AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/1962

Friedrich Foertsch


Der gegenwärtige Generalinspekteur der Bundeswehr, Friedrich Foertsch, war über zehn Jahre (1945 bis 1956) sowjetischer Gefangener. Aber schon ein Jahr nach seiner Entlassung zog er den Generalsrock wieder an. Als sei nichts gewesen.

Daß dieser Offizier 1961 zum Amtsnachfolger des ersten Generalinspekteurs der Bundeswehr, Adolf ("Befehl im Widerstreit") Heusinger, berufen wurde, empfand die Moskauer Regierung als "arroganten unfreundlichen Akt gegenüber der Sowjet-Union".

Bonn empörte sich: Die Sowjet-Union habe in der Personalpolitik der Bundeswehr kein "Mitspracherecht", erklärte das Auswärtige Amt; Foertsch selbst: "Ich fühle mich völlig sauber."

Friedrich Foertsch, Sohn eine frankenstämmigen Landwirts, wurde am 19. Mai 1900 in Drahnow (Westpreußen) geboren. Noch sechs Monate vor dem Ende des Ersten Weltkriegs rückte der Kriegs-Abiturient als Freiwilliger ins Feld. 1922 wurde er nach dem Fähnrichspensum auf der Infanterieschule München Leutnant im III. Bataillon des braunschweigischen Infanterieregiments 17, den angesehenen Goslarer Jägern, die später Rommel kommandierte.

Der monotone Garnisonsbetrieb dauerte zehn Jahre, bis eine gute Note dem Wehrkreisprüfling Foertsch 1932 zum Kommando auf die Berliner Kriegsakademie verhalf. Anschließend wurde er in den Truppengeneralstab versetzt. Seit 1935 in der Festungskommandantur Königsberg stationiert, war er bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Ib (Zweiter Generalstabsoffizier) des III. (brandenburgischen) Armeekorps.

Schon damals stand er im Schatten seines fünf Jahre älteren Bruders Hermann Foertsch, der nach Hitlers Machtergreifung verkündet hatte, "daß es heute für die Wehrmacht keinen größeren Stolz gibt, als diesem Mann verbunden zu sein".

Hermann Foertsch avancierte unter Hitler im Krieg zum Armee-Oberbefehlshaber; sein Name stand im Wehrmachtsbericht. Nach der Kapitulation bekannte der inzwischen Verstorbene: "Irren ist menschliche Schwäche."

In Bruder Friedrichs Karriere fehlten bis dahin derart aufsehenerregende Ereignisse. Er verbrachte den Krieg in der Anonymität der Generalstäbler, die nach dem Gebot des ehemaligen Reichswehr-Chefs von Seeckt "keinen Namen" haben.

Den Frankreich-Feldzug 1940 hatte Friedrich Foertsch als Ia (Erster Generalstabsoffizier) der 60. Infanteriedivision mitgemacht. Es folgten zwei Jahre im Stab des Heimatheer-Befehlshabers, wo Foertsch Ausbildungsfragen bearbeitete. Aber im Sommer 1942 kam er, inzwischen Oberst, wiederum an die Front, diesmal als Ia der 18. Armee, die mit dem linken Flügel zuerst am Finnischen Meerbusen, später an der Ostsee die Nordflanke der Ostfront bis zum Kriegsende deckte.

1943 rückte Foertsch zum Stabschef dieser Armee auf, im Januar 1945 zum Stabschef der Heeresgruppe Kurland, zu der neben der 18. auch die 16. Armee gehörte. Die Heeresgruppe, vom Gros des Ostheeres längst abgeschnitten, kapitulierte am B. Mai 1945. Den Heeresgruppenchef Generalleutnant Foertsch erwartete der obligate Kriegsverbrecher-Prozeß.

Die Anklageschrift enthielt den Vorwurf, Foertsch habe geduldet, "daß die ihm unterstellten Truppen und Verbände die Städte Pskow, Nowgorod und Leningrad zerstört und historische Kunstdenkmäler in den Städten Gatschina, Peterhof, Pawlowsk und Puschkin vernichtet haben..."

