Neurobiologie Gehirn mit neuem Programm

Menschen, die blind geboren werden, verfügen über erstaunliche Fähigkeiten: Einerseits ist ihr Tastsinn ungemein stark ausgeprägt, so dass sie Blindenschrift viel schneller lernen als sehende Menschen. Andererseits haben sie ein besseres Wortgedächtnis. Einst dienten Blinde als wandelnde Datenspeicher - etwa für die mündliche Überlieferung von Bibelinterpretationen.

Nun haben Neurobiologen um Ehud Zohary von der Hebräischen Universität in Jerusalem die Ursache für das imposante Wortgedächtnis entdeckt, melden sie in "Nature Neuroscience": Das Gehirn von Blinden ist regelrecht umprogrammiert. Sie benutzen den hinteren Teil ihres Denkorgans - den primären visuellen Kortex, der bei Sehenden für die Verarbeitung von Bildern zuständig ist -, um sich an Worte zu erinnern.

Das ergaben Versuche an zehn Blinden: Sie riefen sich Listen von Worten, die sie zuvor gelernt hatten, vor das geistige Auge. Ihre Gehirne wurden dabei im Kernspintomografen beobachtet. Je besser sich ein Proband erinnerte, desto aktiver war die Hirnregion. Bei sehenden Vergleichspersonen hingegen tauchten diese Muster nicht auf.

"Der primäre visuelle Kortex ist also bei Blinden nicht arbeitslos, sondern übernimmt eine andere Aufgabe", erläutert der Neurologe Christian Büchel, 37, aus Hamburg. "Es ist faszinierend, wie extrem wandlungsfähig unser Gehirn ist."

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