AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2005

Literatur Wühlarbeit im Haus der Ahnen

In diesem Herbst knüpfen zahlreiche deutschsprachige Autoren nach dem Vorbild der US-Amerikaner an die überholt geglaubte Form des Familien- und Generationenromans an. Herausragendes Beispiel ist das neue Buch des Österreichers Arno Geiger: "Es geht uns gut".

Von Volker Hage


Dieser Enkel will es gar nicht wissen. Er will nichts wissen von den alten Geschichten, seinen Vorfahren, der ganzen vergangenen Zeit, vom Trödel, vom Geerbten. Nur die Villa, die ihm die Oma vermacht hat, die möchte er schon gern in Besitz nehmen - nur eben ohne das ganze Zeug darin. Und ohne die Erinnerungen, die an diesem Haus hängen.

Da sitzt er auf der Treppe vor dem ererbten Haus, Philipp Erlach, ein Mann von Mitte dreißig, und weiß nicht weiter. Weder jetzt und hier noch in seinem Leben überhaupt. "Du mit deinem verfluchten Desinteresse", sagt seine gelegentliche Bettgefährtin Johanna, die ihn alle paar Tage besuchen kommt, aber verheiratet ist und ein Kind hat. Auch keine gute Aussicht.

Wien, Frühjahr 2001. Philipps Großmutter Alma ist mit 93 gestorben, die Letzte, die in diesem großen Haus übrig geblieben war - nun packen zwei tatkräftige Schwarzarbeiter an, die Johanna bestellt hat, und sie wissen, wie man einen Nachlass zu Geld macht. Leider geht dabei auch jener Schuhkarton verloren, in dem Alma all ihre Briefschaften gesammelt hatte. Philipp bedauert das, doch überwiegt bei ihm die Furcht, "dass er mehr erfährt, als er wissen will".

Was der Held in dem neuen Roman "Es geht uns gut" nicht wissen will, das interessiert den Österreicher Arno Geiger, 37, umso mehr*. Und daher erzählt der Schriftsteller in diesem über weite Strecken großartigen Familienroman genau das, was sonst im Abfallcontainer des Enkels verschwunden wäre.

Geigers Roman, soeben erschienen, ist Vorbote und gewiss auch einer der Höhepunkte des in diesem Buchherbst auffälligen Bemühens junger deutschsprachiger Autoren - nämlich sich mit Hilfe des lange als konventionell und überholt verschrienen Familien- und Generationenromans die große epische Form zurückzuerobern.

Fast gleichzeitig kommt der Roman "Die Reise über den Hudson" auf den Markt, der wie eine Gegengeschichte zu Geigers Buch gelesen werden kann, geschrieben ebenfalls von einem österreichischen Autor: Peter Stephan Jungk, 52**.

Im September sollen die Romane "Die geheimen Stunden der Nacht" von Hanns-Josef Ortheil und "Kindbettfieber" von Sabine Schiffner folgen. Ortheil, 53, erzählt von einer Kölner Verlegerfamilie, bei der ein Generationswechsel im Verlag ansteht, die Prosadebütantin Schiffner, 39, von einer Bremer Kaufmannsfamilie, deren Zusammenhalt sich am Ende erschöpft hat. Im Frühjahr dieses Jahres sind schon der beachtliche Debütroman "Schattauers Tochter" von Arno Orzessek und die Firmen- und Familiensaga "Die Fabrikanten" von Sibylle Mulot erschienen.

Sowohl Geigers als auch Ortheils Roman sind in die 20 Titel umfassende "Longlist" des in diesem Jahr erstmals zu vergebenden Deutschen Buchpreises aufgenommen worden (siehe Tabelle Seite 156) - im September soll eine Auswahl von sechs Titeln folgen, und am 17. Oktober, einen Tag vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, soll dann im Kaisersaal des Frankfurter Römers der beste Roman deutscher Sprache aus der Produktion dieses Jahres gekürt werden.

Wie aber passt die neue Lust am Familienroman in unsere zunehmend kinderlose Gegenwart, die von hohen Scheidungsraten und Ängsten um die Rente geprägt ist? Wer möchte heute noch, fragt sich etwa die Kritikerin Sigrid Löffler, "fette Sippschafts-Schwarten lesen, opulente Chroniken von Geschlechterfolgen über mehrere Generationen hinweg?" Sie weiß aber auch: "Der Familienroman ist bequem wie ein abgetragener Pullover, und wie ein solcher ist er flexibel und dehnbar und hält die Leserseele warm."

Ihr Kollege Marcel Reich-Ranicki dekretierte vor zwei Wochen in der Lübecker Marienkirche aus Anlass von Thomas Manns 50. Todestag: "Der noch unlängst von manchen Kritikern verspottete Familien- und Generationenroman ist wieder modern." Die "alte Familien-Saga" sei einst vom "Buddenbrooks"-Autor aus dem 19. ins 20. Jahrhundert "hinübergerettet und kräftig modernisiert" worden und lebe auch noch im 21. Jahrhundert.

Tatsächlich sind es wieder einmal die US-Autoren, jüngere Schriftsteller wie Jonathan Franzen ("Die Korrekturen"), Jeffrey Eugenides ("Middlesex") oder Richard Powers ("Der Klang der Zeit"), die vorgeführt haben, dass sich Zeitgeschichte literarisch immer noch am besten als Familiengeschichte erzählen lässt, als Darstellung des vom großen Geschehen mehr oder weniger direkt betroffenen Alltags - über Jahrzehnte und mehrere Generationen hinweg. Und die gezeigt haben, dass solches Erzählen immer noch auf breites Leserinteresse stößt, übrigens gerade in Deutschland, wo die Amerikaner besondere Erfolge verzeichnen.

Das deutsche Publikum ist mit geglückten Familienepen eigener Provenienz nicht besonders verwöhnt, sieht man einmal vom Urmodell, von Thomas Manns "Buddenbrooks" (1901), ab. In den siebziger, achtziger Jahren gab es die "Deutsche Chronik" des unlängst mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichneten Walter Kempowski, in den neunziger Jahren Dieter Fortes "Das Haus auf meinen Schultern" - beides mehrbändige Romanzyklen.




* Arno Geiger: "Es geht uns gut".
Hanser Verlag, München; 392 Seiten; 21,50 Euro.

** Peter Stephan Jungk: "Die Reise über den Hudson".
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 228 Seiten; 19,50 Euro.

  • 1. Teil: Wühlarbeit im Haus der Ahnen
  • 2. Teil


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