AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/1947

Wirtschaft Die graue Eminenz

Eine schwarze Bilanz




DER SPIEGEL

Gilt für die übrige deutsche Wirtschaft das Wort Ferdinands aus Kabale und Liebe "Sieh du nach deinen Rechnungen - ich fürchte, die stehen übel!", so kann man das beim Jahresende vom Schwarzen Markt kaum sagen, der schon lange nicht mehr schwarz ist, sondern aus dem Dunkel der Nacht in die zwielichtige Dämmerung des Tages getreten ist. Er ist grau.

Serienbefragungen in allen Teilen der britischen Zone haben ergeben, daß fast 40 Prozent aller Großstädter sich am Markt beteiligen. Natürlich gaben sie bei dieser Inquisition nur zu, Käufer zu sein. Der Preis-Pegel des Schwarzen Marktes zeigt mit großer Empfindlichkeit die äußeren Wirkungen, die bei der Preisbildung entscheidend mitwirken und beim "weißen Markt" dem Laien oft verborgen bleiben.

Als Beispiel: durch die stark angezogene Steuerpresse wurde im Herbst das Geld allmählich knapp; damit drohten die Preise zu fallen. Sie wurden an den meisten Orten noch künstlich durch Vereinbarung unter den Schwarzhändlern aufrechterhalten, doch diese Preispolitik hätte ein schnelles Ende gefunden, wenn nicht plötzlich Inflationsgerüchte aufgetaucht wären, die von den rührigen Schwarzhändlern in Erkenntnis ihrer Chance lebhaft kommentiert wurden. Die Preise stiegen wieder etwas an, das Gros des Publikums verhielt sich aber noch abwartend.

Doch da wurde plötzlich in der amerikanischen Presse ein Entwertungsvorschlag veröffentlicht, der in allen deutschen Zeitungen nachgedruckt und kommentiert wurde. Jetzt gab der kleine Mann seine Zurückhaltung auf und brachte seine letzten Spargelder auf den Schwarzen Markt, damit sie nicht der Entwertung verfielen.

Die Konjunkturbedingtheit des Schwarzhandels zeigt sich besonders beim Lebensmittelhandel. Die Preise steigen, wenn die Zuteilungen sinken und umgekehrt. Interessant ist die Entwicklung beim Zucker, der bis auf eine geringe Erhöhung in der Einmachzeit das ganze Jahr über stabile Preise hielt.

Bei den Fettpreisen scheint auf den ersten Blick ein Paradoxon vorzuliegen: obwohl die Fettrationen um die Hälfte herabgesetzt wurden, liegen die Fettpreise um 15 bis 20 Prozent tiefer als bei Jahresbeginn. Die Lösung ist, daß im vergangenen Jahr die Organisationen zur Fälschung von Lebensmittelkarten so weit ausgebaut worden sind, daß ein hohes Markenangebot den Rationentiefstand ausgleicht.

Durch das Verfahren, das die Stadt Köln jetzt beim Druck ihrer Lebensmittelkarten anwendet, ist das Fälschen von Lebensmittelkarten unmöglich gemacht worden: Die Druckzusätze sind auch in der sorgfältigen chemischen Untersuchung nicht analysierbar, und hinzu kommt noch, daß sie nur von der I. G. Farben Leverkusen fabriziert werden, die bereits den Handel an Private eingestellt hat. Leider ist das Verfahren noch nicht auf die ganze Zone ausgedehnt worden.

Neben den Fälschungen wurde der schwarze Markenmarkt vor allem mit gestohlenen Lebensmittelkarten beliefert, die oft in überraschend kurzer Zeit unter die Leute gebracht wurden. So wurde ein Tausender-Posten Marken, der in Unna gestohlen worden war, bereits am nächsten Tag in Hamburg in einem Blumengeschäft verkauft. Sperrung von Karten kann auch nicht viel retten, weil die Diebe ihre Beute in anderen Landesteilen absetzen, wo man mit diesen örtlichen Bestimmungen nicht so vertraut ist.

Eine der wichtigsten Krisen für den deutschen "black market" war die Abschaffung des alliierten Geldes für den Truppengebrauch. Kurz vor diesem Termin machte sich bereits ein starkes Fallen der Zigarettenpreise, die vor allem von diesem Ereignis betroffen wurden, bemerkbar. In Berlin fielen in dieser Zeit die Zigaretten von 10 Mark bis auf 6 Mark. Unzweifelhaft stießen an irgendeiner Stelle besonders gut Informierte vor dem endgültigen Toresschlug noch große Mengen billig ab.

Hinzu kam noch die allgemeine Verminderung der Kaufkraft in jener Zeit. Nach der Abschaffung des alliierten Geldes stiegen die Zigarettenpreise, die an einzelnen Stellen Süddeutschlands bereits auf 1,50 gesunken waren, langsam aber stetig wieder an. Die Kaufkraft für Zigaretten ist längst nicht mehr die alte -, aber das Angebot ist auch sehr gering geworden. Große Posten von Zigaretten kommen praktisch nur noch auf dem Weg über das Kompensationsgeschäft mit Soldaten auf den Markt. So, wenn eine Leica gegen 5000 Zigaretten getauscht wird oder ein Radio gegen 500 Stück.

Phantastische Gewinnmöglichkeiten bot zu Beginn und auch noch Mitte des Jahres der Brillantenhandel mit Berlin. Dort wurden Spitzenpreise von 50 000 Mark für ein Karat lupenrein gezahlt, fast der hundertfache Friedenswert. Zur selben Zeit war in Westdeutschland ein Karat für 15 000 zu haben und in Hamburg für 22 000. Die Berliner Aufkäufer zahlten mit nagelneuen Hundertmarkscheinen, die absolut echt waren. Sie sollen ihre Ware direkt "nach Osten" geliefert haben. ("Hinter Warschau verliert sich jede Spur", schreibt "New York Herald Tribune" dazu.)

Doch dann machte sich auf dem Brillantensektor die ausgleichende Tendenz des Jahres bemerkbar. Auch in den Westzonen stiegen die Preise, da aus den Lagern in Belsen und Stuttgart überall Aufkäufer auftauchten, die für die Auswanderer Brillanten kauften und ebenfalls Höchstpreise bezahlten. Da ein Teil dieser Ausbeute unbedingt auch auf den preismäßig so günstigen Berliner Markt wanderte, sanken hier die Preise ebenfalls, und heute sind sie ungefähr gleich.

Der schwarze Handel mit Automobilen, der sich in den letzten Monaten des Jahres immer mehr auf gestohlene Wagen verschob, floriert ebenfalls. Es steht fest, daß in der britischen Zone organisierte Banden besonders gute Wagen stehlen und über die nur sehr umgenügend bewachte Grenze ins Ausland verschieben.

Ihnen mangelt auch jegliche heilige Scheu: Ein besonders regierungsfeindlicher Auto-Gang in Westdeutschland stahl eine ganze Reihe von prächtigen Ministerwagen des ersten Kabinetts Amelunxen in Düsseldorf. Die Minister waren allerdings nicht drin.



© DER SPIEGEL 1/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.