Der SPIEGEL

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14. Oktober 2002, 10:13 Uhr

Bildungsfinanzierung

Billige Bildung

Bringt mehr Geld für Schulen und Universitäten auch mehr Wachstum für die Wirtschaft ­ oder profitiert nur der einzelne Akademiker vom subventionierten Bildungsbetrieb?

Bildungsministerin Bulmahn: Stolz auf die Etaterhöhungen
DPA

Bildungsministerin Bulmahn: Stolz auf die Etaterhöhungen

Wenn die Ministerin Edelgard Bulmahn zeigen will, wie erfolgreich sie rot-grüne Bildungspolitik gemacht hat, dann verweist sie gern auf ihren Etat: Gut 21 Prozent sind die Ausgaben für Bildung und Forschung in den vergangenen vier Jahren im Vergleich zur letzten Kohl-Regierung gestiegen.

Mehr Geld, mehr Bildung: An diese Gleichung glauben nicht nur Sozialdemokraten. Politiker aller Richtungen verkünden beständig: Ausgaben für Schulen und Universitäten sind in der so genannten Wissensgesellschaft eine ebenso notwendige wie sichere Investition in die Zukunft.

Umgekehrt der gleiche Glaubenssatz: Mehr Bildung, mehr Geld. Wer die bessere Ausbildung genossen hat, gehört später in der Regel zu den Besserverdienern. Und je mehr eine Gesellschaft für die Ausbildung ihres Nachwuchses aufwendet, desto höher ist auch das Wachstum der Wirtschaft.

Das klingt alles einleuchtend. Aber stimmt es wirklich? Die Wissenschaft jedenfalls tut sich schwer, diese Grundsätze der Wissensgesellschaft zu beweisen.

Am einfachsten ist es noch mit dem Lehrsatz: Mehr wissen, mehr verdienen. Deutsche Hochschulabsolventen erreichen beispielsweise schon vier Jahre nach dem Abschluss ein durchschnittliches Einkommen, das etwa ein Viertel über dem Schnitt der Nichtakademiker liegt. Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist für Studierte weitaus geringer als für Nichtstudierte ­ Problemfälle wie etwa manche Sozial- und Geisteswissenschaftler mal ausgenommen.

Den Gewinn für den Einzelnen kann der OECD-Bildungsökonom Sveinbjörn Blöndal bis hinter das Komma beziffern. Wie bei einer Vermögensanlage auf dem Bank- oder Wertpapierkonto errechnete Blöndal auch für die Investition in eine Hochschulausbildung die Rendite auf das eingesetzte Kapital. Den Kosten, wie etwa dem entgangenen Einkommen während eines Studiums und Studiengebühren, müssen der Nutzen aus später höherem Verdienst und geringerem Arbeitsmarktrisiko gegenübergestellt werden. Auf der Habenseite der Studierenden werden auch die staatlichen Aufwendungen für die Ausbildung gerechnet, die ohne Gegenleistung wie Studiengebühren den Einzelnen zugute kommen. Ergebnis für Deutschland: Bildungsinvestitionen verzinsen sich für den Studierenden mit netto 9,1 Prozent.

Das ist eine hübsche Rendite, verglichen mit den rund fünf Prozent bei Bundesschatzbriefen, auf die noch Steuern zu zahlen wären. Allerdings liegt Deutschland auch bei diesem internationalen Bildungsvergleich der OECD im hinteren Drittel. Studenten in Großbritannien und den USA stehen sich rein rechnerisch mit 18,5 und 14,9 Prozent entschieden besser. Das könnte teils an der größeren Kluft zwischen Niedriglöhnern und hoch bezahlten Akademikern in diesen Ländern liegen ­ und teils an den Tücken eines sinnvollen Vergleichs nationaler Zahlenwerke.

Demo gegen Studiengebühren (in Düsseldorf): Sollen Studenten zahlen?
FEDERICO GAMBARINI / DDP

Demo gegen Studiengebühren (in Düsseldorf): Sollen Studenten zahlen?

Die OECD-Studie liefert allerdings mehr als wertfreie Zahlenspiele. Die Rechnungen dienen auch als Argument in der Debatte über Studiengebühren. Wenn die Hochschüler für die vollen Kosten ihres Studiums aufkommen müssten, würde die Bildungsrendite in den meisten untersuchten Ländern erheblich sinken. "Unter diesen Umständen wäre eine Investition in eine Universitätsausbildung wohl nicht lohnend, da die Erträge bei anderer Verwendung des Geldes höher sein könnten", folgert der OECD-Forscher Blöndal.

Das wäre eine Rechtfertigung für staatliche Subvention der Universitäten und gegen kostendeckende Studiengebühren ­ jedenfalls unter der Voraussetzung, dass die Gesellschaft nun mal gebildete Bürger braucht und Bildung der Gesellschaft mehr Nutzen bringt, als sich in der privaten Rendite widerspiegelt.

