AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2005

Automobile Grüner Schein

Toyota überträgt die sparsame Hybrid-Technik nun auf Geländewagen. Ein schluckfreudiger Fahrzeugtyp bekommt so den Anschein von Öko-Korrektheit.

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Hybrid-Geländewagen Lexus RX 400h: Labyrinth der Zahnräder

Hybrid-Geländewagen Lexus RX 400h: Labyrinth der Zahnräder

Zu den Phantasiegeschöpfen antiker Sagen zählen die Hybriden: Mischwesen aus Tier und Mensch, die jedoch nie den Sprung in die Wirklichkeit schafften.

Anders als in der Evolution ist es um sie im Fahrzeugbau bestellt. Hybriden, Mischantriebe aus Elektro- und Verbrennungsmotor, sind dort nicht nur real vorhanden, sondern sogar in rasch wachsender Zahl.

In den späten Neunzigern entdeckten die japanischen Hersteller Honda und Toyota den Doppelantrieb als Schlüsseltechnik zur Verbrauchssenkung. Das Prinzip ist simpel, die Umsetzung nicht ganz so einfach: Ähnlich wie ein bremsender Zug, der Generatoren antreibt und Strom zurück in die Oberleitung speist, füllt ein Hybrid-Auto beim Ausrollen eine Batterie. Mit diesem gratis gewonnenen Strom unterstützt der Elektromotor dann beim erneuten Beschleunigen den Benziner. Das spart Kraftstoff.

Doch wie viel? Lohnt der Aufwand? Europas Autokonzerne hielten den Effekt für zu gering und konzentrierten sich auf die Fortentwicklung von Dieselmotoren.

Die Japaner jedoch beharrten auf dem Hybrid - und feierten damit beachtliche Erfolge. Sie erreichen inzwischen Normverbrauchswerte auf Dieselniveau und erleben in den USA, wo der Dieselmarkt kaum vorhanden ist, einen beispiellosen Boom. Toyotas Hybrid-Pkw Prius hat dort inzwischen Kultstatus.

Mittlerweile hat Toyota den ersten Geländewagen seiner Luxus-Division Lexus mit dem kombinierten Antrieb zur Serienreife gebracht. Das Modell RX 400h ist in den USA bereits im Handel und wird in Deutschland am 24. Juni auf den Markt kommen. Es dokumentiert eindrucksvoll, wie die Spartechnik ausgerechnet in einem mobilen Schwergewicht enorme Potentiale ausschöpfen kann.

Mit dem Lexus RX 400h erreicht die Hybrid-Methode eine neue Dimension von Komplexität: Über ein Labyrinth von Zahnrädern wird die Antriebskraft dreier Motoren an vier Räder geleitet (siehe Grafik). Die zentrale Kraftquelle, ein V6-Benzinmotor mit 155 Kilowatt, ist mit der Vorderachse verbunden. Elektromotoren hingegen sind an Vorder- wie Hinterachse angebracht. Die Gesamtleistung des Motoren-Dreigestirns beläuft sich auf 200 Kilowatt.

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Indem sie die Hinterachse nur vom Stromaggregat antreiben, haben die Konstrukteure ein sehr schlankes Allrad-System realisiert: Die Geländetauglichkeit - für fast alle Kunden ohnehin eine virtuelle Tugend - leidet zwar etwas, doch dafür entfallen teure und schwere Bauteile wie ein zentrales Verteilergetriebe und die Kardanwelle. Ein Großteil des zusätzlichen Gewichts der Hybrid-Komponenten wird dadurch kompensiert. Mit einem Leergewicht von 2,1 Tonnen liegt der Lexus RX 400h gut im Klassendurchschnitt.

Auch die Herstellungskosten des Doppelantriebs sollen weit geringer sein, als viele Konkurrenten glauben. Was so kompliziert anmutet, besteht letztlich aus relativ simplen Standardbauteilen, die sich in nahezu allen Hybrid-Modellen verwenden lassen: So läuft die Kraftverteilung über schlichte Planetengetriebe, die sich bei Prius und Lexus nicht sonderlich unterscheiden. Gleiches gilt für die Batterie aus Nickel-Metallhydrid-Modulen.

Aus diesem Fundus von Gleichteilen will Toyota sämtliche neuen Hybrid-Autos versorgen. Geplant ist ein rapider Anstieg des Absatzes von etwa 125.000 Fahrzeugen im vergangenen Jahr auf über eine Million im Jahr 2010.

Welche Kombination von Qualitäten mit dieser Technik möglich ist, lässt sich am Lexus RX 400h schon klar ermessen: Der Wagen kostet 49.750 Euro, deutlich weniger als gleich starke Konkurrenzmodelle mit Dieselmotor. Sein Normverbrauch von 8,1 Litern auf 100 Kilometer ist sogar etwas günstiger als ein vergleichbarer Diesel-Geländewagen. Lediglich auf Autobahnfahrten mit konstanter Geschwindigkeit sind diese sparsamer. Benziner ohne Hybrid-Technik schlucken bei den Prüfstand-Tests gut fünf Liter mehr.

In der Praxis allerdings verbrauchen alle Autos mehr als in den definierten Normzyklen - auch Hybrid-Mobile. In der vergangenen Woche lud Toyota Autotester nach Athen, um den ersten Hybrid-Lexus zu erproben. Im gemischten Betrieb auf Landstraßen, Autobahnen und im Stadtverkehr kamen diese auf Werte zwischen neun und elf Litern. Das scheint Frank Winter, dem Leiter von Lexus Deutschland, genügsam genug, um von einem "neuen Werte-Zeitalter" sprechen zu können.

Den grünen Glorienschein eines Öko-Zweitonners zu erkennen bedarf freilich einer gewissen Kurzsichtigkeit. Zur Dauererprobung ließ Toyota ein Exemplar des Lexus RX 400h am diesjährigen 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring teilnehmen. Es absolvierte den Gewaltritt störungsfrei. Die bei der Wettfahrt ermittelten Verbrauchswerte wurden jedoch nicht veröffentlicht. Winter: "Sie könnten einen irreführenden Eindruck erwecken."



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