AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2006

Automobile Verletzte Untugend

Das neue Spitzenmodell von Ferrari soll fahrbar sein wie ein normales Auto - dabei jedoch die perfekte Illusion von Formel-1-Technik erzeugen.

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Auf die Frage, was denn das beste Auto seiner Marke sei, hatte Firmengründer Enzo Ferrari stets eine simple Antwort: "Immer das neueste Modell."

18 Jahre nach dem Tod des mediterranen PS-Patriarchen hat sich an diesem Prinzip nichts geändert: "Ein neuer Ferrari", erklärt Firmenchef Amedeo Felisa, "hat stets bessere Fahrleistungen als sein Vorgänger."

Dass sich das gemeinhin bei allen Autoherstellern so verhält, mindert kaum die feierliche Wucht der absoluten Zahlen, mit denen die Fahrzeuge aus Maranello dieses Prinzip pflegen. Vergangene Woche präsentierte Ferrari in seinem Stammsitz bei Modena das neue Spitzenmodell 599 GTB Fiorano, benannt nach der firmeneigenen Erprobungsrennstrecke. Es leistet 620 PS und erreicht nach Werksangaben über 330 Kilometer pro Stunde. "Es ist ein extremes Auto", versichert Chefentwickler Massimo Fumarola, und dabei "unter allen Umständen sehr gut fahrbar".

Der 206.700 Euro teure Sportwagen verletzt somit nach Kräften eine liebgewonnene Untugend der Marke. Zu Enzos Zeiten waren Ferrari-Sportwagen meist Derivate kompromissloser Rennsporttechnik, alles andere als bedienungsfreundlich und von Unkundigen kaum zu beherrschen.

Kunden, die über die schlechte Verarbeitung oder die knorrige Schaltung klagten, scheuchte der grimme Gründer zuweilen persönlich vom Hof. Unter den Abgewiesenen war auch der begüterte Traktorenfabrikant Ferruccio Lamborghini, der dann aus Wut seine eigene Sportwagenfabrik aufmachte.

Inzwischen bedient Ferrari auch Automobilisten von fortgeschrittener Dekadenz. Lichter mit Dämmerungsautomatik zählen ebenso zur Serienausstattung des Modells 599 wie Scheibenwischer mit Regensensor. Die Verarbeitung des neuen Produkts erscheint verhältnismäßig anständig. Lediglich einige Details im Innenraum, etwa wellenschlagende Lederbespannungen am Armaturenbrett, künden noch von großzügiger Qualitätssicherung in bester Ferrari-Tradition.

Wichtiger für das Selbstverständnis der Marke ist sicher die nachhaltige Beschwörung einer technischen Verwandtschaft der Straßenfahrzeuge mit den Rennwagen gleichen Namens. Der 599 GTB, erklärten die Entwickler bei der Präsentation, sei in enger Abstimmung mit der Formel-1-Abteilung des Hauses entstanden.

Der Firmenmythos lebt vom Glanz der Rennsiege und mithin von der Illusion, dass jeder Ferrari noch immer ein Stück Wettkampftechnik in sich trägt. Die Frage jedoch ist: In welchem Bereich sollte dieser Transfer noch stattfinden?

Formel-1-Autos bewegen sich an der Grenze fahrzeugtechnischer Machbarkeit. So besteht der aktuelle Ferrari-Rennwagen weitgehend aus Kohlefaserwerkstoff. Er wiegt einschließlich Fahrer 600 Kilogramm, kaum mehr als ein Drittel des aus Aluminium gefertigten 599 GTB. Die acht Zylinder des Formel-1-Autos setzen aus nur 2,4 Litern Hubraum über 700 PS frei, der Motor erreicht dabei kreischend nahezu 20 000 Umdrehungen pro Minute. Der gut 80 PS schwächere Zwölfzylinder des Straßenwagens ist fast dreimal so voluminös und wird bei 8400 Umdrehungen abgeregelt. Die einzige Gemeinsamkeit der Aggregate besteht im Funktionsprinzip der vier Arbeitstakte.

Immerhin wird der Ferrari 599 gegen 6800 Euro Aufpreis mit einer "F1 Schaltung" ausgerüstet. Sie legt die Gänge entweder vollautomatisch ein oder reagiert auf einen Tastendruck am Lenkrad. Solche Steuerungen allerdings sind nicht nur im Rennsport, sondern längst auch im Großserienbau üblich. Den besten Schaltautomat dieser Art hat VW im Angebot. Er verfügt über zwei Kupplungen und erledigt die Gangwechsel vollkommen unterbrechungsfrei - schneller als jeder Ferrari.

Das einzig echte Formel-1-Derivat trägt das neue Spitzenmodell wie Schmuck am Lenkrad: ein rotes Hebelchen, Manettino genannt. Rennwagensteuer sind übersät mit solchen Drehschaltern. Sie erlauben den Piloten Eingriffe in die Bordtechnik. So lässt sich mit ihnen etwa die Verteilung des Bremsdrucks zwischen Vorder- und Hinterachse während der Fahrt variieren.

Dies einem Laien zu gestatten wäre ebenso unklug wie unzulässig. Deshalb ist das Manettino im Straßensportwagen seines eigentlichen Zwecks entledigt. Seine einzige Aufgabe besteht darin, den Überwachungsgrad elektronischer Fahrassistenzsysteme zu dosieren, die ein richtiger Rennwagen gar nicht hat.

Bei der Einstellung auf die sensibelste Stufe, gedacht für Fahrten auf Schnee, entfaltet der 599 plötzlich die Gemütlichkeit eines Ökomobils: Das serienmäßige ESP kappt schon bei der geringsten Rutschtendenz die Motorkräfte. Die Steuerung der Getriebeautomatik wirkt zudem leistungsträchtigen Drehzahlen durch frühes Hochschalten entgegen.

Nur in Sachen Verbrauch bleibt das Gefährt auch im Schneemodus ein echter Ferrari. Selbst im moderaten Normzyklus schluckt das neue Modell 21,3 Liter auf 100 Kilometer.

Technische Daten, mahnt Chefentwickler Fumarola, seien kein Schlüssel zum Verständnis eines Ferrari: "Diese Zahlen bedeuten nicht wirklich viel."



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