschland und Österreich die Lifte noch für Wochen stillstehen, wollen sich die Schweizer den Schneespaß nicht vermiesen lassen. Eindrücke von einem fast ganz normalen Skitag in Davos.
Von Günter Kast

Der viele Neuschnee lässt sogar schon Abstecher ins freie Gelände ohne Steinkontakt zu. Ein mächtiges Tief von Süden hatte seit Freitagabend prall gefüllte Wolken gegen die Alpen geschoben und mancherorts für einen Meter Schneenachschub gesorgt.

»Wir haben nie überlegt, nicht zu kommen«, erzählen Albert Marty und sein Sohn Jonas, während ihnen der Wind die Flocken horizontal ins Gesicht bläst. Die Familie hatte die Chance für ein verlängertes Wochenende genutzt und war schon Freitag nach Davos im Schweizer Graubünden angereist – Mariä Empfängnis am 8. Dezember ist in den katholischen Landesteilen gesetzlicher Feiertag.

»Wir fühlen uns hier sicher. Das Hygienekonzept ist vorbildlich. Und alle halten sich an die Regeln«, sagt Marty. Für eine längere Unterhaltung haben sie keine Zeit, »exgüsi!«. Die nächste Abfahrt wartet schon. Sie ziehen sich die Brillen ins Gesicht. Und schon stiebt unter ihren Latten wieder der Pulverschnee des Skigebiets Parsenn, wo die Wintersaison bereits am 24. Oktober begonnen hatte. Inzwischen sind dort neun von 18 Aufstiegsanlagen geöffnet. Für die ersten Schwünge reicht das allemal.

Fotostrecke

Skifahren in Davos: Mit Maske, Abstand und Kaltvernebelungsdesinfektion

Foto: Franziska Krenmayr / Davos Klosters Bergbahnen AG

Für deutsche Wintersportler sind die Nachrichten über starke Neuschneefälle und rotierende Lifte schwer zu ertragen. Für sie ist der Skiurlaub in weite Ferne gerückt, nachdem Lifte und Gondeln hierzulande sowie in Italien und Frankreich bis in den Januar hinein stillstehen und inzwischen sogar Österreich durch Quarantäneregelungen und Hotelschließungen den Aufenthalt für Deutsche über die Feiertage praktisch unmöglich macht. Nur die stets auf ihre Unabhängigkeit bedachte Schweiz gibt sich als Oase der Pulverschnee-Seligen.

Allerdings an diesem Wochenende – fast – nur für die Schweizer selbst: Deutsche Urlauber etwa sind in Liftschlangen und Hotels nicht zu erkennen – sie müssten bei der Rückkehr aus dem Risikogebiet Schweiz für zehn Tage in Quarantäne und können sich erst nach fünf Tagen freitesten. Die Österreicher, die sich für einen Tag aus dem benachbarten Vorarlberg über die Grenze geschlichen haben, bleiben lieber inkognito, sonst würde auch ihnen die Quarantäne drohen. Wen man auf der Piste fragt, die Antwort lautet stets: »Wir sind froh, dass wir überhaupt Ski fahren dürfen.«

Dabei ist ist die Schweiz ganz und gar keine Corona-freie Zone: Die 14-Tages-Inzidenz liegt mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Die Eidgenossenschaft setzt jedoch stärker als andere Länder auf Konsensentscheidungen und auch auf Eigenverantwortung. Die Maßnahmen gegen die Corona-Verbreitung sind daher weniger umfassend, vieles wird in den Kantonen entschieden. Der Druck, den die EU-Länder Deutschland, Italien oder Frankreich auf die Schweizer aufbauen, die Skigebiete geschlossen zu halten, bewirkt eher das Gegenteil – und trotzige Reaktionen: »Die Schweiz fährt Ski. Aber sicher!« , heißt etwa eine Kampagne der Schweizer Bergbahnen unter der Schirmherrschaft des Tourismusministers.

