AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2005

Literatur Wühlarbeit im Haus der Ahnen

Von Volker Hage

2. Teil


Autor Franzen: Vorbild für europäische Erzähler
AP

Autor Franzen: Vorbild für europäische Erzähler

Ein Familienroman aus Deutschland oder Österreich hat noch immer mit den brutalen Verwerfungen der Nazi-Zeit zu kämpfen. Einer ganzen Generation, der der heutigen Großeltern, kann die Frage nicht erspart bleiben, wozu der Einzelne zählte: zu den Gegnern, den Nutznießern, den Mitläufern oder den Schergen? Oder aber zu den Gefährdeten, Verhafteten und Deportierten?

In Geigers Roman "Es geht uns gut" sind Licht und Schatten auf die Großväter des Erben Philipp ausgewogen verteilt: Während der eine, väterlicherseits, schon vor 1938 in Wien ein Nazi-Sympathisant war, musste der andere, Almas Mann Richard, gleich nach dem Anschluss Österreichs für seine deutliche Gegnerschaft mit Drohungen und Einschüchterungen büßen - nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Politiker und war dabei, als "die alten Männer losgelegt und an ihrem besseren Österreich herumgebastelt haben", wie Alma ihm viel später im Pflegeheim nicht ohne eine Spur Spott in Erinnerung zu bringen versucht.

Leben von drei Generationen im Österreich des 20. Jahrhunderts: Die Aufräum- und Vernichtungsaktion Philipps bildet die lockere Rahmenhandlung des Romans. Eingehängt in diesen Rahmen sind Rückblenden aus der Zeit von 1938 bis 1989, jeweils auf einen Tag beschränkt und aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert: der von Alma, von ihrem zuletzt dement dahindämmernden Mann Richard, von Philipps Vater Peter und Philipps früh bei einem Badeunfall gestorbener Mutter Ingrid, der Tochter von Alma und Richard.

In Jungks "Reise über den Hudson" sind die Zusammenhänge zwischen den Generationen gewaltsam durchschnitten: Die Mutter des Romanhelden Gustav ist ein Kind von Holocaust-Opfern - und das prägt das Leben der Familie. "Wir sind anders", hat der Junge von seinem Vater gehört, "wir haben keine Verwandten. Wir haben unsere Eltern überlebt und genieren uns dafür. Die Eltern deiner Mutter sind in Viehwaggons getrieben worden, während uns die Flucht geglückt ist, Rosa und mir."

So ist dieses eher schmale Buch konsequenterweise ein Kleinfamilienroman - das Gegenteil von einer Generationensaga: "Vater, Mutter, Kind. Wir drei, wir sind aus einem Fleisch erschaffen, wir sind siamesische Drillinge", so lautet das Credo, und Gustav trägt diese Bürde. "Du bist unser einziger Lebenssinn", hat ihm der Vater gesagt, der nicht mehr lebt, "deine Mutter und ich haben nur dich."

Die Folgen dieser erzwungenen und für den Sohn schwer erträglichen Nähe versucht Jungk (sein eigener Vater war der Zukunftsforscher Robert Jungk) im Roman zu schildern. Er hat dabei den unseligen Einfall, die Gewalt, die der Vater auch nach seinem Tod noch über den Helden ausübt, in einem grotesken und leider durchgängigen Bild zu verdeutlichen. Überlebensgroß der Vater: Während einer Autofahrt des Sohns mit seiner Mutter in den USA kommt es in der Nähe von Nyack auf einer Brücke über den Hudson zu einem längeren Stau - und sowohl der Sohn als auch die Mutter erblicken unter der Brücke den nackten Vater, "kilometerweit ausgestreckt". Das ist eine so penetrante wie unergiebige Idee, die Jungk breit auswalzt und mit der er sein Vaterporträt gründlich verdorben hat.

