AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2004

Reformpolitik Grass attackiert "Kauderwelsch"

Er hat schon für Willy Brandt Wahlkampf gemacht. Doch jetzt kritisiert der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass die SPD: Die Sozialdemokraten würden die Reformanstrengungen in der Regierung zu wenig offensiv vertreten und sie der Öffentlichkeit schlecht vermitteln, sagte Grass in einem SPIEGEL-Gespräch.


Günter Grass: Kauderwelsch in der SPD
DDP

Günter Grass: Kauderwelsch in der SPD

Berlin - In einem SPIEGEL-Gespräch sagte der Schriftsteller: "Es ist die alte Krankheit, dass Sozialdemokraten Hemmung haben, zu ihren Leistungen zu stehen. Sie bringen etwas in Gang, bewegen etwas, und wie das in einer demokratischen Gesellschaft nicht anders sein kann, ist das, was sie bewegen, von Kompromissen belastet. Und dann sagen sie: Wir hätten es eigentlich noch besser machen können, aber es ist uns diesmal nicht gelungen."

Zum andern, so Grass zum SPIEGEL, sinke die Kommunikation mit den Bürgern "zum Teil in ein unglaubliches sprachliches Kauderwelsch ab". Beispielsweise sei Finanzminister Hans Eichel "nicht mehr in der Lage, reale Zwänge so auszusprechen, dass sie begriffen werden". Aber "nur das, was die Menschen begreifen, können sie auch akzeptieren", meint Grass, der in dem Gespräch auch die CDU-Vorsitzende scharf angriff: "Frau Merkel beherrscht die parteiinterne Intrige. Sie kann Leute gegeneinander ausspielen, sie kann ihre Position halten. Notfalls ist sie auch schamlos genug, wie eine Petzliese die eigene Regierung in Washington anzuschwärzen."

Der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz, der jetzt an der Universität St. Gallen den Lehrstuhl für Medien und Gesellschaft innehat, sieht seine Partei "in einer Falle". Im selben SPIEGEL-Gespräch nannte Glotz drei Gründe: erstens, weil die frühere Bundesregierung unter Helmut Kohl "16 Jahre lang die Finanzierung der Sozialsysteme nicht angepackt" habe; zweitens, weil eine "ökonomisch völlig fehlgeleitete Wiedervereinigung" jetzt der rot-grünen Koalition "jede Investitionskraft nimmt"; drittens, weil der EU-Stabilitätspakt der deutschen Regierung kaum Bewegungsspielraum lasse. Glotz beklagt zudem "Verzagtheit und Kleinmut überall im Lande, auch in der SPD".

Der Maler Markus Lüpertz, Rektor an der Kunstakademie Düsseldorf, der ebenfalls an dem SPIEGEL-Gespräch teilnahm, hält die Wahl von Horst Köhler zum Bundespräsidenten für ein falsches Signal. Der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds sei "sicherlich integer", aber "ein Mann, der aus dem Geld kommt". Der parteilose Lüpertz, ein Freund von Bundeskanzler Gerhard Schröder, moniert, dass es in Deutschland "offenbar nur noch ein Kriterium" gebe, "und das ist Cash". Sparappelle an das Volk müssten scheitern, wenn der "reine Egoismus" herrsche, "der sich in Geld ausdrückt".



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