Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

12. August 2002, 00:00 Uhr

Lärm

Dröhnen über dem Kopf

Nächtlicher Lärm erhöht den Blutdruck und fördert Asthma, so das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes. Die Fluglobby hingegen leugnet gesundheitliche Folgen von Krach.

Wahrscheinlich wissen nur wenige Menschen so gut, was Lärm bedeutet, wie Helmut Breidenbach. 1986 hatte er ein Haus in Köln-Rath/Heumar, knapp zehn Kilometer vom Flughafen Köln/Bonn entfernt, gekauft. Knapp drei Jahre lang war seine Welt dort in Ordnung - dann ging der Krach los.

"Natürlich wusste ich, dass da Flugzeuge fliegen", sagt Breidenbach, der heute Vorsitzender der Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln/Bonn e. V. ist, "aber auf einmal kamen die Maschinen nachts im Zwei-bis-drei-Minuten-Takt. Das war jedes Mal ein bedrohlich anschwellendes Dröhnen von oben, wenn sie auf uns zu flogen." Schließlich erfuhr Breidenbach: Zwei Frachtunternehmen hatten Köln/Bonn zu ihrem nächtlichen Frachtdrehkreuz gemacht.

An Schlaf war seither oft nicht mehr zu denken. "Tagsüber bin ich manchmal ausgerastet", erinnert sich der Lärm-Geplagte, "wenn jemand mit mir reden wollte, kam es mir vor, als wenn in meinem Kopf alles durcheinander flog."

Bis heute gibt es für den Flughafen Köln/Bonn keinerlei nächtliche Einschränkungen. Breidenbach ist inzwischen weggezogen. Er ist sich sicher: Lärm ist nicht nur lästig, auf Dauer macht er auch krank.

Zwar wird genau das von Flughafenbetreibern, von Frachtunternehmen und auch von Politikern immer wieder angezweifelt. Doch in den letzten Jahren hat die Lärmforschung erhebliche Fortschritte gemacht. Epidemiologische Studien, aber auch Experimente aus der Stress-, Hormon- und Immunforschung deuten immer klarer darauf hin, dass gefährlich lebt, wer laut wohnt.

Die Gesundheit jener 16 Prozent aller Deutschen, die nachts unter dem Röhren von Motorrädern, dem Sirren einer nahen Autobahn, dem Vibrieren vorbeifahrender Lkw, dem Donnern von Güterzügen oder dem Dröhnen anfliegender Jets leiden, ist offenbar bedroht.

Seit ein paar Tagen liegt im Umweltbundesamt in Berlin eine noch unveröffentlichte Studie vor, die diesen Verdacht erhärtet. Über 1700 Menschen, die seit 18 Jahren an einem Gesundheitsforschungsprojekt, dem "Spandauer Gesundheits-Survey" teilnehmen, wurden dafür rückwirkend auf ihre Lärmbelastung hin untersucht. Das erschreckende Ergebnis: Selbst wer sich gar nicht durch Lärm belästigt fühlt, kann Schaden nehmen. Besonders nachts reagiert der Organismus, und die Folgen betreffen nicht nur ein, sondern eine ganze Reihe von Organsystemen.

So haben Menschen, vor deren Fenstern nachts ein mittlerer Schallpegel von über 55 Dezibel herrscht (befahrene Straße), gegenüber Menschen, die bei unter 50 Dezibel (ruhige Straße, Innenhof) schlafen,

Bei all diesen Erkrankungen zeigte sich bei der Berliner Untersuchung eine klare Dosis-Wirkung-Beziehung: je mehr Krach, desto häufiger die Krankheit.

Zwar warnt der Autor Christian Maschke, Privatdozent an der TU Berlin und inzwischen als Schallexperte bei der Firma Müller-BBM in München tätig, diese Ergebnisse stammten ausschließlich aus der Spandauer Untersuchung. Deshalb könnten sie nicht eins zu eins auf die Gesamtbevölkerung übertragen werden. Noch sei nicht lückenlos nachgewiesen, dass Lärm tatsächlich krank macht. Doch ein entscheidendes Glied der Beweiskette sei nun erbracht. "Diese Daten", sagt Maschke, "sind nicht mehr so leicht vom Tisch zu wischen."

Vor allem stimmen sie erstaunlich genau mit dem überein, was Stressforscher in den letzten Jahren an biochemischen Veränderungen bei lärmbelasteten Menschen beobachtet haben. "Im Schlaf", erklärt Hartmut Ising, bis zu seiner Pensionierung Leiter der Arbeitsgruppe Lärmwirkungen beim Bundesumweltamt, "reagiert der Körper auf laute Geräusche, auch ohne dass wir davon aufwachen, mit einer extremen Stressreaktion."

Eigentlich ist dieses Reaktionsmuster im Laufe der Evolution als Schutzmechanismus vor Feinden oder wilden Tieren entstanden - doch im Zeitalter von Autos und Flugzeugen kann es zum Verhängnis werden. Denn bei dieser Reaktion wird unter anderem in großen Mengen das Stresshormon Cortisol freigesetzt - so konnte Ising in einer neuen Studie zeigen, dass der Botenstoff im Urin von Kindern, die neben einer lauten Straße schlafen, dramatisch erhöht ist -, und erhöhte Cortisol-Spiegel gelten nicht nur als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sie beeinflussen auch das Immunsystem.

