AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2002

Militaria Die Flugzeug-Jäger

Schatzsucher graben abgestürzte Wehrmachtsflugzeuge und Panzer aus Russlands Sümpfen, um sie an Sammler im Westen zu verkaufen. Dabei geht oft die Chance verloren, das Schicksal vermisster Soldaten zu klären.


Wer einen Mercedes-Roadster, Baujahr 1937, kaufen will, ist hier richtig. Auch Interessenten für ein mehr als 60 Jahre altes Horch 853 Sportcabriolet werden bei dem Oldtimer-Händler an der Hamburger Alster fündig. Doch die wirklich interessanten Raritäten bietet der Kaufmann nur so diskret wie Hehlerware an ­ denn, sagt er, "in diesem Geschäft geht es mitunter recht rabiat zu".

Neben alten Luxuswagen verhökert der Mann Flugzeuge und Panzerwracks der Wehrmacht, die beim Russlandfeldzug irgendwo im Feindesland zurückgeblieben waren. In der Oldtimer-Werkstatt, ein paar Kilometer vom Hauptgeschäft entfernt, hängen zerschlissene Tragflächen des deutschen Jagdflugzeugs Me 109 an der Wand. Rostige Flugmotoren des Typs Jumo warten ebenso auf Abnehmer wie Pilotenkanzeln oder Fahrwerkhebel alter Militärmaschinen. "Der Markt wächst zurzeit", sagt der Händler, "wir haben gut zu tun."

Die deutschen Hersteller wollen mit dem alten Kriegsgerät nichts mehr zu schaffen haben und haben die Teileproduktion eingestellt. "Ersatz gibt es fast nur noch in Russland. Und da hat man es mit mafiaähnlichen Verhältnissen zu tun", sagt Peter Pletschacher, Chefredakteur einer Fachzeitschrift für historische Militärflugzeuge.

Vor allem exzentrische Sammler aus England und den USA zahlen stolze Summen für den Kriegsschrott, der länger als ein halbes Jahrhundert in russischen Mooren versunken lag oder in unwegbaren Wäldern vor sich hin korrodierte. Meist befinden sich die notgelandeten Maschinen und liegen gebliebenen Fahrzeuge zwar in einem beklagenswerten Zustand, aber die Suche lohnt: Ein einigermaßen erhalten gebliebener Daimler-Benz-Flugmotor einer Me 109, der DB 601, bringt immerhin etwa 50 000 Euro ein.

Werkstätten wie die Fighter Factory in Suffolk (US-Bundesstaat Virginia) beschäftigen sich mit nichts anderem als dem Restaurieren alter Kriegsmaschinen. "Ich liebe diese Flugzeuge", sagt Factory-Chef Gerald Yagen. "Und ich will sie wieder in der Luft sehen."

Yagen leitet hauptberuflich eine Technikerschule namens Tidewater Tech, die unter anderem Flugzeugmechaniker für die US-Airlines ausbildet. Der Geschäftsmann legt Wert auf die Tatsache, dass er nicht mit dem einstigen Kriegsgerät handelt ­ das Restaurieren der Militärmaschinen sei für ihn "nur ein Hobby". Allein in den vergangenen drei Jahren hat Yagen fünf Me-109-Wracks aus Russland nach Amerika verschiffen lassen; daraus will er jetzt ein flugfähiges Exemplar zusammenbauen. Holzfäller, Fischer und Jäger streifen für ihn durch die einsamen Wälder und Steppen Russlands, um ihn über neue Angebote auf dem Laufenden zu halten.

"Diese Leute haben wenig Geld, und wenn ich ihnen ein paar Dollar für einen Tipp gebe, ist allen geholfen", sagt Yagen. Das Graben nach Altwaffen aus dem Weltkrieg ist zwar nach russischem Recht nicht verboten. Wer ein Wrack ausführen will, braucht aber eine Erlaubnis, die wiederum nicht jedem erteilt wird. Findige Berger arbeiten nachts und schmuggeln die heiße Ware dann mit falsch deklarierten Papieren und der Hilfe geschmierter Beamter via St. Petersburg außer Landes.

In den vergangenen zehn Jahren haben Schatzsucher wohl an die 100 der einst fliegenden Kisten gehoben, bis zu 400 dürften noch in den Weiten zwischen Murmansk und Odessa liegen, schätzt Yagen. Und die Jagd geht weiter. Zurzeit ist der ganze Markt in Aufruhr: Der Software-Milliardär Paul Allen, einer der Mitgründer von Microsoft, will sich ein eigenes Flugzeugmuseum in Seattle bauen, um seine Sammlung historischer Flugzeuge ("Flying Heritage Collection") auszustellen. Mit einem nahezu unbegrenzten Budget kauft Allens Team Maschinen jeden Baujahrs und in jedem Zustand auf, um 100 Jahre Luftfahrtgeschichte vorzuführen.

Mit diesem prominenten Flugzeug-Jäger machte auch der Deutsch-Pole Maciej Keszycki Bekanntschaft ­ auf Umwegen. Der Kaufmann betreibt im württembergischen Ilsfeld einen Baumaschinenhandel nebst einer Wehrmachtsparte. Vor zwölf Jahren gelang ihm ein Coup: In einem Waldstück bei Leningrad entdeckte Keszycki eine Focke-Wulf 190, ein Jagdflugzeug, von dem nur noch wenige Exemplare erhalten sind. "Schon damals hätte ich für die Maschine etwa 160 000 Mark bekommen, heute wäre sie das Dreifache wert", sagt Keszycki.

