AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2006

Seefahrt Das Geheimnis der Perleninsel

Tag für Tag, seit 137 Jahren, taucht an einem Pazifikstrand ein rätselhaftes Wrack aus den Fluten auf: Forscher wissen jetzt, dass dies die verschollene "Sub Marine Explorer" ist - eines der ersten U-Boote der Welt, genial konstruiert von einem Deutschen, dem seine Erfindung den Tod brachte.

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Zuerst sah Jim Delgado den Turm. Zentimeter um Zentimeter hob er sich aus der tiefgrünen Brandung des Pazifischen Ozeans: ein schwarzverkrustetes Stück Metall, bedeckt von Muscheln, Rost und Tang, das bei ablaufendem Wasser mit gespenstischer Langsamkeit aus dem Meer auftauchte.

Jim Delgado saß am Strand, auf der Wurzel eines steinalten Stachelrindenbaumes, und starrte gebannt auf das Wasser. Vor ihm wühlten sich Einsiedlerkrebse durch den Sand, in den Baumwipfeln kreischten braune Pelikane, ansonsten war er allein - die einzige Menschenseele auf dieser gottverlassenen Insel namens San Telmo, irgendwo am achten Breitengrad südöstlich von Panama-City.

Die Ebbe kam langsam, schleppend, und dann gab sie dieses mysteriöse Ding frei, von dem ein Fischer ihm erzählt hatte: das rostzerfressene Wrack eines seltsamen Tauchgeräts. Angeblich sei es, so glaubte es dieser Fischer, ein japanisches Spionage- U-Boot, das im Zweiten Weltkrieg den Panama-Kanal angreifen sollte und das dabei in den tückischen Gewässern des Perlen-Archipels gestrandet sei.

Je weiter sich das Wasser zurückzog, desto mehr begriff Delgado, Direktor des renommierten Vancouver Maritime Museums, dass die Geschichte des Fischers nicht stimmen konnte: Das Ding, das da vor ihm aus der Vergangenheit auftauchte, musste älter sein. Viel älter.

Die Konstruktion erinnerte den Forscher an eine "eiserne Zigarre", und unwillkürlich schossen ihm die Bilder der "Nautilus" durch den Kopf, jenes legendären Unterseeboots, das Jules Verne in seinem Roman "20 000 Meilen unter den Meeren" beschrieben hatte. Delgado hatte das Buch als Junge verschlungen.

Aber konnte so etwas möglich sein? Delgado war wie elektrisiert: Als Unterwasserarchäologe hatte er vor Jahren das Wrack des Goldrausch-Schiffes "General Harrison" aus der Bucht von San Francisco gebuddelt, er war auch bei der Hebung der "H. L. Hunley" aus der Hafeneinfahrt von Charleston, South Carolina, dabei - des ersten U-Boots, das jemals ein feindliches Schiff versenkte: 1864 im Amerikanischen Bürgerkrieg.

Und jetzt, ausgerechnet in seinem Urlaub, an diesem völlig einsamen Strand, schien ihm der Zufall auf einem tropischen Eiland den spektakulärsten Fund seiner archäologischen Karriere zu bescheren.

Ohne Ausrüstung, lediglich mit Boxershorts bekleidet, schwamm Delgado zu dem rätselhaften Wrack hinüber. Er fluchte, als er sich das linke Bein am scharfkantigen Metall aufriss und weil er kein Maßband dabei hatte, um die genauen Dimensionen des Gebildes zu dokumentieren. Größe, Form und Beschaffenheit der Kammern passten zu keinem Vehikel, das er kannte. Und er kennt eigentlich fast alles, was jemals schwamm. Aber die Technik dieses Dings schien viel moderner als die der "Hunley". Und die Rumpfform mutete eher phantastisch an wie aus einem uralten Science-Fiction-Buch. Wieso zum Teufel hatte er noch nie von diesem Gefährt gehört?

Als Delgado das Schlauchboot kommen hörte, das ihn zurück auf sein Kreuzfahrtschiff bringen sollte, schoss er noch schnell ein paar Dias mit seiner Touristenkamera und dankte dem Schicksal dafür, dass er nicht mitgefahren war auf diese öde Vogel-Beobachtungstour wie die anderen Passagiere: Die paar Stunden auf dieser einsamen Insel hatten sich gelohnt.

Das war vor fünf Jahren, und jetzt ist klar, dass dem Unterwasserwissenschaftler Delgado eine historische Sensation geglückt ist: Er hat die verschollen geglaubte "Sub Marine Explorer" entdeckt - eines der ersten funktionstüchtigen Unterseeboote der Welt, konstruiert von einem genialen deutschen Ingenieur, dem seine Erfindung schließlich einen qualvollen Tod brachte.

Das guterhaltene Wrack vor den Gestaden von San Telmo ermöglicht einzigartige Blicke in die Nebel der Vergangenheit - denn obwohl der Beginn der bemannten Unterwasserschifffahrt nach historischen Maßstäben noch gar nicht lange zurückliegt, ist die Pionierzeit der U-Boote eine Geschichte voller offener Fragen: Alte Baupläne weichen oft von den tatsächlichen Konstruktionen ab, viele Boote gelten als verloren oder zerstört. Und oft ist unklar, wie genau - und ob überhaupt - die Vehikel funktionierten.

