AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/1947

Theater Drei Berühmte und eine Oper

Shaw und Einstein bei Kerr


DER SPIEGEL

George Bernard Shaw und Albert Einstein werden als die Gestalten einer deutschen Oper auf der Bühne erscheinen. Sie gaben beide dem Mann, der das Textbuch schrieb, ihre Zustimmung dazu. Der Autor ist Alfred Kerr. Die Komponistin ist Julia Kerr, seine Frau.

Der 78jährige Dr. Alfred Kerr war der führende Theaterkritiker im Vor-1933-Deutschland. Die 1904 und 1917 erschienenen Sammlungen seiner Kritiken "Das neue Drama" und "Die Welt im Drama" sind theatergeschichtliche Dokumente.

Aber Alfred Kerr war nicht nur Theaterkritiker. 1918 erschien von ihm ein Band Lyrik, "Die Harfe". Von seinen Reisen brachte er die Bücher "New York und London", "O, Spanien!", "Yankeeland", "Die Welt im Licht" und "Die Allgier trieb nach Algier" mit. Das Buch seiner Erinnerungen nannte Kerr "Es sei, wie es wolle, es war doch so schön".

Auch als Libretto-Dichter ist Kerr schon hervorgetreten. Von ihm ist der Text des "Kämerspiegels" von Richard Strauß (1922).

Sein neues Opernlibretto war schon in Berlin nahezu aufführungsfertig. Aber 1933 gingen die Kerrs ins Exil. Zuerst nach Paris, wo Kerr an der in deutscher Sprache erscheinenden "Pariser Zeitung" schrieb, und dann nach London.

Die neue Oper heißt "Chronoplan". Sie handelt von der Erfindung einer Maschine, die es gestattet, rückwärts in die Zeit zu reisen. Der Erfinder lädt eine Anzahl bedeutender Leute, darunter Shaw und Einstein, zu einer Fahrt rückwärts in die Geschichte ein.

Die meisten lehnen ab, aber Shaw nimmt begeistert an. Er wünscht in die Vergangenheit zu reisen, um zu sehen, wie es mit der "Heiligen Johanna" in Wirklichkeit bestellt war.

Indessen geht der Maschine schon nach kaum 100 Jahren das Benzin aus. Die Reisenden finden sich in der Gesellschaft eines jungen Mannes, der eine Pfarrerstochter liebt. Es stellt sich heraus, daß es der junge Byron ist, der noch nicht weiß, daß er einmal ein Poet sein wird.

Die Reisenden bringen ihn in die heutige Welt. Byron wünscht indessen sehr bald, zurückzugehen.

Die Oper von Alfred und Julia Kerr soll nun endlich in Deutschland herauskommen, schreibt der Daily Herald. Er schreibt es mit Vorsicht: "I hear" - "wie wir hören".



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