Israel Schüchternes Zeichen

Die Bomben auf das PLO-Hauptquartier bei Tunis einigten Israels Koalitionsregierung. Premier Peres wird populärer, aber die Aussichten auf eine Nahost-Lösung schwinden.

Der aus dem Libanon vertriebene Palästinenserführer fühlte sich in Tunesien sicher. "Wir befinden uns hier außerhalb der Reichweite von Israels Luftwaffe", sagte Jassir Arafat 1983 dem SPIEGEL.

Den Einwand, daß die Israelis doch schon einmal bis Entebbe in Zentralafrika vorgedrungen seien, tat der PLO-Chef ab: Die Kommandoaktion damals wäre ohne Zwischenlandung in Nairobi nicht möglich gewesen. Arafat: "Hier in der Welt der arabischen Brüder gibt es doch wohl kein Kenia?"

Die Israelis brauchten kein Kenia, als sie am letzten Dienstag wieder einmal zuschlugen. Von Tankflugzeugen in der Luft aufgetankt, zerstörten acht israelische F-16-Maschinen mit Raketen und 500-Kilo-Bomben Arafats Hauptquartier in Hammat el-Schatt, 35 Kilometer südlich von Tunis.

Nach einem Anflug von 2460 Kilometern legten die Bomber in zwölf Minuten drei Gebäudekomplexe, darunter das Wohnhaus von Arafat und das operative Zentrum seiner Eliteeinheit "Kommando 17", in Schutt und Asche. Rettungsmannschaften bargen über 150 Tote und Verletzte aus den Ruinen inmitten des einstmals luxuriösen Sommervillenviertels. Wo vordem ein L-förmiger Gebäudekomplex gestanden hatte, gähnte nun ein tiefer Krater.

Es war Israels erster Angriff auf ein arabisches Land, mit dem es sich nicht formell im Krieg befindet und das an keinem der Nahostkriege beteiligt war, ein völkerrechtswidriger, brutaler Schlag. Er löste weltweit Empörung aus und verschüttete zaghafte Verhandlungsinitiativen im Nahen Osten.

Regierungen in aller Welt verurteilten Israels "Staatsterrorismus". Jordaniens König Hussein, der gerade in Washington mit US-Präsident Reagan über einen Friedensplan für den Nahen Osten konferierte, sandte Arafat ein Solidaritätstelegramm. Ägyptens Mubarak setzte Gespräche mit Israel ab, die nach langem Frost mühsam wieder vereinbart worden waren. Die amerikanische Schutzmacht, die zunächst Israels "legitime Selbstverteidigung" gerechtfertigt hatte, kritisierte später den "Akt der Gewalt" - Washington hatte 1982 das befreundete Tunesien gedrängt, den Libanon-Flüchtling Arafat aufzunehmen.

Israels Tat schlug schließlich auch noch auf Amerika zurück. Als "Antwort auf die infame Terroraktion in Tunis" ermordeten in Beirut Fanatiker des "Islamischen Dschihad" den vor 18 Monaten entführten US-Diplomaten William Buckley.

Die Bluttat ereignete sich einen Tag, nachdem antisyrische Moslem-Milizen den sowjetischen Kulturattache Arkadij Katkow, eine von vier festgehaltenen Sowjet-Geiseln, "hingerichtet" hatten und mit mehr Morden an Russen drohten, für Moskaus Diplomaten eine gänzlich neue Erfahrung. Die UdSSR-Botschaft in Beirut evakuierte daraufhin 150 Diplomaten und Familienangehörige nach Damaskus. Nun war auch die Sowjet-Union ins Zielfeld des Nahost-Terrors geraten.

Der Verantwortliche für den Angriff auf das PLO-Hauptquartier in Tunesien feierte sich indes als Kämpfer gegen den Terror. Das Unternehmen gegen Arafat, verkündete Israel-Premier Schimon Peres, sei "moralisch gerechtfertigt und militärisch gelungen".

Die Rechtfertigung sah Peres in der Ermordung von drei Israelis am Jom-Kippur-Fest auf Zypern durch palästinensische Freischärler, nach israelischen Angaben Mitglieder jenes "Kommandos 17", dessen Zentrale bei Tunis der Angriff galt. Doch die Unverhältnismäßigkeit des Gegenschlags warf die Frage auf: Wie konnte der Sozialdemokrat Peres, ein gemäßigter, zu territorialen Zugeständnissen bereiter, um Versöhnung mit der arabischen Umwelt bemühter Politiker so brutal zuschlagen, als ob er dem rechten Begin nacheifere?

