AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2002

Internate "Wie in einer Großfamilie"

Gemeinsam lernen und leben ­ Internate sind gefragt, weil sie den Kindern nicht nur Wissen vermitteln, sondern sie auch erziehen.


Harry Potter: Berühmtester Internatsschüler der Literatur
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Harry Potter: Berühmtester Internatsschüler der Literatur

Harry Potter wäre neidisch. Der derzeit berühmteste Internatsschüler der Literatur kann zwar zaubern. Aber Geheimdiensttexte verschlüsseln und klettern, das hat er bei seinen Schulabenteuern nicht gelernt.

Isabelle Walter, 13, schon. Das Mädchen mit dem ausgewaschenen Pullover besteigt im Park des Internats Loburg bei Münster in Westfalen einen hohen Turm aus schwankenden Plastikkisten. Dann rutscht sie aus, gleitet unter dem Applaus der Mitschüler an einem Sicherheitsseil zu Boden ­ 18 Kisten, beinahe neuer Internatsrekord.

Isabelle mit dem rotblonden Zopf und der schwarzen Kette um den Hals ist zwar nur 1,53 Meter groß, aber sie wusste schon lange genau, was sie wollte: auf ein Internat, auf dieses katholische Internat. Sie hat im Internet recherchiert, sich über die "tollen Sportmöglichkeiten" informiert und "die optimale schulische Förderung" ­ wie etwa mit Spezialkursen über Textverschlüsselung für Mathe-Asse wie sie. Und sie hat ihre Eltern "gelöchert", bis die endlich zustimmten.

Internate, zwischen Nordsee und Alpen vielerorts noch immer verschrien als freudlose Besserungsanstalten für verkorkste höhere Töchter und Söhne, sind oft besser als ihr Ruf. Und das nicht nur beim Freizeitangebot. Jugendforscher wie der Bielefelder Professor Klaus Hurrelmann adeln den einst verpönten Internatsbesuch inzwischen als pädagogisch wertvoll. Isabelle findet es deshalb "echt komisch, dass man sich in Deutschland immer noch verteidigen muss, wenn man Internatsschüler ist".

Spätestens seit deutsche Schüler bei internationalen Leistungstests wie Timss und Pisa miserabel abgeschnitten haben, setzen auch hier zu Lande immer mehr Eltern darauf, dass Internate ihren Kindern bessere Startmöglichkeiten ins Leben geben als öffentliche Halbtagsschulen ­ oft mit individueller Förderung in kleinen Klassen und Lerngruppen.

Wer im Internat lebt, kann sich nicht Nachmittage lang vor Fernseher oder Computer zurückziehen, lernt täglich, mit Gleichaltrigen auszukommen, zu streiten, sich durchzusetzen. Das bildet ­ auch den Charakter. Eine "deutlich gestiegene Nachfrage nach Internatsplätzen" verzeichnet Bernhard Marohn, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Privatschulen, seit Ende der neunziger Jahre.

Das war nicht immer so. Der pädagogische Befreiungsschlag der 68er Bewegung traf die damals so unbeliebten "Schülerknäste" hart: Die zahlenden Kunden blieben scharenweise aus. Von bundesweit 500 Instituten Anfang der siebziger Jahre überlebte nur rund die Hälfte das große Internatssterben.

"Wer jetzt noch am Markt ist", sagt Marohn, "hat in der Regel keine Schwierigkeiten mehr, Schüler zu finden." Auch, weil die Internate sich verändert haben. Viele sind moderner und weltoffener geworden, haben eigene Schulprofile entwickelt, vom Montessori-Internat mit Basketball-Schwerpunkt bis zur Unesco-Projektschule mit eigener Schreinerei. Und sie profitieren davon, dass immer mehr Eltern und Schüler mit den öffentlichen Schulen unzufrieden sind.

Im Vergleich zu den Nachbarländern leben und lernen in Deutschland immer noch wenige Schüler fernab der Familie. Nur rund 50 000 Kinder und Jugendliche, gerade mal ein halbes Prozent aller deutschen Schüler, besuchen ein Internat.

Das mag auch daran liegen, dass Internatsschüler in Deutschland mit fast so viel öffentlichem Mitleid rechnen können wie gequälte Robbenbabys. So fragte Quizmaster Günther Jauch unlängst im Fernsehen einen jungen Kandidaten, was der denn verbrochen habe, dass er aufs Internat musste. Generationen deutscher Sitzenbleiber hörten von Vätern und Müttern die Drohung: "Streng dich an, sonst kommst du ins Internat."

Wer heute zum Internat darf, entscheidet freilich oft die Finanzlage der Eltern. Mehr als 1000 Euro pro Monat kostet ein gutes Internat in der Regel. Deutlich günstiger sind nur die Anstalten konfessioneller oder staatlicher Träger, weil diese ihre Einrichtungen kräftig subventionieren. Ein Platz auf der katholischen Loburg im münsterländischen Ostbevern etwa kostet 1300 Euro pro Monat, die Eltern zahlen davon nur 640. In sozialen Härtefällen sogar nur 150 Euro.

Bei fast allen Internaten, selbst den bekanntesten und teuersten wie etwa Schloss Salem am Bodensee, gilt: Es gibt Stipendien. Die besten Chancen haben Kinder mit guten Schulnoten, die problemlos in Gruppen klarkommen.

Die Angebote der rund 250 deutschen Internate sind weit gefächert: Da gibt es Ausbildungsstätten, die parallel zum Gymnasialabschluss eine Bildhauerlehre anbieten. Da gibt es Edel-Institute mit Stall fürs private Reitpferd. Auch Betreuung ist nicht gleich Betreuung: Manche bieten Intensiv-Erziehung rund um die Uhr, viele nur eine Art Wohnheimplatz mit Schule nebenan.

Lesen Sie im zweiten Teil:



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