Der Fund von San Telmo könnte Antworten geben auf viele Fragen zu den ersten U-Booten. Kollegen Delgados halten das Wrack im Pazifik für ein einzigartiges Exemplar jener Handvoll erhalten gebliebener, submariner Prototypen, in denen sich tollkühne Männer im 19. Jahrhundert in die unbekannte Welt unter der Wasseroberfläche wagten - als "Spaceshuttle"-Piloten ihrer Epoche. Lediglich fünf Tauchapparate aus den Jahren vor 1870 haben die Brandung der Zeit überstanden:

  • die 1850 gebaute "Brandtaucher" des deutschen Erfinders Wilhelm Bauer, heute in einem Museum in Dresden;
  • ein namenloses U-Boot der Konföderierten aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg von 1862, ausgestellt in New Orleans;
  • die 1863 konstruierte "H. L. Hunley", die derzeit in Charleston restauriert wird;
  • die "Intelligent Whale", ein weiteres US-U-Boot aus dem Jahr 1866, jetzt in einem Museum in New Jersey,
  • und eben die "Sub Marine Explorer" vor San Telmo im Pazifik, gebaut 1865.

Ausgestattet mit einem ausgeklügelten System von Ballastkammern und Presslufttank, das einen Druckausgleich und durch zwei unter dem Rumpf angebrachte Luken sogar das Aussteigen von Tauchern unter Wasser ermöglicht, markiert die "Explorer" einen Höhepunkt maritimer Ingenieurkunst - wenn auch einen tragischen: Als das Boot vor rund 130 Jahren den Meeresgrund vor Panama erforschte, war die berüchtigte Taucherkrankheit noch weitgehend unbekannt. Das Leiden kann bei zu schnellem Auftauchen aus tiefem Wasser einen jämmerlichen Tod verursachen. Der technische Fortschritt hatte den medizinischen auf fatale Weise überholt - und im Fall der "Explorer" ihre Mannschaft wie auch ihren Erfinder Gesundheit und Leben gekostet.

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Doch von den Tragödien, die sich einst in diesem eisernen Sarg bei den Perlengründen vor Panamas Küste abgespielt haben müssen, ahnte Delgado noch nichts, als er am Abend nach seiner Entdeckung leicht überdreht im Speisesaal des Kreuzfahrtschiffs saß. Er konnte nicht aufhören, seiner Frau Ann immer wieder die Details des seltsamen Wracks zu schildern.

Daheim in Vancouver ließ der Wissenschaftler die auf San Telmo geschossenen Dias entwickeln und mailte sie - versehen mit einer Beschreibung und der Frage, ob jemand etwas mit dem Boot anfangen könne - an Kollegen in aller Welt.

Einer konnte: Richard Wills, Experte für U-Boote des amerikanischen Bürgerkriegs, meldete später einen Volltreffer - Delgados Daten stimmten perfekt mit einer Beschreibung überein, die Wills in einem wissenschaftlichen Aufsatz von 1902 entdeckt hatte. Die Publikation enthielt sogar eine exakte Zeichnung des weitgehend unbekannten Tauchgeräts. Die Merkmale passten perfekt - so viel Zufall konnte es gar nicht geben: Das Boot musste die "Sub Marine Explorer" sein.

Über ihren Konstrukteur wusste man da noch nicht allzu viel. Er hieß Julius H. Kroehl und war ein aus Deutschland in die USA emigrierter Erfinder. 1856 hatte er in Harlem einen eisernen Feuer-Wachturm errichtet, bevor er erfolglos versuchte, im Auftrag des New Yorker Magistrats ein Riff zu sprengen, das die Schifffahrt im East River behinderte. Aber wie kam der mysteriöse Deutsche dazu, ein derart fortschrittliches Tauchboot zu konstruieren?

Delgado beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen: Recherchen in historischen Archiven ergaben, dass die "Sub Marine Explorer" zuletzt einer Firma namens Pacific Pearl Company gehört hatte, die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts vor Panamas Küste nach Austern schürfen wollte. Bereits in den Zeiten der Konquistadoren hatte man hier in den Tiefen des "Archipiélago de las Perlas" reiche Beute gemacht. Hier hatten schwarze Sklaven einst die legendäre Perle "Peregrina" aus den Fluten gefischt, eine mattschimmernde Pretiose von sagenhaften 50 Karat.

Mit den Muscheln war auch in der Neuzeit ein Vermögen zu verdienen, wobei nicht nur die Perlen Profit abwarfen, sondern vor allem das Perlmutt. Für die Mode jener Epoche war das Material ein begehrter Luxusartikel.

Unter den Teilhabern des Unternehmens, das unweit der New Yorker Wall Street firmierte, fand sich nach alten Geschäftsberichten auch ein gewisser W. H. Tiffany, offenbar ein Spross der gleichnamigen Schmuck- und Lampendynastie.

Die Sache wurde immer spannender - und nach zwei weiteren Ortsterminen auf San Telmo in den Jahren 2002 und 2004 hatte Delgado schließlich so viel Material zusammen, dass er die Zeit gekommen sah, eine Expedition zusammenzustellen, die die letzten Geheimnisse der "Explorer" und ihres Erfinders lüften sollte.

  • 1. Teil: Das Geheimnis der Perleninsel
  • 2. Teil


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