Wenn die Hochschüler für die vollen Kosten ihres Studiums aufkommen müssten, würde die Bildungsrendite in den meisten Ländern erheblich sinken.

Zu kurz gedacht, sagt der Bildungsökonom. Erstens ­ so Blöndal ­ zeigen Zahlen aus Ländern wie Großbritannien, Australien und Neuseeland, dass die Attraktivität des Studiums auch bei Einführung höherer Gebühren nicht abgenommen hat. Und zweitens sei die allgemeine Subvention des Studiums unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen der meisten Industrieländer ungerecht, weil sie die ärmeren und ungebildeteren Schichten benachteiligt. Denn die Mehrheit der Studierenden kommt aus ohnehin privilegierten Familien und profitiert dazu noch im Schnitt der OECD-Länder von 50 000 Dollar staatlicher Hochschulsubventionen.

US-Universität Stanford: Attraktiv trotz hoher Studiengebühren
AP

US-Universität Stanford: Attraktiv trotz hoher Studiengebühren

Besonders Länder mit hohem staatlichen Anteil an der Hochschulfinanzierung wie Deutschland, so das Plädoyer des OECD-Forschers, könnten daher durchaus ohne Schaden höhere Studiengebühren verlangen ­ jedoch nur, wenn Studierende aus einkommensschwächeren Familien entsprechend steigende Stipendien oder Bildungskredite bekämen.

So kann der einzelne Student seine Bildungsbilanz meist mit einem Gewinn abschließen. Beim Staat als Ganzem dagegen haben die Bildungsökonomen ziemliche Probleme, das Selbstverständliche zu belegen: Bildung lohnt sich.

Natürlich: Ohne kreative Forscher, clevere Ingenieure oder qualifizierte Mediziner wären moderne Staaten schnell am Ende, nicht zu reden vom Wert eines funktionierenden allgemeinen Erziehungssystems für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Der einzelne Student kann seine Bildung meist mit einem Gewinn abschließen. Beim Staat dagegen haben die Bildungsökonomen Probleme zu belegen: Bildung lohnt sich.

Und doch gelang es bis vor kurzem nicht, etwa eine positive Beziehung zwischen Ausbildungsniveau und Wirtschaftswachstum zu ermitteln. Dass mit Geld allein kein besseres Bildungssystem zu machen ist, scheint allerdings erwiesen. Weder beim Pisa-Vergleichstest noch bei der vorhergehenden mathematisch-naturwissenschaftlichen Tims-Studie findet sich "bei der Betrachtung aller teilnehmenden Länder ein systematischer Zusammenhang zwischen Ausgaben und Schülerleistungen", so der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. In Irland und Südkorea etwa wendet der Staat pro Schüler ein Viertel weniger auf als in Deutschland, dennoch schneiden die Schüler bei Pisa wesentlich besser ab.

Erst in den letzten Jahren ermittelten OECD-Wissenschaftler mit einer neuen ökonometrischen Methode endlich auch den erhofften Zusammenhang zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum. Andrea Bassanini und Stefano Scarpetta untersuchten die durchschnittliche Dauer der Ausbildung bei den Erwerbstätigen in 21 OECD-Ländern zwischen 1971 und 1998. Sie kamen zu dem Schluss, dass im Durchschnitt ein Jahr mehr Ausbildung bei der gesamten arbeitenden Bevölkerung langfristig rund sechs Prozent Wirtschaftswachstum pro Kopf bringt.

Immerhin was, wenn auch nicht viel mehr, als die Rendite-Rechnung für den einzelnen Studierenden ergibt.

Zum Glück ist auch diesen Zahlen von Bassanini und Scarpetta nicht so recht zu trauen. Möglich ist ebenso ein anderer Zusammenhang: "Könnte es sein, dass Wachstum eher Bildung bewirkt, als dass mehr Bildung zu mehr Wachstum führt?", fragt etwa die Londoner Professorin Alison Wolf in ihrem neuen Buch "Does Education Matter?". Schließlich könnten sich Eltern in einer prosperierenden Wirtschaft eher eine bessere Erziehung ihrer Kinder leisten, und die Kinder müssten die Universität besuchen, um im Konkurrenzkampf um Jobs den höheren Anforderungen einer wachsenden Wirtschaft zu entsprechen.

Was folgt aus diesen aufwendigen Zahlenkunststücken? Die Wissenschaftler der Bildungsökonomie warten mit eher ratlosen Ratschlägen auf wie etwa Alison Wolf: "Alles dies legt nahe, dass eine Regierung, die es ernst mit dem Wirtschaftswachstum meint, sehr sorgfältig und kritisch mit ihren Bildungsausgaben umgehen muss."

Das jedenfalls muss nicht noch mal extra bewiesen werden.

MICHAEL SCHMIDT-KLINGENBERG

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© DER SPIEGEL 35/2002
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