AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2006

Klima Wettermacher in der Steinzeit

Die These eines US-Klimaforschers spaltet die Fachwelt: Schon vor 8000 Jahren schürte der Mensch demnach den Treibhauseffekt - und wendete so eine neue Eiszeit ab.

Von Rafaela von Bredow


Ein Glück, dass der Mensch schon vor mehr als 8000 Jahren entdeckte, wie Gräser sich kultivieren und Ziegen sich domestizieren lassen. Hätte er sich damit mehr Zeit gelassen, dann wäre ihm die Kälte zuvorgekommen.

Denn ohne die Bauern der Steinzeit wäre unweigerlich eine neue Eiszeit über die Menschen gekommen, glaubt William Ruddiman, emeritierter Klimaforscher von der University of Virginia in Charlottesville. Mit seiner These vom Einfluss der frühen Farmer aufs Weltwetter provoziert er derzeit seine Kollegen*.

Ruddiman kam auf seine Idee, als er zu ergründen versuchte, warum die derzeit herrschende Warmzeit, das Holozän, die Erde schon seit vollen 11.000 Jahren in eher kuschelige Temperaturen hüllt. In den vorangegangenen vier Zwischeneisperioden währte die Wärme wesentlich kürzer.

Eigentlich liefen sie alle nach ähnlichem Muster ab, diktiert von der Sonne und den ewigen Zyklen der sie umkreisenden Erde. Die Geometrie des Orbits bestimmt, wie intensiv die Sonne den Planeten bestrahlt, und stürzt ihn damit ins rhythmische Stirb und Werde der Eis- und Warmperioden.

Doch wäre das Holozän dem Takt der vorangegangenen vier Warmzeiten gefolgt, so hätte das gemütliche Intermezzo nicht lange gedauert. Schon vor 8000 Jahren hätten die Temperaturen und damit auch die Werte bei den Treibhausgasen in der Atmosphäre sinken müssen, beim Kohlendioxid bis auf etwa 240 "parts per million" (ppm).

Stattdessen begannen sie zu steigen - auf 280 ppm vor Beginn der Industrialisierung. "Eine ziemlich starke Anomalie", findet Ruddiman. Ganz Ähnliches gilt für das noch weitaus wirksamere Treibhausgas Methan: Vor 5000 Jahren begann es plötzlich sich in der Atmosphäre anzureichern. "Das ist die schlichte Essenz meiner Hypothese", sagt Ruddiman. "Die Gaskonzentrationen stiegen, wo sie hätten sinken müssen."

Das Einzige aber, was diesen Zeitpunkt im Holozän von den vier vorangegangenen Warmzeiten unterscheidet, glaubt der Klimaforscher, war - der Mensch. In der Tat: Vor 8000 Jahren brachte der Homo sapiens die Landwirtschaft zu ihrer ersten Blüte. Die meisten der wichtigen Feldfrüchte erntete er bereits und züchtete Vieh; wenig später schrieb er die ersten Worte nieder und baute die ersten größeren Siedlungen.

Als Bauer begann der Mensch seinen Job als Wettermacher. Zunächst mit Steinäxten, später mit Eisenkeilen schlug er ganze Wälder nieder, um Platz zu schaffen für Feldfrucht und Vieh. Ob die frühen Farmer die Bäume verbrannten oder faulen ließen - in jedem Fall stiegen große Mengen Kohlendioxid in die Lüfte.

Vor 5000 Jahren verstärkte sich der Trend. In China etwa begannen Bauern, riesige Flächen längs der Flüsse zu fluten: Sie bauten Reis an. Wie zuvor nur aus natürlichen Sümpfen entwich Methan, ebenso aus Fladen und Mist der domestizierten Tiere.

Aber konnten die wenigen Menschen, die damals lebten, wirklich so viel Treibhausgas produzieren? Rechnerisch hätten sie doppelt so viel Kohlendioxid in die Luft pumpen müssen wie die Fabrik- und Dampfmaschinenbetreiber zwischen 1850 und 1990. Durchaus möglich, meint Ruddiman - schließlich hätten die Bauern Jahrtausende Zeit gehabt, Wald um Wald abzufackeln.

Seine Kollegen reagieren interessiert, doch skeptisch. "Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass der Mensch damals Einfluss aufs Klima hatte", sagt Claudia Kubatzki, Klimaforscherin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. "Aber man braucht ihn auch nicht unbedingt, um zu erklären, was wir beobachten." So seien die nordischen Sommer vor 6000 bis 8000 Jahren heißer gewesen als heute, erklärt die Wissenschaftlerin, Wald dehnte sich also viel weiter aus. Auch in der heutigen Sahara wucherte es. "Die Erde war einfach grüner", sagt Kubatzki. Und das in jenen Pflanzen gefangene Treibhausgas entwich zwangsläufig, als diese abstarben.

In Bedrängnis bringt Ruddiman derzeit vor allem ein Team von Paläoklimatologen. Das hat in der Ostantarktis einen drei Kilometer langen Zylinder aus dem Eis gebohrt. Die Analyse der uralten Lufteinschlüsse im Eis erlaubt es den Forschern, die Klimageschichte der letzten 650.000 Jahre zu rekonstruieren - die Chronik reicht damit bis weit zurück in die Zeit vor jenen vier kurzen Warmzeiten, die Ruddiman untersucht hat.

Vor 400.000 Jahren, so die Botschaft des Eises, herrschte schon einmal ein langer, langer Sommer. 30.000 Jahre währte damals die Wärme. Und genau wie heute reicherte sich in einer bestimmten Phase Kohlendioxid in der Atmosphäre an. Gut möglich also, dass auch das Wetter in den letzten 8000 Jahren, wie damals, schlicht der Macht der Natur gehorchte.

Unterstützung bekommt Ruddiman hingegen aus den Niederlanden. Eine Forschungsgruppe an der Universität Utrecht glaubt, neue Belege dafür gefunden zu haben, dass Landwirtschaft durchaus das Klima zu verändern vermag. Die Wissenschaftler untersuchten Pollen und Blätter aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Ihr Ergebnis: Just zu der Zeit, als die Pest Europas Bauern dahinraffte, begann der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre abzusinken, vermutlich weil Wälder die verwaisten Felder zurückeroberten.

Die Klimahistoriker bestätigen dies: Nach der großen Pest im Jahre 1348 hielt rund 300 Jahre lang die "Kleine Eiszeit" Europa im Griff.


* William F. Ruddiman: "Plows, Plagues and Petroleum". Princeton University Press, Princeton; 216 Seiten; 23,50 Euro.



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