Dieser Mechanismus könnte möglicherweise dafür verantwortlich sein, dass Lärm die Entstehung von Krankheiten wie Asthma oder Krebs begünstigt - auch wenn Maschke besonders beim Thema Krebs zur Vorsicht mahnt: "Dazu muss unbedingt noch weiter geforscht werden."

Die Hautärzte Hans-Friedrich Döring und Hans-Werner Tüttenberg haben schon lange vermutet, dass Lärm das Immunsystem verwirren könnte. Ihre Gemeinschaftspraxis liegt in Troisdorf bei Bonn, ein paar Kilometer südlich des Köln/Bonner Flughafens. "Uns ist irgendwann aufgefallen, dass sich Allergien, insbesondere bei Kindern, in bestimmten Regionen häuften", berichtet Döring.

Deshalb führten die beiden Mediziner auf eigene Faust eine Patientenbefragung durch. "Das Ergebnis", so Döring, "war für uns eindeutig. Wir sahen einen direkten Zusammenhang mit dem Nachtfluglärm." An einer zweiten Befragungsaktion beteiligten sich bereits 25 Ärzte verschiedener Fachrichtungen aus der Region - mit ähnlichem Ergebnis.

Wie schädlich Lärm ist, bestimmt nicht nur der in Dezibel gemessene Schallpegel. "Leider haben wir zurzeit nichts Besseres", sagt Maschke, "aber eigentlich ist der Schallpegel nur eine Hilfsgröße. Eine sehr wichtige Rolle spielt auch die Information, die ein Geräusch vermittelt."

So kann schon das leise Wimmern eines Säuglings Eltern aus dem Schlaf hochschrecken lassen, Schnarchen des Partners, mitunter laut wie eine befahrene Straße, dagegen beruhigend wirken. Gleichmäßig dahinfließenden Verkehr empfindet der Mensch in der Regel als weit weniger störend als anfahrende Lkw oder ein aggressiv beschleunigendes Motorrad.

Neuere Forschungen zeigen: Offenbar deutet das Gehirn einige Geräusche als Gefahr und reagiert auf diese dann besonders intensiv. Das könnte erklären, warum viele Menschen auf Fluglärm, der nur schwer lokalisierbar irgendwo über dem Kopf entsteht und der oft auch noch mit Unglück und Katastrophen assoziiert wird, besonders empfindlich reagieren.

"In China schlugen die Henker auf eine Glocke bis der Tod des Verurteilten eintrat."

Inzwischen konnten die Forscher sogar die Gehirnregion lokalisieren, in der die Geräusche bewertet werden: in den so genannten Mandelkernen, die besonders eng mit dem für Gefühle zuständigen Limbischen System und dem für die Cortisol-Ausschüttung verantwortlichen Hypothalamus verbunden sind. Diese Gehirnstrukturen sind auch im Schlaf aktiv.

Bei extrem hohen Schallpegeln allerdings wird der Charakter des Geräuschs irgendwann unwichtig. "Dann ist die Lautstärke die wichtigste Information", so Maschke. So extrem wie der Krach ist dann die Reaktion des Körpers: Erwachsene Menschen, die einen herannahenden Tiefflieger hören, werfen sich abrupt zu Boden, Kinder halten sich beim Schaukeln plötzlich die Ohren zu und fallen deshalb herunter.

In China bedienten sich früher sogar die Henker extremen Lärms: Sie schlugen so lange auf eine Glocke in unmittelbarer Nähe des Verurteilten ein, bis die ausgeschütteten Stresshormone Kreislauf und Stoffwechsel so durcheinander gebracht hatten, dass der Tod eintrat.

Gerade dass sich die Wirkung von Lärm nicht allein in Dezibel messen lässt, macht es den Forschern besonders schwer zu beweisen, dass und in welchen Fällen Krach gesundheitsschädlich ist - entsprechend leicht fällt es den Gegnern solcher Forschungen, die Ergebnisse in Zweifel zu ziehen.

Und solche Gegner gibt es viele: Schon nach seiner ersten Patientenbefragung und einem darauf folgenden Interview in der Lokalzeitung wurde Hautarzt Döring per Brief zu einem Gespräch mit der Flughafengeschäftsführung zitiert. Eindringlich wurde ihm bedeutet, er habe "sehr weitgehend" ins "Geschäftsfeld" des Flughafens eingegriffen. Nach der zweiten Befragung gab die Flughafenleitung sofort ein Gegengutachten beim Forsa-Institut in Auftrag, das der Befragung die - gar nicht beanspruchte - Wissenschaftlichkeit absprechen sollte.

"Die Sache ist so", erklärt Umweltamts-Veteran Ising, "wenn es wirklich zweifelsfrei gelingen sollte, die Gesundheitsschädlichkeit von Lärm zu beweisen, hätte jeder Bürger nach dem Grundgesetz ein Anrecht darauf, dass diese gesundheitsschädigenden Wirkungen eingestellt würden. Und das wäre sehr, sehr teuer."

Vielleicht liegt es daran, dass weitere Forschung auf so viel Widerstand stößt. Jedenfalls wurde Isings Stelle beim Umweltbundesamt nach seiner Pensionierung eingespart und die Arbeitsgruppe Lärmwirkungen weitgehend aufgelöst.

VERONIKA HACKENBROCH

URL:


© DER SPIEGEL 33/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung