Der SPIEGEL

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23. Dezember 2004, 16:43 Uhr

Kunst

Müllsäcke zu Weihnachten

Liz Bachhuber, 51, Kunstprofessorin der Bauhaus-Uni Weimar, über die Aktion "Adoptieren Sie einen Studenten"

SPIEGEL:

Sie bieten Patenschaften für Ihre Kunststudenten an. Wie kamen Sie auf die ungewöhnliche Idee?

Bachhuber: Unser Studiengang "Kunst im öffentlichen Raum" wurde vor drei Jahren mit Geld des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gegründet. Nun läuft die Förderung aus. Es sind Gaststudenten aus dem Ausland, die früher oft Stipendien bekamen. Diesmal brauchen sie unsere Hilfe, daher hat die Künstlerin Katharina Hohmann die Aktion entworfen.

SPIEGEL: Was kostet ein Student?

Bachhuber: Zwischen 60 und 300 Euro monatlich. Wir bieten die Patenschaftsmodelle "Business", "Economy" und "Proviant". Das klingt witzig, ist aber ernst. Es gab Studenten, die sich kein Essen leisten konnten.

SPIEGEL: Kann aus Patenschaft auch Freundschaft werden?

Bachhuber: Wir wollen Sponsoren, keine persönlichen Kontakte. Das Geld geht über die Universität an die Bedürftigen. Kein Pate soll seinem Studenten eine neue Hose kaufen, aber für ein Jahr die Miete zahlen. Am Ende des Jahres bekommt er ein Kunstwerk.

SPIEGEL: Das Studium beschäftigt sich mit Kunst in der Öffentlichkeit. Ist diese Aktion Kunst?

Bachhuber: Durchaus. Weimar ist sehr auf Klassik fixiert, zeitgenössische Kunst hat es schwer. Wir wollen das ändern.

SPIEGEL: Sie selbst kamen vor 25 Jahren aus den USA nach Düsseldorf. Hatten Sie Schwierigkeiten?

Bachhuber: Nein, Düsseldorf war phantastisch. Aber dort rüttelt aktuelle Kunst heute nicht mehr auf. Was wir in Weimar tun, ist für die Bürger ganz neu. Wenn unsere Studenten eine Kunstaktion veranstalten und auf dem Weihnachtsmarkt heliumgefüllte Müllsäcke verkaufen, sind die Leute durchaus positiv gestimmt. Nur die Müllsäcke, also die Kunst, kauft fast keiner.

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