»Macht, was ihr wollt, aber haltet immer schön Distanz«

So manche Schweizer Bürger würden aufs Skifahren während der Coronakrise auch lieber verzichten. In Davos gab es zum Beispiel Ende November Aufregung um das Foto einer gut gefüllten Gondel am Jakobshorn, das in den sozialen Medien für kritische Kommentare sorgte. Eine Twitter-Nutzerin schrieb: »Ich gebe es auf mit der Schweiz. Macht, was ihr wollt, aber haltet immer schön Distanz zu mir.«

Die Bergbahnen Davos-Klosters beeilten sich daraufhin zu erklären, warum sie alles richtig gemacht hätten: Gemäß der Vereinbarung zwischen ihrem Verband und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) gebe es für die Gondeln keine Kapazitätseinschränkungen. Das würde nämlich nur dazu führen, dass es beim Anstehen zu Gedränge komme. Und das wolle man eben gerade vermeiden, lautet die Argumentation.

Das Unternehmen setzt vielmehr auf technische Maßnahmen wie die Kaltvernebelung zur Desinfektion der Kabinen, was nur eine Minute dauert. Dies und das geltende Schutzkonzept mit Maskenpflicht und guter Durchlüftung funktioniere sehr gut, sagt zumindest Martina Walsoe, Marketing-Leiterin der Bergbahnen Davos-Klosters. Dennoch hat die Schweiz neue Regeln beschlossen , die ab Mittwoch gelten: Dann dürfen geschlossene Gondeln und Kabinen nur noch zu zwei Dritteln belegt sein.

Am vergangenen Sonntagmorgen, bei dichtem Schneetreiben, herrscht an der Talstation der Standseilbahn Parsenn in Davos-Dorf reger Betrieb, aber kein Gedränge. Die größte Gruppe stellt ein Skiklub aus Lugano im Tessin. Die Frauen und Männer in knallroten Outfits wollen für eine Fortbildung und für Trainingsfahrten nach oben. Die Waggons gut gefüllt, aber nicht zum Bersten voll: Alle versuchen, Abstand zu wahren, tragen Maske. Um Schlangen an den Kassen zu vermeiden, gibt es Rabatt für den Online-Ticket-Kauf.

Im Prinzip fühlt es sich nicht viel anders an als eine Fahrt mit dem ÖPNV in einer deutschen Großstadt außerhalb der Stoßzeiten. Nicht vergleichbar mit den Bildern von Menschenmassen, die sich am Eingang der Kabinenbahn zum Hintertuxer Ferner im österreichischen Tirol drängten; die hatten Ende Oktober für Aufregung gesorgt.

Natürlich wäre der Ansturm am vergangenen Sonntag in Davos größer gewesen, wenn es nicht weitergeschneit hätte, sondern die Sonne durchgekommen wäre. Und wohl auch dann, wenn Deutsche, Österreicherinnen, Italiener und Französinnen die Pisten stürmten. Ob dann die Konzepte aufgehen würden, ist schwer abzuschätzen – und wohl auch nur im Rückblick.

Die Marketingfrau Walsoe sagt jedoch, dass die Region auch auf viele Gäste gut vorbereitet sei: »Unser Vorteil ist: Wir haben später in der Saison mit Schatzalp/Strela, Pischa, Madrisa, Rinerhorn, Jakobshorn und Parsenn gleich sechs Skiberge im Angebot. Die Leute finden ausreichend Platz und können sich gut verteilen.«

Schweizer machen Urlaub zu Hause

Während in Deutschland die Seilbahnen aufgrund der Schließungen Millionenverluste fürchten, ist der Ausblick der Davoser gar nicht mal so düster: Walsoe hofft sogar, dass es ein erfolgreicher Winter wird. Die November-Zahlen unterschieden sich nicht von 2019, »was in einem Corona-Jahr schon sehr schön ist«. Auch Samuel Rosenast, Sprecher des Tourismusverbandes, ist zufrieden: »Wir hatten bis dato nur fünf Prozent weniger Gäste als 2019. Damals sorgte ein Ärztekongress, der dieses Jahr natürlich ausfiel, allein für 3000 Logiernächte. Es läuft also ähnlich gut, wobei die Vorsaison ja nicht wirklich zählt.«