Dazu Foertsch vor seinen röten Kriegsrichtern: "Ich gebe zu, die erwähnten Befehle (wie: Artilleriefeuer auf Leningrad) gegeben zu haben, bekenne mich aber nicht schuldig, denn die von mir erteilten Befehle waren notwendig, um den Krieg gegen die Sowjet-Union zu führen."

Das Urteil des sowjetischen Militärtribunals lautete auf 25 Jahre Arbeitsbesserungslager. Die deutschen Lagergenossen sahen Foertsch wie seine Vorgesetzten und Stabsgehilfen im Kriege: standfest, nüchtern, klug. Aber der antikommunistische und antirussische Stachel sitzt seither tief im deutschnationalen Offizier.

Im September 1955 ließ sich Kanzler Adenauer zur Staatsvisite in Moskau von seinen Gastgebern bewegen, diplomatische Beziehungen zur Sowjet-Union zu knüpfen. Die Sowjets honorierten es mit der Freigabe der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Friedrich Foertsch wurde "vorfristig aus der Haft entlassen".

Ein Generaloberst der Sowjet-Armee fand für Foertsch und die mit ihm in Freiheit gesetzten Generäle kameradschaftliche Abschiedsworte. Ein Musikkorps der Sowjet-Armee blies das Abschiedsständchen. Ein Salonwagen brachte die "Amnestierten" in die Heimat.

Die Rückkehr in die Heimat bedeutete für General Poertsch die Rückkehr zur Armee. Zunächst kommandierte er bis Dezember 1958 die zweite Panzergrenadierdivision in Gießen. Vom Januar 1959 bis März 1961 lieh er sodann den alliierten Kameraden im Nato-Oberkommando zu Paris als stellvertretender Stabschef für Planung- und Grundsatzfragen seinen in russischer Feldpraxis gewonnenen Rat.

Damals hieß das Abwehrrezept des Generals: "Möglichst spät, am besten gar keine Atomwaffen verwenden." Seit dem 1. April vergangenen Jahres als Generalinspekteur der Bundeswehr in den unmittelbaren Bannkreis seines Obersten Kriegsherrn Franz-Josef Strauß geraten, verlangt General Foertsch heute, seinen früheren Erkenntnissen zuwider, einen deutschen Anteil am atomaren Nato-Schwert.

Die unbekümmerte Energie des Gebirglers Strauß, die den Preußen Foertsch fremdartig anmuten mußte, riß ihn hin. Foertsch zu Offizierskameraden: "Wir müssen uns alle vor den Minister stellen."

Am 29. März dieses Jahres ließ der Minister die Generale der Bundeswehr, die zum Rapport angetreten waren, eineinhalb Stunden warten. Die stehengelassenen Militärs hechelten das Thema "Fibag" durch. Vorherrschende Meinung: Strauß müsse sich um der Truppendisziplin willen strenge Maßstäbe gefallen lassen. Dagegen Generalinspekteur Foertsch: "Wenn einer immer Zwölfen schießt, dann kann er ruhig auch einmal eine Fahrkarte schießen."

Auf dem Höhepunkt der "Fibag"-Affäre konnte der Minister diesem General letzten Sommer die Frage anbieten, ob die Bundeswehr ihrem Oberbefehlshaber noch vertraue. Foertsch antwortete - per Ergebenheitsadresse - mit einem Treuegelübde derer, von denen das Gesetz ohnehin Gehorsam verlangt: "Die Bundeswehr stellt sich in voller Loyalität hinter Sie."

Die Inspekteure der Teilstreitkräfte und des Sanitätswesens - mit Ausnahme des Bayern Kammhuber (inzwischen abgelöster Inspekteur der Luftwaffe) - waren konsterniert; niemand hatte sie vorher nach ihrer Meinung gefragt.

Trotz solcher innenpolitischen Loyalität des höchsten Soldaten Bonns gegenüber seinem zivilen Dienstherrn wird Generalinspekteur Foertsch in den Augen des Bundeskanzlers auf internationalem Parkett noch nicht völlig mit den Ambitionen seines Ministers identifiziert. Konrad Adenauer: "Mit dem Foertsch können die Amerikaner Gott sei Dank noch reden; Strauß kommt bei denen ja nicht mehr an."



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