AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/1991

Serie Deutschland "Die Augen feucht vor Wut"

3. Teil


Welche Dramen sich bei den Postenpaaren an der Grenze abgespielt haben, zeigt der Tod des Oberwachtmeisters Ulrich Krohn, der am 16. Mai 1952 zusammen mit Unterwachtmeister Hartmut Trübe im Kreis Schwerin Wache schob. Die beiden Grenzer aßen noch zusammen zu Mittag; als wenig später die Ablösung kam, war Krohn tot und Trübe getürmt.

"Schräg über der Leiche", so der "Tatortbefundsbericht" der Schweriner Mordkommission, "liegt ein 1,20 m langer Holzknüppel." Trübe hatte seinen Vorgesetzten offenbar zuerst niedergeschlagen ("Schädelbasisfraktur") und dann mit mehreren Schüssen aus seinem Karabiner getötet - die Armbanduhr seines Opfers ließ er auch mitgehen.

In Lüneburg wurde Trübe im Dezember 1952 von der Jugendkammer zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt (Aktenzeichen 2 KLS 4/52).

Wie schnell aus dem Routinedienst tödliche Gegnerschaft werden konnte, erfuhr auch der Feldwebel Klaus-Peter Braun, 22, der bei Rustenfelde nahe Heiligenstadt im August 1981 von dem Soldaten Roland Höhne, damals 24, mit drei Schüssen aus einer Kalaschnikow getötet wurde. Der Obduktionsbericht des gerichtsmedizinischen Instituts Jena stellte fest, schon der erste Schuß habe "die Herzspitze durchsetzt, Lunge, Magen, Bauchspeicheldrüse und die Aorta im Bauch geöffnet, was zum sofortigen Tod geführt hat".

Während die DDR-Kommandeure nach Untersuchung des Todesfalles von einem "langfristig vorbereiteten" sowie "kaltblütigen und hinterhältigen" Mord sprachen, gab der westwärts geflohene Höhne eine andere Darstellung. In der Tatnacht habe er mit Braun und einem weiteren Posten zunächst Skat gespielt und spontan seine Chance gewittert, als der dritte Mann wegen eines Alarms abrücken mußte.

Er habe den unbewaffneten Braun mit seiner Kalaschnikow bedroht und angekündigt, so Höhne, er gehe jetzt "die Flocke machen". Der Feldwebel aber ließ sich, Höhnes Darstellung zufolge, nicht einschüchtern, ging auf den Skatpartner zu und hielt den Gewehrlauf fest. Deshalb sei er, sagte Höhne aus, erschrocken zurückgewichen, wobei sich ein Feuerstoß von drei Schüssen gelöst habe.

Westdeutsche Richter schlossen sich dieser Version an: Höhne wurde zwei Jahre nach der Tat vom Göttinger Landgericht zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt - wegen fahrlässiger Tötung (Aktenzeichen 6 JS 648/81 - 18/83 II).

Noch glimpflicher kam der DDR-Soldat Detlef Kinzel, damals 20, davon, der im Januar 1972 den Leutnant Lutz Meier, 23, tödlich traf - Zeugen hatten, so der Untersuchungsbericht des DDR-Grenzkommandos Nord, "3 Feuerstöße aus einer MPi" gehört. Was am Tatort nahe der Grenzsäule 979 bei Schierke im Harz wirklich geschah, ist bis heute ungeklärt.

Kinzel sagte später aus, er habe Meier nur die Maschinenpistole aus der Hand geschossen und seinen Vorgesetzten nicht verletzt. Das Verfahren gegen Kinzel wurde auf Beschluß des Oberlandesgerichts Celle eingestellt, Begründung: Der Beweis für einen Mord oder Totschlag könne nicht geführt werden - die DDR hatte auf das Rechtshilfeersuchen der westdeutschen Behörden nicht reagiert.

Womöglich mit gutem Grund. Im Untersuchungsbericht des DDR-Grenzkommandos Nord wird dem Leutnant Meier ein - zumindest für Militärs - denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt: Er habe bei der Führung seines Zuges "sichtlich Schwierigkeiten" gehabt, sei als "sehr sensibel, unausgeglichen und nervlich schwach eingeschätzt" worden. Zudem habe er kurz vor dem Vorfall geäußert, "daß, wenn es mit der Belastung und Unordnung in der Grenzkompanie so weiter geht, er sich noch einmal erschießen würde".

Der Untersuchungsbericht sprach denn auch offen von "der vermutlichen Selbsttötung des Leutnants Meier" - der dennoch in den Hain der unvergessenen Helden aufgenommen wurde. Ungeniert beförderten die Politabteilungen den eben noch Geschmähten zum "vorbildlichen Offizier" (Volksarmee), sie betrieben noch am Grab Propaganda.

Der Chef der Grenztruppen, General Erich Peter, schob bei der Beerdigung des Leutnants Meier wieder mal dem Westen die Schuld zu: "Der brutale Mord an seinem jungen Leben erfüllt unsere Herzen und Hirne mit unbändigem Haß gegen das imperialistische System und seine Handlanger."

