AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2002

Internate "Wie in einer Großfamilie"

2. Teil: Warum man nicht jedem Berater trauen kann und welche Verhaltensregeln an den Internaten gelten


Berater versprechen, gegen Geld das richtige Internat für den Nachwuchs herauszusuchen ­ sind aber nicht selten per Provisionsvertrag an bestimmte Häuser gebunden. Die Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen, welche die fünf deutschen Internatsverbände vertritt, rät Eltern und Schülern, sich direkt an die kostenlosen Beratungsstellen ihrer Mitgliedsverbände zu wenden. Adressen und Tipps zur Internatssuche finden sich im aktuellen Handbuch deutscher Internate*.

Präses Günter Witthake, Leiter der Loburg, ist stolz darauf, ein "Internat der kleinen Leute" zu führen: Neben einigen Professoren- und Unternehmersprösslingen leben in dem Landinternat viele Kinder von Alleinerziehenden, Landwirten, Lehrern. Zwar fährt auch hier schon mal ein 18-Jähriger am Tag nach seinem Geburtstag mit einem von Papa geschenkten Mercedes vor. Aber solche "Luxus-Probleme", sagt Witthake, seien selten.

Leichter als in manchen Familien lernen Kinder in guten Internaten Werte und Regeln - und die ersten Schritte in die Selbständigkeit.

120 Schüler beherbergt die Loburg. Sie besuchen das internatseigene Gymnasium, wohnen in Einzel- oder Mehrbettzimmern ­ die jüngeren in altersgemischten Gruppen, die älteren nach Jahrgängen sortiert. Alle Zehntklässler machen ein Pflicht-praktikum in einem Altenheim oder Krankenhaus. Förderkurse für Hochbegabte stehen ebenso auf dem Programm wie Kleingruppentraining für Schwächere. Dazu gibt es etwa 30 Freizeitkurse zur Auswahl ­ vom Beachvolleyball bis zum Theater spielen.

Landschulheim (im bayerischen Brannenburg): Trend zum Internat
DPA

Landschulheim (im bayerischen Brannenburg): Trend zum Internat

Die Regeln sind streng: Die Schüler müssen bis zur elften Klasse zwischen 14 und 16 Uhr schweigend unter Aufsicht ihre Hausaufgaben erledigen und um 20.30 Uhr ­ die Älteren um 23 Uhr ­ im Bett liegen. Vor der ersten Stunde und vor den Mahlzeiten wird gebetet, alle 14 Tage, wenn die Schüler auch am Wochenende im Inter- nat bleiben, ein gemeinsamer Gottesdienst gefeiert. Nicht allen Zöglingen gefällt das Programm. Matthias, 16, und sein Freund Ewald, 15, etwa finden das Silentium "voll krank".

Doch Matthias räumt ein, dass er es im Internat geschafft habe, mit Rauchen und Kiffen aufzuhören. Und auch Ewald will "nicht wieder zurück nach Hause". Isabells Flurkollegin Alessandra Schäfer, 16, aus Solingen hat mit der Hausordnung keine Probleme. Sie fühlt sich im Internat "wie in einer Großfamilie".

Wie in vielen Internaten bekommen in der Loburg gleichaltrige Schüler ein einheitliches Taschengeld, für Ewald sind das 6 Euro pro Woche dazu 3 Euro extra fürs Internatssommerfest und 15 Euro für den Ausflug in einen Freizeitpark. Doch die verordnete soziale Gleichheit hat Löcher. "Immer wieder", klagt Witthake, "finden wir Schwarzgeld von Oma und Opa."

Witthake kennt viele Gründe, Kinder aufs Internat zu schicken: Eltern, die oft umziehen müssen oder wenig Zeit haben, fehlende Geschwister, schlechte Schulen am Wohnort. Leichter als in manchen Familien lernen Kinder in guten Internaten Werte und Regeln ­ und die ersten Schritte in die Selbständigkeit.

Doch auch die Nachteile sind offenkundig: Eltern und Kinder können sich entfremden. Labile Naturen leiden unter der Trennung von der Familie und mangelnder Privatsphäre. Fernab von zu Hause muss sich ein Kind in der Gruppe behaupten, die sich ­ kaum gucken die Erzieher mal weg ­ auch wie ein Haufen bissiger Bestien aufführen kann.

Der Loburger Schulpfarrer Stefan Peitzmann weiß, dass es Internatsschüler nicht immer leicht haben: In der Schule sollen sie viel leisten, im Internat Regeln beachten ­ und auch der Erwartungs- druck der fernen Eltern sei "vergleichsweise hoch".

Aber bei ihm, in seiner Wohnung auf dem Schulgelände des Internats mit dem lindgrünen Sofa aus dem Secondhand-Laden, "da dürfen die sich hinfläzen und müssen gar nichts".

Deshalb kommen die Schüler gern zu Peitzmann. Der 40-jährige Geistliche macht mit ihnen Pizza und Nudeln, hört sich ihre Probleme an: Stress mit den Eltern, den Lehrern, der ersten Liebe. Halbwaisen, Scheidungskinder, viele "verletzte kleine Seelen" habe er in seiner Küche kennen gelernt, sagt Peitzmann: "Im Internat gibt es eine Menge Probleme, aber meistens auch einen, der es merkt."

ANDREA STUPPE


* Arbeitsgemeinschaft freier Schulen (Hg.): "Handbuch deutscher Internate. Wie finde ich das richtige Internat für mein Kind?" Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 212 Seiten; 13 Euro.




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