AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2006

Seefahrt Das Geheimnis der Perleninsel

Von

2. Teil


Begleitet von SPIEGEL und SPIEGEL TV brach das internationale Forscherteam am 18. Februar in die Gewässer des Perlen-Archipels auf. Expeditionsleiter Delgado hatte, wie er sagt, "die besten Leute zusammengebracht": etwa den Australier Michael McCarthy, 58, einen Unterwasserarchäologen von Weltruf; den gleichaltrigen Kollegen Larry Murphy, einen Spezialisten für Korrosionsstudien, sowie den Metallurgen Don Johnson, 79, einen ausgewiesenen Experten für Materialforschung und Rostprozesse. Sie sollten vor allem die drängende Frage klären, wie lange das einzigartige Wrack noch das ständige Auf- und Abtauchen im Salzwasser überstehen würde. Und: Aus welchem Material war es überhaupt gebaut? Wie funktionierte es?

Fortschrittliches Fossil: Rekonstruktion der "Sub Marine Explorer" von 1865
DER SPIEGEL

Fortschrittliches Fossil: Rekonstruktion der "Sub Marine Explorer" von 1865

Mit Navigationsempfängern des Global Positioning Systems, mit Multi-Parameter-Sonden und lasergesteuerten Entfernungsmessern rückten die Forscher der archaischen Technik des 19. Jahrhunderts zu Leibe. "Es war", schwärmt Delgado, "als würde man ein Portal in eine vergessene Zeit aufstoßen." Immer wieder wurden sein Team und er verblüfft von der Konstruktionsweise des Bootes und den technischen Feinheiten.

Die obere Hälfte der doppelten Rumpfhülle etwa, die einst den Presslufttank beherbergte, war aus druckresistentem Gusseisen gefertigt, während die untere Hälfte aus schmiedeeisernen Platten bestand, die mit Nieten verbunden waren. Die Nietenköpfe zeigten dabei nach innen - offenbar, um das Boot, das sich mit einer durch Muskelkraft betriebenen Schraube fortbewegte, stromlinienförmig zu halten.

In der feinen Sandschicht, die den Boden der Arbeitskammer mit den beiden Luken zum Bergen der Austern bedeckte, fand Delgado ein mit Quecksilber gefülltes Tiefenmessgerät und den Holzgriff einer Handpumpe, die offenbar zur Verbesserung der Atemluft in der engen Druckkammer diente: Mit ihr wurde wohl feiner Wassernebel versprüht, der das Kohlendioxid der Atemluft an Bord binden sollte. Schließlich schaufelten in dem Boot bis zu sechs Männer bei Kerzenschein Austern - Schwerstarbeit auf dem Grund der See.

All diese Merkmale passten exakt zu einer alten Zeitungsmeldung, die Delgados Rechercheure zuvor aus den Tiefen der Archive gegraben hatten: Im Sommer 1869 hatte der in Panama erscheinende "Mercantile Chronicle" in der blumigen Sprache seiner Zeit die Arbeitsweise des revolutionären U-Boots beschrieben: "Vor dem Abtauchen" werde mit Hilfe einer auf einem Beiboot montierten, dampfbetriebenen "Pumpe mit der Kraft von 30 Pferdestärken so viel Luft in die Pressluftkammer gefüllt, bis diese eine Dichte von mehr als 60 Pfund erreicht", was einem Druck von etwa vier Bar entspricht. Nach dem Versiegeln des Presslufttanks "betreten die Männer die Maschine durch den Turm an der Oberseite", und "sobald dem Wasser gestattet wird, die Ballastkammern zu füllen, sinkt die Maschine geradewegs hinab zum Meeresgrund". Dort werde "alsdann eine ausreichende Menge Pressluft in die Arbeitskammer geleitet, bis diese über ausreichend Volumen und Kraft verfügt, um dem enormen Druck des Wassers standzuhalten", damit die Männer "die Luken im Boden der Maschine öffnen" und mit dem Bergen der Austern beginnen können.

Der zeitgenössische Autor fuhr fort: "Wenn sie eine ausreichende Zeitspanne unter Wasser waren und alle Muscheln in Reichweite gesammelt sind", werde schließlich Pressluft in die Ballastkammern geleitet, "und während diese Luft dann das Wasser herauszwingt, erhebt sich die Maschine sicher zur Oberfläche".

Kroehl, der Konstrukteur, konnte damals nicht wissen, wie wichtig ein langsamer, kontrollierter Druckausgleich beim Auftauchen ist. Und wenn Unterwasserforscher Delgado, selbst routinierter Taucher, heute in die enge Kammer klettert, die mittags von der reflektierenden Tropensonne in fahles, grünes Licht getaucht wird, muss er zwischen all den rostverkrusteten Hähnen, Ruderhebeln und Griffen daran denken, wie jener "sich gefühlt haben muss, in diesem eisernen Sarg". Wie er das Zischen der Pressluft hörte, mit vor Druck schmerzenden Ohren. Und wie sauer die Luft gerochen haben muss, unten auf dem Meeresgrund, wenn sie fast verbraucht war und die Kerzen langsam ausgingen.

Delgado wird philosophisch in solchen Momenten und spricht vom "großen Strom der Geschichte, der das Individuum auslöscht". Seit fünf Jahren erforscht er nun die "Explorer" - und kennt noch nicht einmal das Gesicht ihres Erfinders. Obwohl Kroehl selbst ein leidenschaftlicher Fotograf gewesen sein soll, ist bis heute kein Porträt von ihm aufzutreiben.

Und auch die Biografie des vergessenen Ingenieurs, zusammengetragen aus den rudimentären Erinnerungen seiner Nachfahren und den Akten seiner Militärzeit bei den Unions-Streitkräften der Nordstaaten, ist noch immer lückenhaft: Als sicher gilt immerhin, dass Kroehl 1820 im ostpreußischen Memel geboren wurde, dem heutigen Klaipeda in Litauen, und dass er dann als Kind mit seiner Familie nach Berlin zog. In alten Adressbüchern findet sich noch heute die Spur seines Vaters, des Kaufmanns Jacob Kröhl, der zwischen 1829 und 1833 am Hausvogteiplatz Nummer 11 residierte.

Nach dem Wehrdienst bei der Artillerie soll der junge Julius dann um 1838 eines jener Auswandererschiffe bestiegen haben, die damals zahllose Deutsche an die Gestade der Neuen Welt brachten: Dokumentiert ist, dass Kroehl 1840 Staatsbürger der USA wird und dass er 1855 erstmals als Ingenieur in den Geschäftslisten von New York City auftaucht, im Stadtteil Lower Manhattan, einem Viertel vollgestopft mit Docks, Eisengießereien - und deutschen Emigranten.

Kroehl hat inzwischen ein Patent zur "Verbesserung von Eisenbiege-Maschinen" angemeldet und zeigt sich fasziniert von den Taucherglocken, die neuerdings beim Brückenbau zum Einsatz kommen.

Im November 1858 heiratet der Deutsche in Washington die 26-jährige Sophia Leuber, bevor er 1863 eineinhalb Jahre lang in den amerikanischen Bürgerkrieg zieht. Er dient bei der Marine der Nordstaaten als Spezialist für Unterwassersprengungen und schließlich als Späher in den Sümpfen Louisianas.

Hier infiziert sich Kroehl offenbar mit einer Krankheit, die ihn über Monate aufs Krankenbett zwingt. Zwischen Fieberschüben muss der Erfinder immer wieder an der Idee für seine Unterwassermaschine getüftelt haben. Er denkt wohl an eine Art Taucherglocke, die sich aber frei und aus eigener Kraft bewegen kann, die also unerkannt Minen an feindlichen Kriegsschiffen anbringen könnte.

Doch als er die Pläne fertig hat und selbst wieder bei Kräften ist, zeigt sich die Admiralität wenig begeistert: Der Krieg ist vorbei, das Vorhaben zu kostspielig. Die Militärs sehen einfach nicht, welch ungeheures Potential eine tauchende Kampfmaschine dieser Bauart haben könnte. Die Versuche mit einigen anderen Geräten waren nicht so ermutigend - nur ist Kroehls U-Boot den anderen technisch weit voraus.