Zum erstenmal lobten Israels Rechte jetzt den linken Peres. So pries die religiös-konservative Cherut-Partei seinen "mutigen Beschluß" zum Angriff auf die ferne PLO. Der rechte Likud-Block, der bei den letzten Wahlen noch in einer Rufmordkampagne gewarnt hatte, "Arafat würde für Peres stimmen", bestätigte nun dem Premier "erstaunlich gute Arbeit".

Besonders anrüchig ist diese Art von Arbeit, weil sie gar nicht so sehr die militärisch schwer angeschlagene PLO weiter schwächen, sondern Israels schwankendes Selbstbewußtsein stärken soll: Peres verfolgte mit dem Tunisschlag eher Parteipolitik als Außenpolitik.

Der Premier hat eine Koalition aus seiner sozialdemokratischen Arbeitspartei (IAP) und der rechten Likud-Partei zu führen - mit einer absonderlichen Absprache: An der Spitze dieser großen Koalition, die nun seit gut einem Jahr regiert, steht für die ersten 25 Monate IAP-Chef Peres, anschließend für eine ähnliche Amtszeit der Vormann des Likud-Lagers, Vizepremier und Außenminister Jizchak Schamir.

Gegenüber diesem Partner muß sich Peres als Patriot bewähren, wenn er - zu einem ihm günstigen Zeitpunkt - Neuwahlen inszenieren und gewinnen will, um die Übergabe der Macht an den Rivalen Schamir zu verhindern. Den meisten Beifall aber bringt im bedrängten Israel noch immer der Einsatz gegen den Feind, sei er nah oder fern:

So wie der rechte Begin im Juni 1981 die Luftwaffe gegen Bagdad schickte, um einen mit französischer Hilfe errichteten irakischen Atomreaktor zu zerstören, sandte nun der linke Peres seine Flugzeuge gegen Arafats PLO in Tunesien. Israels Sozialdemokraten, das schien Peres beweisen zu wollen, sind genauso forsche Draufgänger wie die Likud-Leute.

Zwar hatte der einzige Besonnene im Kabinett, Minister beim Regierungschef und Ex-Luftwaffenchef Eser Weizman, vor dem Tunisflug gewarnt, weil er fatale Folgen für nahöstliche Friedensbemühungen haben könne. Zwar kritisierte der Publizist Amnon Abramowitz: Peres habe "aus dem Libanon-Abenteuer des Likud nichts gelernt".

Aber gerade nach der Libanon-Invasion, die rund 650 Israelis das Leben kostete und die ruhmreiche Armee des Landes in schmachvolle Verbrechen wie die Massaker von Sabra und Schatila verwickelt hatte, wollte Peres das Ansehen der israelischen Streitkräfte mit einer gelungenen Militäraktion wieder aufpolieren.

Die israelischen Wähler mögen das dem Mann lohnen, der sich auch vor dem Unternehmen Tunis schon im politischen Aufwind befunden hatte: Innerhalb von einem Jahr ist Peres' Popularitätsquote von rund zehn Prozent auf über 60 Prozent gestiegen. Bei einer Umfrage nach den zehn populärsten Politikern kam Peres unlängst mit 30 Prozent auf Platz eins, gefolgt von Ariel Scharon, dem mächtigen Verteidigungsminister unter Begin und heutigen Industrieminister, mit fünf Prozent. Vizepremier Schamir erschien nicht auf der Zehnerliste.

Der Aufstieg des trockenen Technokraten Peres, eines Mannes ohne Charme und Charisma, ist wohl mit Israels wirtschaftlicher Erholung zu erklären: Die Devisenreserven steigen langsam, das Defizit in der Handelsbilanz geht zurück, die monatliche Inflation fiel von 27,5 Prozent im Juli auf 3,9 Prozent im August.

Peres bemühte sich zudem, die in siebenjähriger Likud-Herrschaft unter Begin aufgerissenen Kluften zwischen westlichen und orientalischen Juden, zwischen liberalen und orthodoxen Israelis zu überbrücken. Er mischt sich unter das Volk, flirtet gar mit den religiösen Parteien: Der Premier stimmte für ein Verkaufsverbot von Schweinefleisch und für die Schließung von Fußballplätzen am Sabbat.