In diesem Frühjahr gab es ein vergleichbares, aber eben doch ganz anders konzipiertes literarisches Porträt (das übrigens auch für den Buchpreis nominiert ist): Gila Lustiger, 42, nähert sich in ihrem Buch "So sind wir" äußerst behutsam der Figur des eigenen Vaters, des Schriftstellers Arno Lustiger, der als Jugendlicher ins KZ kam und den Holocaust überlebte*. Auch hier geht es um die psychischen Auswirkungen, die das Erlebte auf die nach dem Krieg gegründete Familie hat - in einem Satz: "Wir waren und sind eine Familie, die schonend über die Vergangenheit schweigt."

Deutscher Buchpreis 2005
DER SPIEGEL

Deutscher Buchpreis 2005

Obgleich in dieser zarten und klugen Annäherung an den Vater, an das Verschwiegene nur wenig fiktionalisiert sein dürfte, heißt es selbstbewusst im Untertitel: "Ein Familienroman" - und zu Recht, denn dieses hervorragend geschriebene, um einzelne Motive kreisende Buch enthält den Stoff eines großen Romans. Und es ist auch ein "Familienroman" im Sinn von Sigmund Freud, der mit diesem Begriff Probleme beschrieben hat, die bei der "Ablösung des heranwachsenden Individuums von der Autorität der Eltern" auftreten können.

In diesem Punkt unterscheiden sich die verschiedenen Familiengeschichten nicht: Auch 60 Jahre nach Kriegsende müssen die Kinder und Enkel allesamt sehen, wie sie mit den in der Tiefe nachwirkenden Folgen der Katastrophe leben und wie sie eventuell darüber schreiben können.

Seit einigen Jahren scheint es vor allem die Mischform von Sachbuch und Erzählung, von Dokumentarbericht und ergänzender Kommentierung zu sein, in der die Spurensuche, fragmentarisch und skizzenhaft oft, gelingt - in Büchern wie "Mein Kriegsvater" von Monika Jetter, "Meines Vaters Land" von Wibke Bruhns, "In den Augen meines Großvaters" von Thomas Medicus, "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm oder "Ein unsichtbares Land" von Stephan Wackwitz (auch als "Familienroman" deklariert).

Der Roman Arno Geigers aber beweist einmal mehr, dass auch die große erzählende Form hier noch ein Wort mitzusprechen hat. Vor allem die Kapitel, die um den Großvater, den einstigen Politiker Richard Sterk kreisen, ob aus seiner Sicht (zweimal: 1938 und 1962) geschildert, aus der seiner sich ablösenden Tochter Ingrid (1955) oder der Ehefrau Alma (1982 und 1989), gehören zum Bemerkenswertesten, was zurzeit in der Literatur deutscher Sprache zu lesen ist.

Seit der großartigen Eröffnungsszene in Franzens 2001 in den USA erschienenen "Korrekturen", wo der Zustand des verwirrten alten Familienoberhaupts Alfred Lambert geschildert wird, gehört der Niedergang des Patriarchen gewissermaßen zum literarischen Programm. Der Österreicher Geiger vermag die Stationen des langsamen Verdämmerns ebenfalls eindringlich zu schildern: von der Stufe der ersten, noch erträglichen Vergesslichkeit über die wachsende Unbeholfenheit bis zur völligen Hilflosigkeit.

Im vorletzten Kapitel des Romans "Es geht uns gut" besucht Alma, selbst 82, ihren kaum noch zu Reaktionen fähigen Richard im Pflegeheim und sinnt über all das nach, was er ihr verschwiegen hat: "Geheimnisse, die er gut gehütet hat. Und wofür? Für wen? Für niemanden. Um sich die Geheimnisse irgendwann selbst nicht mehr verraten zu können. Schätze, von denen er vergessen hat, wo sie vergraben sind."

Richard versteht das alles nicht mehr. Erst als Alma ihm ein Lied vorsingt, "da muss es in Richards Gehirn einen hellen Fleck geben, denn er beginnt, ihre Hand zu streicheln, und tut es während des ganzen Liedes".

Arno Geiger erzählt ohne Sentimentalität mal chronologisch, mal gegen die Chronologie, mit großer Könnerschaft. Der Buchherbst dieses Jahres beginnt mit "Es geht uns gut" verheißungsvoll.


*** Gila Lustiger: "So sind wir".
Berlin Verlag, Berlin; 260 Seiten; 18 Euro.



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