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21. Februar 2012, 13:17 Uhr

Emotion und Leidenschaft

Super-Mensch Gauck

Nachdem der letzte Bundespräsidentendarsteller zuletzt nicht mehr recht überzeugen konnte, folgt nun mit Joachim Gauck ein extrem menschlicher Mensch. Viele sind deswegen ganz aus dem Häuschen. Es gibt aber auch Warner.

Gauck, der "authentische Bürger der deutschen Republik" (Cem Özdemir), soll nämlich emotional denken, emotional reden und bisweilen auch emotional handeln, weiß die Süddeutsche Zeitung zu berichten. Was kommt da auf uns zu?

Natürlich Emotionen

Gauck verspürte am Sonntagabend das Gefühl der Verwirrung, aber auch Überwältigung, vor allem aber eher Verwirrung. Nebenbei durchfuhr ihn zudem noch Hoffnung. Hoffnung, dass sich tief in der Nacht die Verwirrung in Beglückung verwandele, sodass unterm Strich dann nur noch Überwältigung und Beglückung übrig blieben. Noch hat Gauck nicht herausgegeben, wie der Kampf seiner Emotionen ausging. Beobachter erwarten, dass Gauck sein Gefühlsleben zukünftig durch das Hissen unterschiedlich gefärbter Flaggen auf Schloss Bellevue verkündet.

Aber auch Tipps

Gauck empfindet, dass wir nicht immer nur kritisieren, sondern Verantwortung übernehmen sollen. Also nicht schon wieder über die kaputte rote Ampel mosern, sondern spontan beim Chef anrufen: "Muss leider fristlos kündigen, werde Ampelreparateur." So, und schon gibt's ein Problem weniger in unserem schönen Land.

Und noch mehr Tipps

Gauck fühlt, dass dasselbe auch für die "unsäglich albernen" Bankenkritiker gilt. Also statt mit Occupy-Schildern irgendwo faul rumzustehen, einfach reingehen und sagen: "Hallo, Sie können jetzt mal eine wohlverdiente mehrjährige Pause machen, wir übernehmen." Ein einschlägiger Studienabschluss und einige absolvierte Spekulantenpraktika können natürlich nicht schaden.

Neue Vorbilder

Gauck hat schon vor gut einem Jahr erspürt, dass Politiker "Bürger mit Migrationshintergrund" besser "Kopftuchmädchenproduzenten" nennen sollten - nach dem Vorbild des Genetik- und Bartmodeexperten Thilo Sarrazin. Der habe nämlich, so Gauck, mit seinem Buch einen "Mut bewiesen", von dem Politiker lernen können. Und stimmt ja auch: Mehr Mut würde uns gut tun! Zum Beispiel könnten alle Sarrazin-Thesenfreunde einfach öfter bei Rot über die Ampel laufen.

Lebensweisheiten

Gauck hat erfühlt, dass man auch als ungewaschener Mensch so manches leisten kann, etwa Spontanreden halten. Aber auch dieser Text hier wurde von einem relativ ungewaschenen Menschen geschrieben. Und es schadet auch nichts, wenn Sie, liebe Leser, derzeit ebenfalls ungewaschen sein sollten. Wer sich wäscht, so glauben immer mehr Menschen, ist weniger authentisch; will nicht zu seiner Geschichte stehen.

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