Weil kaum Ausländer kämen, sei er sehr froh, dass schneeverliebte Schweizer selbst eifrig Skiurlaub im eigenen Land buchten. Besonders gefragt seien Ferienwohnungen, doch auch in den Hotels herrsche viel Betrieb. Im Hotel Waldhuus Davos ist die Tiefgarage an diesem verlängerten Feiertagswochenende bis auf den letzten Platz besetzt. Am Abend wird in mehreren Schichten gegessen, da im Restaurant weniger Tische als sonst und im weiten Abstand stehen. Die Sauna und das Schwimmbad dagegen sind geöffnet und gut besucht – wie in vielen Schweizer Hotels.

Direktorin Linda Staag sagt: »Die Leute nehmen unser Hygienekonzept sehr gut auf. Sie sind froh, dass sie überhaupt verreisen und etwas unternehmen dürfen. Diejenigen, die Angst vor einer Ansteckung haben, buchen ohnehin nicht, das war schon im Sommer so.« Ob es für ihr Hotel ein normaler Winter werde? Nun, das könne sie erst nach der Saison sagen.

Schon jetzt steht fest, dass das für die Hotellerie sehr wichtige Treffen des Weltwirtschaftsforums im Januar nicht wie üblich in Davos stattfinden wird. Kurz war als Ausweichort noch Luzern im Gespräch. Doch wegen der hohen Corona-Fallzahlen in der Schweiz kommt die internationale Wirtschafts- und Politik-Elite nun im Mai in Singapur zusammen.

Maskenschal statt Wegwerfmodell

Möglicherweise werden ja doch noch deutsche Ski-Fans als Lückenfüller einspringen können – wer weiß das schon im Corona-Chaos? Der Schweizer Tourismusverband betont sicherheitshalber, dass Wintersport ja nicht nur auf den Pisten stattfinden müsse, und meint: nicht nur in vielleicht Unbehagen verursachenden Gondeln. Mit dem Slogan »My First Time« wirbt er für alternative Angebote: Alle sollen die passende Aktivität finden und etwas zum ersten Mal wagen, von Skitouren bis Langlauf, von Winterwandern bis Rodeln. Davos sei darauf bestens eingestellt, sagt Martina Walsoe – mit einer Art Skitourenpark, Gratis-Loipen und geräumten Wanderwegen.

Natürlich weiß auch sie: Nicht aus jedem Pistenfahrer wird über Nacht ein Skitouren-Freak. Für die »heißen« Wochen rund um Weihnachten und Neujahr empfiehlt sie deshalb den verbliebenen Wintersportlerinnen, intelligent und antizyklisch zu planen: zum Beispiel erst mittags auf die Piste zu gehen, wenn die Ersten schon wieder Feierabend machen. Ihre Hoffnung: »Irgendwie werden wir diese Saison schon schaukeln.« Immerhin sind die extra entwickelten Maskenschals, deren Lieferung sich verzögert hatte, mittlerweile angekommen.

Die Schlauchtücher, die etwa den Effekt von Stoffmasken haben und Einweg-Produkte ersetzen sollen, werden jetzt überall an den Liftpass-Kassen verkauft. Ob der Maskenersatz, den man sich in der Gondel über Mund und Nase ziehen soll, ein Verkaufsschlager wird? Die vier jungen Zürcher, die sich an der Parsenn-Talstation gerade den Schnee aus den Snowboard-Klamotten schütteln, scheinen lieber auf Altbewährtes zu setzen: Sie zünden sich erst mal einen Joint an und grinsen. Das alles sieht doch nach einem ganz normalen Skitag aus.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.