Flucht vor der Geschichte

Auch 90 Jahre nach dem Beginn des Völkermordes an den Armeniern stellt sich die Türkei nicht ihrer blutigen Vergangenheit. Wer öffentlich eingesteht, dass türkische Sonderkommandos zwischen 1915 und 1916 auf Befehl der Regierung mehr als eine Million Mitglieder der christlichen Minderheit auf den Deportationsmärschen von Anatolien in den Nahen Osten umbrachten, riskiert noch heute, vor Gericht gezerrt zu werden, wie etwa der Schriftsteller Orhan Pamuk.

In der anatolischen Stadt Kayseri muss er sich wegen "grundloser Vorwürfe gegen die türkische Identität, das türkische Militär und die Türkei als Ganzes" verantworten, weil er dazu aufgerufen hat, das Schweigen zu brechen. Das im Namen einer ethnisch homogenen Nation begangene Verbrechen wird auch heute noch von rechten wie linken Nationalisten kleingeredet. Die Vorwürfe des Völkermordes entbehrten jeder Grundlage und verletzten "die Gefühle der türkischen Nation", klagte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer. In der Geschichte der Türkei gebe es kein Kapitel, "für das wir uns schämen müssten", meinte Ministerpräsident Tayyip Erdogan vorige Woche.

Wo immer derzeit an den Massenmord erinnert wird, versuchen türkische Funktionäre, das Gedenken zu unterbinden. So intervenierte der türkische Generalkonsul Aydin Durusoy beim brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzek, um einen Hinweis auf den Völkermord in einem Lehrplan zu tilgen. Als die Berliner CDU/CSU-Fraktion im Februar forderte, der Bundestag möge zum 24. April, an dem 1915 der Massenmord begann, der armenischen Opfer gedenken, protestierte der türkische Botschafter Mehmet Ali Irtemcelik. Womöglich wird der Bundestag in dieser Woche über die Verbrechen debattieren, über die Schuld der Verantwortlichen aber nicht abstimmen. Eine Abstimmung wäre auch überflüssig: Historisch ist die Schuldfrage längst geklärt.

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