Doch der Erfinder gibt nicht auf. 1864 wird er Chefingenieur und Teilhaber der Pacific Pearl Company, die zwei Jahre später für Schlagzeilen sorgt. Im Frühjahr 1866 berichtet die "New York Times" über den ersten sensationellen Tauchgang der "Sub Marine Explorer": Am 30. Mai, gegen 13.30 Uhr, besteigt Kroehl in Begleitung von drei Freunden seinen Unterwasserapparat und taucht auf den Grund des Hafenbeckens der North Third Street. Anderthalb Stunden müssen die Zuschauer bangen, bevor das stählerne Monster wieder an der Oberfläche erscheint und sich langsam die Luke öffnet. Augenscheinlich bester Laune schmaucht Kroehl lässig seine Meerschaumpfeife und präsentiert stolz einen Eimer Schlamm frisch vom Grund des Docks.

Die Investoren der Pacific Pearl Company sind von der Vorstellung offenbar überzeugt. Noch im selben Jahr finanzieren sie den Transport der in Einzelteile zerlegten "Explorer" von New York an die panamaische Karibikküste, von wo aus das Boot per Eisenbahn durch den Dschungel nach Panama-City am Pazifik geschafft wird. Die einst so stolze Perle der spanischen Krone ist zu jener Zeit ein moskitoverseuchter Moloch, voll mit zweifelhaften Bars, korrupten Beamten und fiebrigen Glücksrittern auf dem Weg nach Kalifornien - ein Zwischenstopp am Scheitelpunkt der neuen Transitroute zwischen New York und San Francisco.

Am 8. Dezember 1866 macht in diesem allgemeinen Chaos die Nachricht Furore, dass ein unglaublicher Tauchapparat in der Stadt eingetroffen sei. Er werde an der Eisenbahnstation zusammengebaut und sei in Kürze einsatzbereit.

Gut sechs Monate später meldet der "Panama Star and Herald" dann Vollzug: Ingenieur Kroehl habe persönlich überwacht, wie die "Sub Marine Explorer" ins angrenzende Dock gehoben wurde; in wenigen Tagen solle das Boot vor den Inseln der Pacific Mail Steamship Company erste Tauchfahrten unternehmen.

Die wochenlangen Experimente werden Kroehl offenbar zum Verhängnis. Vollends überzeugt von seiner Erfindung und wie besessen von der Arbeit in der Tiefe, kann er nicht wissen, dass sich die Stickstoffmoleküle im Körper zu kleinen Gasblasen ausweiten, wenn man zu schnell auftaucht. Dass das Blut regelrecht zu schäumen beginnt.

Die Ärzte stellen die ortsübliche Diagnose, der US-Konsul macht sie amtlich: Julius H. Kroehl stirbt am 9. September 1867 - "an Fieber", wie der Diplomat der Witwe schreibt; auch er kann ja nichts von der tödlichen Taucherkrankheit wissen. Die Beerdigung sei durch die örtliche Bruderschaft der Freimaurer durchgeführt worden, auf dem "Cementerio de Extranjeros", dem "Fremdenfriedhof" im Viertel Chorrillo.

Nach Kroehls Tod verliert sich zunächst auch die Spur der "Explorer" - für zwei Jahre -, bis die "New York Times" über eine Perlentauchexpedition nach "St. Elmo" berichtet. An einem Augusttag des Jahres 1869, gegen 11 Uhr, sei das Boot vor der Perleninsel in die Fluten gesunken, vier Stunden unter Wasser geblieben und schließlich mit 1800 Austern wieder aufgetaucht. An den folgenden elf Tagen sei dieser Vorgang wiederholt worden, bis man insgesamt 10,5 Tonnen Austern und Perlen im Wert von 2000 US-Dollar beisammen hatte.

Danach aber, so die Zeitung, seien "wieder alle Taucher von Fieber befallen" worden, was letztendlich zum Abbruch der Unternehmung geführt habe. Man habe die teuflische Maschine in eine geschützte Bucht der Insel gebracht und wolle bald wiederkommen; diesmal aber mit "einheimischen, akklimatisierten Tauchern", denen das - vermeintliche - Fieber nichts anhaben könne.

In genau dieser Bucht, in den grünen Wassern von San Telmo, hat Jim Delgado die "Explorer" wiedergefunden - als sie bei Ebbe auftauchte, wie jeden Tag zweimal, seit 137 Jahren.



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