Innenpolitischen Erfolgen aber stehen Stagnation und Rückschläge in der Sicherheitspolitik gegenüber. Die Invasion im Libanon vertrieb zwar Arafats Truppen aus dem nördlichen Nachbarland, machte aber mit den libanesischen Schiiten eine noch gefährlichere Gruppe zu Todfeinden Israels. Der Widerstand auf dem besetzten Jordan-Ufer ist nicht zu brechen. Fast jede Woche stirbt ein Bürger bei einem Anschlag, oft genug auch im israelischen Kernland.

So gelang es zwar den Sicherheitskräften im August, noch auf See zwei Boote aufzubringen, die in Israel Selbstmordkommandos absetzen wollten. Aber als am Jom-Kippur-Feiertag Palästinenser auf Zypern drei Israelis als Geiseln nahmen und später umbrachten, riefen auch gemäßigte Israelis nach Vergeltung. "Den infamen Terroranschlag in Larnaka können wir weder verzeihen noch vergessen", gelobte Peres. Da waren seine F-16 schon unterwegs nach Tunis.

Der Vergeltungsschlag gegen die PLO erledigte ein Problem, das Israels Regierungskoalition über kurz oder lang schwer belastet hätte:

Jordaniens König Hussein hatte Reagans Plan für ein mit Jordanien verbundenes palästinensisch regiertes Jordan-Westufer aufgegriffen. Hussein verhandelte mit gemäßigten Palästinensern, einschließlich PLO-Chef Arafat, und verkündete während einer US-Reise neue Ideen:

  • Vor der Uno erklärte er sich zu direkten Verhandlungen mit Israel bereit - trotz der Einschränkung "unter internationaler Ägide" ein überraschendes Zugeständnis;
  • bei Präsident Reagan erkannte er ausdrücklich Israels Existenzrecht an und verurteilte "jede Form von Terrorismus" - für radikale Palästinenser eindeutig Verrat;
  • vor US-Senatoren erklärte er seine Bereitschaft, formell den Kriegszustand mit Israel zu beenden.

Husseins Vorschläge tat Israels Vizepremier als "leere Worte" ab, um in Amerika Stimmung gegen vereinbarte Waffenlieferungen in Höhe von über 1,5 Milliarden Dollar an Jordanien zu machen. Peres aber sah ein "schüchternes, doch hoffnungsvolles, positives Zeichen". Daß es aus der diplomatischen Diskussion verschwand und in Israels Koalitionsregierung wieder Eintracht einkehrte, besorgte Israels legendärer langer Arm, der diesmal bis nach Tunesien reichte.

In der arabischen Welt sahen sich nach Tunis die Hardliner bestätigt - obwohl Peres beteuerte, Aktionen gegen Terroristen und Friedensbemühungen seien zwei verschiedene Dinge. Israelische Entspannungspolitiker hofften gar, daß Peres durch seinen Schlag gegen die PLO Kredit bei den Chauvinisten gewonnen habe, so daß er nun eher mit Hussein verhandeln könne.

Ob der aber noch - und ohne die PLO - will, ist fraglich. "Man kann Hussein nicht an den Verhandlungstisch bomben", warnte die Tel Aviver Zeitung "Maariv". Es falle Peres wohl leichter, "Schamir und Scharon entgegenzukommen als Hussein und Mubarak".

Tatsächlich sah der Falke Scharon sogleich bessere Zeiten kommen. "Verhandlungen mit Hussein", so der für das Libanon-Desaster verantwortliche Haudegen, "sind erst nach Auflösung aller PLO-Stützpunkte in Jordanien denkbar." Der konservative Abgeordnete Rabbi Elieser Waldmann empfahl nach der Tunis-Aktion "ähnliche Angriffe auf PLO-Basen in Jordanien".

Davor soll Ägyptens Mubarak US-Präsident Reagan gewarnt haben: Kairo werde sofort die diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem abbrechen, falls die Israelis Ziele in Jordanien bombardierten. Washingtons Einspruch habe sogar eine schon geplante Aktion gestoppt, schrieb die kuweitische Zeitung "El-Kabbas".

Arafat, das steht fest, wäre in Tunesien wahrscheinlich getötet worden, wenn er sich nach der Rückkehr von einer Reise nach Marokko sofort in sein Hauptquartier in Hammat-el-Schatt begeben hätte - dann wären die Radikalen in der PLO übermächtig. Wollten die Israelis genau das erreichen, um nicht verhandeln zu müssen?

Premier Schimon Peres bestreitet, daß die Israelis den PLO-Chef im Visier hatten: "Wir sind nicht speziell hinter dem einen oder anderen Führer her. Wir wissen nicht genau, wer sich wann wo aufhält."

Mehr lesen über