Autoren Der unermüdliche Querkopf, e.V.

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über den Dauermahner Graß

Vergangenen Sonntag hatte er wieder einen TV-Auftritt: in der Reihe "Querköpfe". Und als hätte er seine Zufriedenheit bekunden wollen, daß er damit einer Art gehobenen Querulantentums subsumiert worden war, einer Berufsgenossenschaft der Quadratschädel, nickte Graß auch zustimmend, als der Reporter ihm bescheinigte, er sitze, na, wo wohl?, richtig: zwischen allen Stühlen.

Dann fügte Graß, der gern als Eckermann und Goethe zugleich auftritt, sich noch den Klappentext zu, daß jetzt "die anarchischen Grundströmungen" in ihm wieder stärker durchbrächen.

Mit vierzig, da sei er anders, verbindlicher gewesen: Graß spricht in den letzten Jahren von sich so, als sei er schon seit Äonen in die Literaturgeschichte eingegangen. Er ist entrückt - obwohl er uns politisch doch so oft so nahetritt.

Querkopf e. V., mit anarchischer Grundströmung, zwischen allen Stühlen, du lieber Gott, das will erarbeitet sein. Und so hat Graß auch in jüngster Zeit keine Gelegenheit versäumt, sich in alles und jedes einzumengen, indem er gravitätisch Selbstgedrehtes von sich gab: Wen er gern im Schriftstellerverband als Vorsitzenden hätte und ob es nicht besser einer aus der DDR wäre, aber auch, warum er nicht mehr mit Hapag-Lloyd reisen will.

Ob der Wald, der Weltfrieden, die Bundeswehr, das deutsch-deutsche Verhältnis, Nicaragua, der Weltuntergang - kein Thema darf hoffen, von Graß unbehelligt die Öffentlichkeit erreichen zu können. Er möchte die Welt in einen einzigen großen Stammtisch verwandeln, um uns mitzuteilen, was er wovon hält, wobei er entweder in Hausväterart poltert ("So geht's nicht") oder einfach gekränkt ist: Am Weltuntergang hat ihn schon vor Jahren gewurmt, daß es dann (er ist zu logischen Schlüssen durchaus fähig) auch keine Graß-Leser mehr geben könnte. So haben auch Katastrophen ihr Schlimmes.

Während er also nicht mehr schrieb, weil eine Nachwelt, die nicht einmal mehr für seine Bücher da ist, nichts Besseres verdient, während er aus Lehm Penisse nach seinem Bilde formte und Pilze, wie aus dem Leben gegriffen, wollte er die Deutschen nicht ganz ohne Zuspruch lassen.

Er trat rettend in die SPD ein, was mehrere öffentliche Auftritte erbrachte, als ob die nicht schon ohne ihn genug gestraft gewesen wäre. Er schrieb um den Frieden besorgte Briefe, offene, versteht sich, und er ließ sich, wenn ihm zwischen Resolutionen und Solidaritätsadressen dazu noch Zeit blieb, in Manifesten und feierlichen Erklärungen zur Weltlage im allgemeinen und besonderen verlauten. Besorgt konnte man lesen, daß auch Graß besorgt war.

Und bei all dieser Sorge um Antiamerikanismus und Berliner Akademie der Künste, bei all den mutigen Schreiben an Jaruzelski (das Kriegsrecht wieder aufzuheben), bei den Interviews gegen Mitterrand und gegen die Volkszählung, findet er noch Zeit, unter dem Pseudonym Ute Graß Leserbriefe zu schreiben, wenn beispielsweise im "Stern" sein Gevatter Raddatz, mit dem er am allerliebsten über den VS, den Frieden, den Weltuntergang die "Zeit"-Seiten vollplaudert, verrissen wird. Vor seiner Solidarität ist niemand sicher.

Den Regisseur Schlöndorff, der seine "Blechtrommel" verfilmte, hat er mit seiner Wichtigtuerei längst infiziert. Als Zimmermann der Filmförderung zu Leibe rückte, schrieb Schlöndorff, natürlich ebenfalls in einem weit offenen Brief, aus Paris, wo er damals "Eine Liebe von Schwein" (nach einem Roman der Courths-Mahler) drehte, er müsse den ganzen Tag so hehre Sachen machen wie mit Henze telephonieren (man denke: mit Hans Werner Henze!) oder überlegen, ob Ornella Mutis Deutsch baltisch klinge oder nicht - und aus solch hochfliegenden Gedanken zerre ihn Zimmermann in die Niederungen, ach ja, des Geldes.

Als ich das las, wußte ich schon, daß "Eine Liebe von Schwein" nur die tote Hose werden könnte, in die sie nun auch gegangen ist.

Dann spielte Mönchengladbach gegen Bremen um den Pokal, das 4:4 erbrachte eine Verlängerung, Schlöndorff-Graß mit der "Blechtrommel" wurden im Fernsehen zeitlich verschoben, und, schlimmer noch, auch ein Graß-Interview (wie gesagt eine Rarität, wie ein dreiblättriges Kleeblatt), rutschte über Mitternacht.

Da hätte man die beiden aber hören sollen. Von "Zensur" ließen sie ihren Filmverleih wettern, denn wenn Schlöndorff, der sonst nur mit Henze der Muti alles gibt, sich herabläßt, seine "Blechtrommel" im Fernsehen zu verstrahlen, wenn Graß der Nation erklären will, was er von Kohl hält (nämlich nichts: "Ich halte diesen Mann für unfähig."), dann müssen Fußballspiel-Übertragungen abgebrochen werden - oder aber der Weltuntergang, der Faschismus, das Ende des deutschen Films und der deutschen Literatur sind wieder einen Schritt näher gerückt.

Vorschlag zur Güte: ein permanenter Stammtisch für Graß und Schlöndorff, von dem aus sie sich jederzeit einblenden dürfen. In beide TV-Programme. Sobald sie besorgt, verstört oder beunruhigt sind. Und warnen wollen. Denn wer wüßte ohne Graß, was er von Kohl zu halten hätte?

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