Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

11. Oktober 2002, 09:50 Uhr

Internate

"Wie in einer Großfamilie"

Gemeinsam lernen und leben ­ Internate sind gefragt, weil sie den Kindern nicht nur Wissen vermitteln, sondern sie auch erziehen.

Harry Potter: Berühmtester Internatsschüler der Literatur
REUTERS

Harry Potter: Berühmtester Internatsschüler der Literatur

Harry Potter wäre neidisch. Der derzeit berühmteste Internatsschüler der Literatur kann zwar zaubern. Aber Geheimdiensttexte verschlüsseln und klettern, das hat er bei seinen Schulabenteuern nicht gelernt.

Isabelle Walter, 13, schon. Das Mädchen mit dem ausgewaschenen Pullover besteigt im Park des Internats Loburg bei Münster in Westfalen einen hohen Turm aus schwankenden Plastikkisten. Dann rutscht sie aus, gleitet unter dem Applaus der Mitschüler an einem Sicherheitsseil zu Boden ­ 18 Kisten, beinahe neuer Internatsrekord.

Isabelle mit dem rotblonden Zopf und der schwarzen Kette um den Hals ist zwar nur 1,53 Meter groß, aber sie wusste schon lange genau, was sie wollte: auf ein Internat, auf dieses katholische Internat. Sie hat im Internet recherchiert, sich über die "tollen Sportmöglichkeiten" informiert und "die optimale schulische Förderung" ­ wie etwa mit Spezialkursen über Textverschlüsselung für Mathe-Asse wie sie. Und sie hat ihre Eltern "gelöchert", bis die endlich zustimmten.

Internate, zwischen Nordsee und Alpen vielerorts noch immer verschrien als freudlose Besserungsanstalten für verkorkste höhere Töchter und Söhne, sind oft besser als ihr Ruf. Und das nicht nur beim Freizeitangebot. Jugendforscher wie der Bielefelder Professor Klaus Hurrelmann adeln den einst verpönten Internatsbesuch inzwischen als pädagogisch wertvoll. Isabelle findet es deshalb "echt komisch, dass man sich in Deutschland immer noch verteidigen muss, wenn man Internatsschüler ist".

Spätestens seit deutsche Schüler bei internationalen Leistungstests wie Timss und Pisa miserabel abgeschnitten haben, setzen auch hier zu Lande immer mehr Eltern darauf, dass Internate ihren Kindern bessere Startmöglichkeiten ins Leben geben als öffentliche Halbtagsschulen ­ oft mit individueller Förderung in kleinen Klassen und Lerngruppen.

Wer im Internat lebt, kann sich nicht Nachmittage lang vor Fernseher oder Computer zurückziehen, lernt täglich, mit Gleichaltrigen auszukommen, zu streiten, sich durchzusetzen. Das bildet ­ auch den Charakter. Eine "deutlich gestiegene Nachfrage nach Internatsplätzen" verzeichnet Bernhard Marohn, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Privatschulen, seit Ende der neunziger Jahre.

Das war nicht immer so. Der pädagogische Befreiungsschlag der 68er Bewegung traf die damals so unbeliebten "Schülerknäste" hart: Die zahlenden Kunden blieben scharenweise aus. Von bundesweit 500 Instituten Anfang der siebziger Jahre überlebte nur rund die Hälfte das große Internatssterben.

"Wer jetzt noch am Markt ist", sagt Marohn, "hat in der Regel keine Schwierigkeiten mehr, Schüler zu finden." Auch, weil die Internate sich verändert haben. Viele sind moderner und weltoffener geworden, haben eigene Schulprofile entwickelt, vom Montessori-Internat mit Basketball-Schwerpunkt bis zur Unesco-Projektschule mit eigener Schreinerei. Und sie profitieren davon, dass immer mehr Eltern und Schüler mit den öffentlichen Schulen unzufrieden sind.

Im Vergleich zu den Nachbarländern leben und lernen in Deutschland immer noch wenige Schüler fernab der Familie. Nur rund 50 000 Kinder und Jugendliche, gerade mal ein halbes Prozent aller deutschen Schüler, besuchen ein Internat.

Das mag auch daran liegen, dass Internatsschüler in Deutschland mit fast so viel öffentlichem Mitleid rechnen können wie gequälte Robbenbabys. So fragte Quizmaster Günther Jauch unlängst im Fernsehen einen jungen Kandidaten, was der denn verbrochen habe, dass er aufs Internat musste. Generationen deutscher Sitzenbleiber hörten von Vätern und Müttern die Drohung: "Streng dich an, sonst kommst du ins Internat."

Wer heute zum Internat darf, entscheidet freilich oft die Finanzlage der Eltern. Mehr als 1000 Euro pro Monat kostet ein gutes Internat in der Regel. Deutlich günstiger sind nur die Anstalten konfessioneller oder staatlicher Träger, weil diese ihre Einrichtungen kräftig subventionieren. Ein Platz auf der katholischen Loburg im münsterländischen Ostbevern etwa kostet 1300 Euro pro Monat, die Eltern zahlen davon nur 640. In sozialen Härtefällen sogar nur 150 Euro.

Bei fast allen Internaten, selbst den bekanntesten und teuersten wie etwa Schloss Salem am Bodensee, gilt: Es gibt Stipendien. Die besten Chancen haben Kinder mit guten Schulnoten, die problemlos in Gruppen klarkommen.

Die Angebote der rund 250 deutschen Internate sind weit gefächert: Da gibt es Ausbildungsstätten, die parallel zum Gymnasialabschluss eine Bildhauerlehre anbieten. Da gibt es Edel-Institute mit Stall fürs private Reitpferd. Auch Betreuung ist nicht gleich Betreuung: Manche bieten Intensiv-Erziehung rund um die Uhr, viele nur eine Art Wohnheimplatz mit Schule nebenan.