Sofort bemühte sich der Finder um eine Ausfuhrgenehmigung und wurde beim Militär vorstellig. Doch die Offiziere blieben seltsam zurückhaltend und erzählten, das Gelände um den Fundort sei "vermint". Schließlich wurde Keszycki klar: Der Sensationsfund hatte sich in der Szene herumgesprochen, ein konkurrierender Bergungstrupp bot den Militärs mehr Geld für die nötigen Papiere; der Entdecker ging leer aus.

Vor kurzem erst hat er erfahren, was aus der Rarität geworden ist. Spezialisten restaurieren die Focke-Wulf 190 in England, wohin das Wrack seinen Weg auf verschlungenen Pfaden fand. Auftraggeber des kostspieligen Neuaufbaus ist Paul Allen, der Museumsgründer aus Seattle.

Von solchen Rückschlägen lässt sich Keszycki nicht entmutigen. "Ich bin eine Sparte tiefer gegangen und handele jetzt mit Panzern." Drei Tanks hat er schon aus Sümpfen in Russland und Polen gezogen; dazu kommen noch Massen von Ersatzteilen und diverse Waffen.

Keszycki und seine professionell arbeitenden Kollegen aus dem Westen sind nicht die Einzigen, die Russland auch als gigantischen Armeeschrottplatz begreifen. Mittlerweile strömen Tausende Einheimische an den Wochenenden in die Wälder, um die Reste des Zweiten Weltkriegs auszugraben. Die meisten begnügen sich dabei mit simplen Orden oder Ehrenzeichen ­ und machen sich an Soldatenfriedhöfe und Massengräber heran.

Das Ausbuddeln und Fleddern von toten Soldaten hat sich offenbar zum Volkssport gemausert: So berichtet ein Mitarbeiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dass bei einer Besichtigung von 137 Friedhöfen im Kaukasus "etwa 60 bis 70 Prozent" geplündert worden seien. Insgesamt waren auf den dortigen Schlachtfeldern zwischen 130 000 und 150 000 deutsche Soldaten gefallen. Orden wie das Eiserne Kreuz bringen selbst in Russland zwischen 10 und 50 Dollar ein; der durchschnittliche Monatslohn liegt bei 134 Dollar.

Durch das Plündern der Gräber können "Tausende Schicksale nicht mehr geklärt werden", schätzt Peter Gerhardt, stellvertretender Leiter der "Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" (Wast). "Dieses Buddeln ist nichts anderes als Grabräuberei", schimpft Gerhardt.

Von Bielefeld aus organisiert der Russlanddeutsche Wladimir R. Bergungsexpeditionen durch Osteuropa. "Um Leichen geht es doch nicht, nur um das Material", sagt der Techniker lapidar. Nahe der weißrussischen Ortschaft Bely will er sich eine zweimotorige Heinkel 111 sichern. "Die Maschine scheint in einem hervorragenden Zustand zu sein", freut er sich. Die Besatzung hat den Absturz nicht überlebt. Eine der vermutlich drei Leichen hat Wladimir R. schon gesehen ­ aber das will er diskret behandeln: "Wenn ich das melde, bin ich meinen Fund ganz schnell wieder los."

Wie die Schatzsuche vor sich geht, hat eine russische Gruppe auf Video aufgezeichnet. Ein halbes Dutzend Hobby-Berger läuft in dem Film durch den Wald und spürt mit Metalldetektoren nach altem Waffeneisen und Aluminiumteilen aus dem Flugzeugbau. Und: In Massengräbern, in denen deutsche Soldaten verscharrt wurden, buddeln sie Orden und Uniformteile mit einer Selbstverständlichkeit aus, als würden sie Ostereier suchen. Zwischen Skeletten, Schädeln und Knochen schürfen die Russen nach allem, was Geld bringt.

Auch Behörden mischen im Militariahandel mit. In der Ukraine verhökert die staatliche "Ukrspezexport" ("Staatliche Gesellschaft für Export und Import von Militär- und Spezialprodukten") Maschinengewehre, Panzer und Flugabwehrkanonen. Per Fax laufen Angebotslisten bei potenziellen Kunden auf. Im Verteiler der Ukrainer ist auch das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden. "Die wollen uns alles Mögliche verkaufen", sagt Wolfgang Fleischer, Fachgebietsleiter Militärtechnikgeschichte, "und das am liebsten zu Mondpreisen."

Alles, was deutsch ist, steht hoch im Kurs. "Wer sich keinen Panzer leisten kann, sammelt eben Patronen oder Abzeichen", sagt Fleischer. Von den Offerten aus dem Osten hält der Militärhistoriker wenig: "Vieles kommt aus dem kriminellen Bereich." Die Bandbreite der privaten Interessenten sieht er weit gefächert: "Vom Alt-Nazi bis zum Technik-Fan ist alles dabei."

Die Sammler, glaubt Experte Keszycki, könnten auch hier zu Lande fündig werden: "In Deutschland gibt es viel auszugraben." Aber das sei ein Tabu ­ noch. "Die Leute haben Angst vor ihrer Geschichte."

PER HINRICHS



© DER SPIEGEL 32/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.