AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2004

Eine Meldung und ihre Geschichte Tut gar nicht weh

Wie man einen Nacktmull quält, ohne dass er es merkt.


Das Verhältnis zwischen Mensch und Versuchstier ist ein seltsames, jedenfalls wenn der eine ein Nacktmull ist und der andere ein Neurobiologe namens Thomas Park.

Professor Park ist ein Schnurrbart tragender Forscher an der University of Illinois in Chicago, der Nacktmulle züchtet, um anschließend mit ihnen Versuche anzustellen.

Der Nacktmull ist ein nacktes, runzliges, rosafarbenes, Schnurrbart tragendes Nagetier mit Überbiss, das mit dem Ruf durch das Leben geht, es sei das hässlichste Tier der Welt.

Normalerweise lebt der Mull in Kolonien mit 70 bis 100 Artgenossen im Untergrund und gräbt sich durch den harten Savannenboden in Kenia, Äthiopien oder Somalia. Wenn er Pech hat, lebt er im Versuchslabor. Dort studiert man sein Sozialverhalten und seine Fortpflanzung - und neuerdings leider auch die Sache mit dem Schmerz.

Thomas Park ist ein freundlicher Mensch, der eher unbeabsichtigt hineingeraten ist in diese Versuche, bei denen ermittelt wird, was ein Nacktmull spürt, wenn man ihn quält.

Eigentlich wollten Park und seine Gruppe bloß herausfinden, wie der sehbehinderte Mull sich fortbewegt im ewig dunklen Untergrund, vorwärts und rückwärts gleich schnell. Und was er mit seinen Tasthaaren macht, die er nicht nur als Schnurrbart trägt, sondern als etwa hundert Einzelborsten über den ganzen Körper verteilt.

Aus der "Frankfurter Allgemeinen"

Aus der "Frankfurter Allgemeinen"

Es ist fast dunkel in Parks Forschungslabor, nur Rotlicht glüht, denn auf Helligkeit reagieren die Tiere verschreckt. Man hat ihnen ein Röhrensystem aufgestellt, das haben sie sich eingerichtet, wie sie es auch in Freiheit tun würden, hier Schlafzimmer, da Toilette, da Vorratsraum. Dort führen sie nun ihr sonderbares Leben, beobachtet von Thomas Park und seiner Crew.

Ein sehr sonderbares Leben, für ein mausgroßes Nagetier jedenfalls.

Sie bilden Staaten, was sonst nur Menschen oder Insekten tun. Sie werden regiert von einer "Königin", die sich als Einzige fortpflanzt und sich dazu ein bis drei männliche Liebhaber hält. Alle anderen leben abstinent und schuften für die Kolonie. Sie treiben Brutpflege, beschaffen Nahrung, graben Gänge und bilden Ketten, um den Abraum fortzuschaffen. Und wenn die Königin kurz vor der Entbindung steht, schwellen sämtlichen Staatsbürgern, ob männlich oder weiblich, die Zitzen an.

All das wusste Thomas Park, aber dann stellte er "mit großer Überraschung" noch Sonderbareres fest: Nacktmulle reagieren nicht auf eine bestimmte Art von Schmerz.

Den akuten Schmerz, der sofort bei einem Biss entsteht, den spüren sie. Den langsamen, erst später auftretenden und schwer zu lokalisierenden Schmerz, den spüren sie nicht. Wenn man den Fuß eines Nacktmulls in die Nähe einer 45 Grad heißen Lampe bringt, dann fühlt sich der Mull kaum gestört.

Eine Ratte würde zurückzucken. Eine Ratte hat, wie jedes andere Säugetier, einen Neurotransmitter namens "Substanz P." in der Haut, der aktiviert die Nerven, so dass der Schmerz ans Gehirn weitergeleitet werden kann. In der Nacktmull-Haut, das ergaben Parks Gewebeproben, fehlt dieser Stoff.

Schmerzbekämpfung ist ein Milliardengeschäft. Pharmafirmen suchen ständig neue Substanzen für diesen hart umkämpften Markt. Millionen von Schmerzpatienten warten auf wirksamere Mittel gegen chronische Krankheiten wie Rheuma und Fibromyalgie.

Was macht man also als Wissenschaftler, wenn man aus Versehen ein optimales Schmerz-Versuchstier entdeckt?

Man quält es. So ist die Wissenschaft. Aber vielleicht kann man es ja so quälen, dass das Tier es nicht merkt?

Wenn der Nacktmull schläft, das ist Parks Hoffnung, bekommt er von seinen Leiden nicht viel mit.

Also hat er Mulle betäubt, und dann hat er es bewiesen: Wenn man ihnen mit Hilfe von gentechnisch veränderten Viren diese Substanz P. einschleust; wenn man zwei Wochen wartet, bis die Substanz einen Fuß erreicht hat und wenn man diesen Fuß in die Nähe der heißen Lampe bringt - dann, so stellte sich heraus, zuckt der Fuß zurück. Aber warum fehlt Nacktmullen etwas, das alle anderen haben?

Wenn diese Tiere für chronische Schmerzen empfindlich wären, das ist Parks Erklärung, dann könnten sie ihr Leben nicht führen. Die Luft ist nicht gut in Tunneln in der Tiefe, wenn man sie dauerhaft mit knapp hundert Lebewesen teilt. Viel Kohlendioxid liegt in dieser Luft, das auf den Körper sehr schmerzhaft wirken kann. Also bewährt es sich, wenn man auf das Gas nicht allzu empfindlich reagiert.

Sie ertragen vieles, das andere Säugetiere stört. Sie leben eng zusammen und bleiben gelassen, nur die Königin knufft und rempelt, die anderen kämpfen kaum, was sich bewährt. Denn wer dauernd kämpft, trägt Wunden davon, und wenn er nicht genug Schmerzen spürt, leckt und pflegt er seine Wunden nicht. "Gut möglich", sagt Park, "dass ein Randalierer daran stirbt."

Es ist ein friedliches Reich, dieses Reich der Nacktmulle, "je länger ich sie kenne", sagt Park, "desto mehr bin ich davon beeindruckt".

Auffällig liebevoll redet er von seinen Tieren. Manchmal scheint es, als ob ihn das Gewissen plage. Er hat selbst schon Körperteile an diese heiße Lampe gehalten, ohne Betäubung, es tut weh, sagt er, aber es zerstört die Zellen nicht, er will ja ganz bestimmt nicht die Zellen seiner Versuchstiere zerstören.

Er findet sie nicht mehr hässlich. Findet es ungerecht, wenn man Nacktmulle mit geplatzten Hot Dogs vergleicht. Neuerdings findet er, dass sie "putzig" aussehen.

BARBARA SUPP



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