Regelmäßig forderte die DDR von der Bundesrepublik die "Auslieferung" der Täter, was ebenso regelmäßig abgelehnt wurde: Ein Auslieferungsabkommen, wie international zwischen souveränen Staaten üblich, gab es mit der DDR nicht, die von Bonn staatlich ja nie anerkannt war. Doch auch das Rechtskonstrukt der "Zulieferung" eines Täters von Gericht (West) zu Gericht (Ost) wurde nicht angewendet.

Nach dem Bonner Gesetz über die innerdeutsche Rechts- und Amtshilfe aus dem Jahr 1953 wäre eine Zulieferung zwar grundsätzlich zulässig gewesen. Doch 1974 lehnte das Bundesverfassungsgericht die Überstellung einer Frau in die DDR ab, die dort des Vatermordes beschuldigt wurde.

Gesetzgeber wie Bundesrichter machten die Übergabe eines Delinquenten an die DDR-Justiz, die alles andere als rechtsstaatlich verfaßt war, von zahlreichen Vorbedingungen abhängig. Danach mußte zum Beispiel "außerhalb jedes vernünftigen Zweifels" gewährleistet sein, daß der Beschuldigte vor einen "unbefangenen Richter" gestellt wird und "ein fair geführtes Verfahren" erhält - dies war in der DDR nach westlichen Maßstäben auf keinen Fall zu erwarten.

Zudem war nach Paragraph 2 des Rechtshilfeabkommens eine Zulieferung in die DDR untersagt, wenn dem Täter drüben ein höheres Urteil drohte als in der Bundesrepublik - und in der DDR galt bis 1987 die Todesstrafe.

Zu welchen Verrenkungen die westdeutsche Justiz imstande war, zeigte sich exemplarisch, als im Dezember 1975 der desertierte Volksarmist Werner Weinhold, damals 26, bei Harras nahe dem thüringischen Hildburghausen die Grenze überwand. Zuvor hatte er den Gefreiten Klaus-Peter Seidel, 21, mit sieben und den Soldaten Jürgen Lange, 20, mit vier Schüssen getötet.

Weinhold wurde in Marl verhaftet und behauptete, einer der beiden Posten habe das Feuer eröffnet. Daraufhin habe er das Magazin seiner Maschinenpistole leergeschossen, bis auf "der Seite der beiden Posten Ruhe herrschte". Wenig später setzte das Landgericht Essen den Haftbefehl außer Kraft und attestierte dem Todesschützen, er habe in Notwehr gehandelt - in der DDR brach ein Sturm der Entrüstung los.

Einen "Freibrief für Gewalt" nannte das Neue Deutschland die Begründung des Gerichts, "daß gegen die Maßnahmen der Grenzorgane der DDR in jedem Fall Notwehr zulässig" sei. So wie Göring, Huhn und Schultz die zentralen Heldenfiguren der DDR waren, so wurde Weinhold zum Staatsfeind Nummer eins: Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit plante sogar ein Kapitalverbrechen - es wollte Weinhold, durch einen inszenierten Unfall, ermorden lassen (SPIEGEL 34/1990).

Das Hammer Oberlandesgericht wurde, außergewöhnlich, von der DDR mit 109 Seiten Beweispapieren ausgestattet und setzte den Haftbefehl wieder in Kraft: Das Leben zweier Menschen, so die Richter, besitze "ein erhebliches Übergewicht gegenüber dem Bestreben des Angeschuldigten, das Grundrecht der Freizügigkeit durchzusetzen".

Daran schloß sich ein zwei Jahre dauernder Rechtsstreit an, was an der deutsch-deutschen Grenze erlaubt sein sollte und was nicht. Die Essener Schwurgerichtskammer sprach Weinhold Ende 1976 von der Anklage des zweifachen Totschlags frei. "Zur Durchsetzung des Rechts auf Freizügigkeit", so die Richter, könnten "selbst Angriffe gegen Leib und Leben des Bewachungspersonals der Grenze der DDR gerechtfertigt sein" - ein Argument aus den dunklen Zeiten des Kalten Krieges, das nun mitten in die Entspannungspolitik hagelte.

Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf, im Herbst 1978 wurde Weinhold vom Hagener Landgericht zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt: "Er war nicht im Recht, als er schoß. Die Soldaten Seidel und Lange waren nicht im Unrecht, als sie getroffen wurden." Aus den Waffen der beiden getöteten DDR-Grenzer war, stellte das Gericht fest, entgegen Weinholds Aussage kein Schuß abgegeben worden.

Diese Version bestätigt auch ein nun entdeckter, dramatischer Bericht, den der damalige Grenztruppenchef Peter persönlich abgab. Danach hatte der mehrfach vorbestrafte Weinhold, der sich bereits mehrere Tage lang im Grenzgebiet versteckt hielt, vor der Tat bei mehreren Fluchtversuchen eindeutige Spuren im Kontrollstreifen hinterlassen: "Soldatenstiefel, doppelgerippt, Schuhgröße 42/43".

Der Träger des Schuhwerks wurde, so enthüllt Peters Bericht, mit einer außergewöhnlichen Methode identifiziert: durch den Einsatz von besonders geschulten Hunden, die "Geruchsproben" vergleichen konnten. Solche Duftmarken mußten Dissidenten und Straftäter bei Stasi oder Kripo auf Stofflappen hinterlassen, die dann, in Weckgläsern luftdicht verschlossen, in ein Geruchskataster wanderten.

"Als Täter", so der Peter-Rapport weiter, "wurde der in Fahndung stehende Weinhold ermittelt (Seriennummer der Patronenhülsen und Geruchsproben)", sämtliche am Tatort gefundenen Patronenhülsen und Projektile stammten danach aus Weinholds Waffe. Der Grenztruppenchef: "Aus beiden Waffen des Grenzpostens wurde kein Feuer geführt."

Folge des "verbrecherischen Anschlags auf die Staatsgrenze" war, wie regelmäßig in diesen Fällen, verstärkte politisch-ideologische Arbeit, im Jargon der Grenzer "Rotlichtbestrahlung" genannt. Lernziel laut Peter: Die Truppe müsse "zutiefst von dem Bewußtsein durchdrungen" sein, daß "Grenzdienst harter und erbitterter Klassenkampf ist".

Als zwei Jahre nach dem Urteil über Weinhold, der 1982 wegen guter Führung vorzeitig entlassen wurde, der Gefreite Ulrich Steinhauer, 24, im Kreis Nauen erschossen wurde, gab es über den Täter, den Soldaten Egon Bunge, 19, nicht mehr soviel Getöse.

Bunge gab vor seiner Flucht, so der Bericht des damaligen Grenztruppenchefs General Klaus-Dieter Baumgarten, fünf Schuß auf seinen Postenführer Steinhauer ab, der Obduktionsbericht zählt einen "Streifschuß am Oberbauch" und einen tödlichen "Einschuß im Rücken" auf. Dann überwand Täter Bunge "unter Ausnutzung seines an die Grenzmauer angelehnten Dienstfahrrades das vordere Sperrelement" und stellte sich der West-Berliner Polizei.

Die Mordanklage vor der 9. Jugendstrafkammer des Kriminalgerichts Moabit wurde jedoch fallengelassen: Es stehe nicht mit genügender Sicherheit fest, befand das Gericht, daß Bunge als erster gefeuert habe.

Nach Prüfung von umfangreichem Ermittlungsmaterial, das die DDR übersandt hatte, wurde Bunge 1981 wegen Totschlags, schärfer als der Doppeltäter Weinhold, zu sechs Jahren Haft verurteilt. Ursula Steinhauer, die Mutter des Opfers, kommentierte damals: "Ich empfinde das als Hohn auf das Leben hoffnungsvoller junger Menschen."

Das letzte Opfer auf der Ostseite der waffenstarrenden Grenze der DDR, die aus wehrpflichtigen Leidensgenossen von einer Sekunde auf die andere tödliche Feinde werden ließ, war der Gefreite Uwe Dittmann, 20. Der Gothaer Fernsprechmechaniker erhielt mehrere "Einschüsse aus kurzer Entfernung am Bauch, Brustkorb und Kopf".

Diesmal war es besonders schwer, die Tat des "Grenzverletzers", der so rabiat auf Dittmann feuerte, dem Westen anzulasten: Der Sowjetsoldat Wassilij Kirjukin war zwei Tage vor seinem 20. Geburtstag mit MPi, 120 Patronen und einem Kübelwagen aus einer Kaserne der sowjetischen Streitkräfte in der DDR getürmt und wollte nun nach Westen fliehen. Auf der Brücke Pferdsdorf-Spichra in Thüringen blieb er tödlich getroffen liegen.

DDR-Grenztruppenchef Baumgarten ergriff die üblichen Maßnahmen. "Ideologisch-politische Arbeit" wurde angeordnet, dem Verteidigungsminister eine Vorschlagsliste "zur Auszeichnung von Angehörigen der Grenztruppen" vorgelegt.

Deren heldenhafter Ruhm ist mit der Wende schlagartig verblaßt. Die "Rudi-Arnstadt-Schule" in Eisenach heißt nun schlicht Polytechnische Oberschule "POS 7". Der Gedenkstein für Peter Göring in der Berliner Scharnhorststraße wurde aus der Verankerung gerissen und umgestürzt, die Inschrift des Denkmals in der Reinhold-Huhn-Straße ist kaum noch zu entziffern: Sprayer haben den Stein mit den Kommentaren "Tod" und "Mörder" bedacht.

Die Reinhold-Huhn-Straße soll demnächst ihren alten Namen zurückerhalten - passend zu den letzten 40 Jahren deutscher Geschichte: Schützenstraße.



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