Lesen Sie im zweiten Teil:

Warum man nicht jedem Berater trauen kann und welche Verhaltensregeln an den Internaten gelten

Berater versprechen, gegen Geld das richtige Internat für den Nachwuchs herauszusuchen ­ sind aber nicht selten per Provisionsvertrag an bestimmte Häuser gebunden. Die Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen, welche die fünf deutschen Internatsverbände vertritt, rät Eltern und Schülern, sich direkt an die kostenlosen Beratungsstellen ihrer Mitgliedsverbände zu wenden. Adressen und Tipps zur Internatssuche finden sich im aktuellen Handbuch deutscher Internate*.

Präses Günter Witthake, Leiter der Loburg, ist stolz darauf, ein "Internat der kleinen Leute" zu führen: Neben einigen Professoren- und Unternehmersprösslingen leben in dem Landinternat viele Kinder von Alleinerziehenden, Landwirten, Lehrern. Zwar fährt auch hier schon mal ein 18-Jähriger am Tag nach seinem Geburtstag mit einem von Papa geschenkten Mercedes vor. Aber solche "Luxus-Probleme", sagt Witthake, seien selten.

Leichter als in manchen Familien lernen Kinder in guten Internaten Werte und Regeln - und die ersten Schritte in die Selbständigkeit.

120 Schüler beherbergt die Loburg. Sie besuchen das internatseigene Gymnasium, wohnen in Einzel- oder Mehrbettzimmern ­ die jüngeren in altersgemischten Gruppen, die älteren nach Jahrgängen sortiert. Alle Zehntklässler machen ein Pflicht-praktikum in einem Altenheim oder Krankenhaus. Förderkurse für Hochbegabte stehen ebenso auf dem Programm wie Kleingruppentraining für Schwächere. Dazu gibt es etwa 30 Freizeitkurse zur Auswahl ­ vom Beachvolleyball bis zum Theater spielen.

Landschulheim (im bayerischen Brannenburg): Trend zum Internat
DPA

Landschulheim (im bayerischen Brannenburg): Trend zum Internat

Die Regeln sind streng: Die Schüler müssen bis zur elften Klasse zwischen 14 und 16 Uhr schweigend unter Aufsicht ihre Hausaufgaben erledigen und um 20.30 Uhr ­ die Älteren um 23 Uhr ­ im Bett liegen. Vor der ersten Stunde und vor den Mahlzeiten wird gebetet, alle 14 Tage, wenn die Schüler auch am Wochenende im Inter- nat bleiben, ein gemeinsamer Gottesdienst gefeiert. Nicht allen Zöglingen gefällt das Programm. Matthias, 16, und sein Freund Ewald, 15, etwa finden das Silentium "voll krank".

Doch Matthias räumt ein, dass er es im Internat geschafft habe, mit Rauchen und Kiffen aufzuhören. Und auch Ewald will "nicht wieder zurück nach Hause". Isabells Flurkollegin Alessandra Schäfer, 16, aus Solingen hat mit der Hausordnung keine Probleme. Sie fühlt sich im Internat "wie in einer Großfamilie".

Wie in vielen Internaten bekommen in der Loburg gleichaltrige Schüler ein einheitliches Taschengeld, für Ewald sind das 6 Euro pro Woche dazu 3 Euro extra fürs Internatssommerfest und 15 Euro für den Ausflug in einen Freizeitpark. Doch die verordnete soziale Gleichheit hat Löcher. "Immer wieder", klagt Witthake, "finden wir Schwarzgeld von Oma und Opa."

Witthake kennt viele Gründe, Kinder aufs Internat zu schicken: Eltern, die oft umziehen müssen oder wenig Zeit haben, fehlende Geschwister, schlechte Schulen am Wohnort. Leichter als in manchen Familien lernen Kinder in guten Internaten Werte und Regeln ­ und die ersten Schritte in die Selbständigkeit.

Doch auch die Nachteile sind offenkundig: Eltern und Kinder können sich entfremden. Labile Naturen leiden unter der Trennung von der Familie und mangelnder Privatsphäre. Fernab von zu Hause muss sich ein Kind in der Gruppe behaupten, die sich ­ kaum gucken die Erzieher mal weg ­ auch wie ein Haufen bissiger Bestien aufführen kann.

Der Loburger Schulpfarrer Stefan Peitzmann weiß, dass es Internatsschüler nicht immer leicht haben: In der Schule sollen sie viel leisten, im Internat Regeln beachten ­ und auch der Erwartungs- druck der fernen Eltern sei "vergleichsweise hoch".

Aber bei ihm, in seiner Wohnung auf dem Schulgelände des Internats mit dem lindgrünen Sofa aus dem Secondhand-Laden, "da dürfen die sich hinfläzen und müssen gar nichts".

Deshalb kommen die Schüler gern zu Peitzmann. Der 40-jährige Geistliche macht mit ihnen Pizza und Nudeln, hört sich ihre Probleme an: Stress mit den Eltern, den Lehrern, der ersten Liebe. Halbwaisen, Scheidungskinder, viele "verletzte kleine Seelen" habe er in seiner Küche kennen gelernt, sagt Peitzmann: "Im Internat gibt es eine Menge Probleme, aber meistens auch einen, der es merkt."

ANDREA STUPPE


* Arbeitsgemeinschaft freier Schulen (Hg.): "Handbuch deutscher Internate. Wie finde ich das richtige Internat für mein Kind?" Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 212 Seiten; 13 Euro.


URL:


© DER SPIEGEL 35/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung