AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2003

China Recht auf Liebe

Die Jugend rebelliert gegen prüde Genossen und verknöcherte Sexualmoral.


Chinesische Brautpaare: Fortpflanzung als Normerfüllung
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Chinesische Brautpaare: Fortpflanzung als Normerfüllung

Die Liaison der beiden Studenten hatte bittere Folgen. Als Rechtsanwaltstochter Ma, 19, ungewollt schwanger wurde, informierte der Arzt ihre Universität. Ma und ihr Freund Lin mussten ihre Sachen packen, sie flogen von der Hochschule für Post- und Fernmeldewesen in der Yangtze-Metropole Chongqing. Begründung: Sexuelle Beziehungen zwischen Studenten verstießen eklatant gegen Uni-Vorschriften und gesellschaftliche Moral.

Das Paar nahm den Rausschmiss nicht hin und zog vor Gericht. Die Hochschulregeln entsprächen nicht dem Zeitgeist, Liebesbeziehungen unter Studenten seien längst üblich, empörten sich Ma und Lin. Doch das Gericht wies die Klage der beiden ab, die Relegation sei rechtens.

Mehr Erfolg hatte der Chongqinger Hochschüler Xiao, 22. Obwohl seine Universität nicht nur sexuelle Beziehungen, sondern auch die Studentenehe verbietet, marschierte er mit seiner Freundin, Bäuerin Zhang, 21, zum Amt für Zivilangelegenheiten: "Wir wollen heiraten", verkündete er.

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China: Rebellion gegen rote Sexualmoral

Ohne viel Federlesens stellte der Standesbeamte den Trauschein aus - und erschütterte damit die Moral der Volksrepublik. Seither wälzen Funktionäre Akten und Vorschriften, debattieren Bürger im Internet und in Zeitungen. Das Problem lautet: Dürfen Studenten miteinander ins Bett und womöglich gar noch heiraten?

Chinas Kommunistische Partei ist schuld, dass die für westliche Verhältnisse abstruse Frage überhaupt noch so erbittert erörtert werden muss. Nach ihrer Machtübernahme 1949 erhob sie sozialistische Prüderie zur Norm; die raffinierte erotische Kultur des Adels, Stichwort Fangshu ("Schlafzimmerkunst"), wurde als dekadente Praxis verdammt. Während sich Mao Zedong mit Gespielinnen vergnügte, regulierte die Partei die angeblich von bürgerlicher Gesinnung verdorbenen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Reich der Mitte verkümmerte zum Reich der Sitte, Beischlaf wurde vom Spaß zur bloßen Bürgerpflicht herabgestuft - der Fortpflanzungsakt als ein Stück sozialistischer Normerfüllung.

Riesen-Kondom (in Shanghai): Dekadenz im Reich der Sitte
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Riesen-Kondom (in Shanghai): Dekadenz im Reich der Sitte

Alles längst Geschichte: Heute akzeptieren viele der 327 Millionen jungen Chinesen zwischen 10 und 24 Jahren die von den Altvordern verhängten Beschränkungen nicht mehr. Knutschende junge Leute auf der Straße und in den Parks gehören zum Stadtbild. Rund die Hälfte aller Gymnasiasten und 80 Prozent der Berufsschüler haben sexuelle Beziehungen, fand eine Studie in der südchinesischen Stadt Kanton heraus.

Nacktheit in Film und Fernsehen ist zwar nach wie vor tabu, doch von den Verlagen werden schlüpfrige Romane und Bände mit Aktfotografie publiziert, Foto- und Modemodelle haben oft nur noch ein Fitzelchen Stoff am Leib, und Chinas oberste Instanz für Intimes, der Shanghaier Professor Liu Dalin, durfte sogar ein "Illustriertes Handbuch der Sex-Geschichte" veröffentlichen.

Viele Funktionäre begreifen, dass sich die Partei aus den Schlafzimmern zurückziehen muss. Bürger, die im Ausland studieren und an der Börse spekulieren dürfen, nehmen einfach nicht mehr hin, dass verknöcherte Ideologen ihr Liebesleben gängeln. Laut einer Studie der Pekinger Volksuniversität belächeln über 70 Prozent der Männer und fast die Hälfte aller Frauen unter 29 Jahren die von der Obrigkeit verbreitete Moralvorstellung, nach der Sex vor der Ehe verwerflich sei.

Die Wahrheit in den (nackten) Tatsachen suchen, hätte der Altrevolutionär Deng Xiaoping den neuen Kurs wohl genannt. Heiratswillige brauchen nicht mehr die Erlaubnis ihrer Arbeitgeber einzuholen, wollen sie den Bund der Ehe schließen. Auch Scheidungen sind inzwischen Privatsache: kein Betteln mehr bei Personalchefs oder Nachbarschaftskomitees, wenn sich ein Paar trennen will. In der 74-Millionen-Einwohner-Provinz Jiangsu dürfen Mann und Frau jetzt sogar offiziell in wilder Ehe zusammenleben.

Auch Aufklärungs-Websites und Sexualkunde sind nicht mehr tabu. In der Mittelschule Nr. 73 im nordöstlichen Harbin etwa weihen junge uniformierte Lehrerinnen die Jugendlichen in jene Geheimnisse ein, die sie bislang nicht zu entschlüsseln vermochten: zum Beispiel, womit man verhindern kann, dass die Freundin schwanger wird. "Für uns war das am Anfang sehr peinlich", gesteht eine Pädagogin.

Junge Paare (in Peking): Lächeln über die Ideen der Obrigkeit
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Junge Paare (in Peking): Lächeln über die Ideen der Obrigkeit

"Wir wollen, dass sich die Schüler in Sexualfragen natürlich und gelassen fühlen", sagt Rektorin Zhang Bing, "und so den weißen Fleck in der chinesischen Kultur beseitigen." Allerdings predigen die staatlichen Aufklärer vor allem "Selbstbeherrschung" und "Enthaltsamkeit". Liebe und Lernen, so die Doktrin, vertragen sich an der Oberschule noch nicht.

Keine Bewegung ohne Widerstand. Konservative Kader versuchen, den Trend zu größerer Liberalität zu blockieren. So hat nach einer Umfrage des Chinesischen Teenager-Entwicklungs- und Forschungszentrums rund ein Drittel aller Oberschüler immer noch keine Sexualkunde auf dem Stundenplan. Das erste fürs ganze Land herausgegebene Aufklärungsbuch lagert seit vorigem Jahr in den Lehrerzimmern, doch die meisten Exemplare sind bis heute nicht ausgepackt.

Nach wie vor haben viele Schüler deshalb keine Ahnung von Kondomen, Pessaren oder Pille; Schwangerschaftsabbrüche unter Schülerinnen häufen sich. In Chongqing zum Beispiel waren in diesem Jahr über ein Drittel aller Abtreibungspatientinnen Teenager.

ANDREAS LORENZ






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