AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2006

Pop Rock und Blut

Mit Pete Dohertys öffentlichen Drogenexzessen und den Abstürzen von Whitney Houston und George Michael ist das Rock-Geschäft in eine neue Phase getreten: Der Selbstmord auf Raten ist die Show.

Von Jörg Böckem, und Moritz von Uslar


Der Mann, den die Presse das "Monster" nennt, steht auf der Bühne des Hamburger Kiez-Clubs Grünspan. Gefährlich sieht er nicht aus, im Gegen-teil. Der schlaksige Junge mit dem bleichen Kindergesicht trägt eine riesige Schiebermütze auf dem Kopf und ein gestreiftes Matrosen-T-Shirt über der dürren Brust.

Er lächelt, tanzt über die Bühne und wirft sich in die Arme des jubelnden Publikums. Vor der Bühne aufgekratzte Jungs und Mädchen, die schwitzen, schreien - rund 80 spektakuläre Rock'n'Roll-Minuten, wie sie heute selten sind. Das ist nicht die Show, mit der auch nur einer der zahlreich anwesenden Journalisten gerechnet hat.

Wenn über Pete Doherty, den Sänger und Songschreiber der britischen Band Babyshambles, berichtet wird, geht es nur noch am Rande um Musik. Der Mann gilt Fachleuten zwar als eines der größten Talente der Insel, für Aufsehen sorgt aber vor allem sein Lebensstil: Er saß wegen Einbruchs bei seinem besten Freund im Gefängnis, er wurde mit gestohlenem Auto erwischt und in den vergangenen Jahren immer wieder wegen Drogenbesitz verhaftet.

Pete Doherty, der 27-jährige Amokläufer aus England, ist zurzeit der wilde, böse Junge des Rock'n'Roll. Und seit seiner Liaison mit dem Supermodel Kate Moss, der Schönen, ist er das Monster. Was immer er anstellt, egal ob er Reporter attackiert, auf die Bühne kotzt oder einfach nur Milch kauft, jede Lokalzeitung von Bristol bis Buxtehude berichtet darüber.

Pete Doherty malt Bilder mit Blut. Pete Doherty sticht einer besinnungslosen Ex-Klosterschülerin eine Spritze in die Venen. Sein Handy mit gesammelten intimen SMS-Botschaften seiner Immer-mal-wieder-Freundin Kate Moss, so heißt es, hat er verkauft. Doherty brauchte Geld für Drogen. Ein Implantat in seinem Körper soll seinen Drogenhunger zügeln. Es versagt. All das ist eine Schlagzeile wert.

Noch nie hat die Öffentlichkeit die Selbstzerstörung eines Popstars so lustvoll goutiert.

Für die einen lebt er all das aus, von dem sie insgeheim träumen, für die anderen ist er das Feindbild, dessen Untergang und Scheitern sie voller Schadenfreude beobachten. Ein Lottogewinn für die Presse, nicht nur auf der Insel.

Als vorvergangene Woche Auftritte der Babyshambles in drei deutschen Städten anberaumt waren, setzte ein beispielloser medialer Countdown ein: Kommt er? Kommt er nicht? Und wenn ja, in welchem Zustand?

Fest steht, am Freitag vorvergangener Woche rechnet in Hamburg kaum jemand damit, dass er seinen Auftritt im ausverkauften Grünspan wie geplant über die Bühne bringen wird. Gegen 21 Uhr soll es losgehen, schon Stunden zuvor herrscht vor der Eingangstür Alarmstufe Rot. Ein Tourbus mit abgedunkelten Fenstern parkt davor auf der schmalen Straße, umlagert von aufgekratzten Mädchen und Jungs, dazwischen hektische Boulevardjournalisten.

Eine Stunde vor Konzertbeginn weiß noch niemand, ob mit Doherty an diesem Abend zu rechnen ist. Zwei Nächte zuvor, zum Tourneestart in Köln, war der Abend schlecht ausgegangen. Die Band war zwar pünktlich zur Stelle, nur Pete Doherty war zum geplanten Beginn immer noch am Flughafen in London, doch niemand randalierte. Die Fans wussten, worauf sie sich eingelassen hatten. Das Risiko erhöht den Reiz. Oder, wie Geoff Travis, Chef von Dohertys Plattenfirma Rough Trade, es formuliert: "Unsicherheit ist die Währung der Kunst."

Das nächste Konzert in Berlin fand immerhin statt. Gegen ein Uhr wankte Doherty auf die Bühne des Columbiaclubs, lärmte zwei Stunden mit den Babyshambles und verschenkte Mütze und Sonnenbrille an Fans. Zum geplanten Interview mit dem Musiksender MTV reichte es dann nicht mehr. Statt lästige Fragen zu beantworten, nahm er eine Spritze und jagte eine Ladung Blut in Richtung Kamera. Was ihm noch zuverlässiger die Aufmerksamkeit der Medien sicherte.

In Hamburg wird er seinem Mythos als Rockstar auch nach dem Konzert gerecht. Noch Stunden nach Ende der Show ist der Tourbus der Babyshambles von überwiegend weiblichen Fans umzingelt. Euphorisierte Teenager mit leuchtenden Gesichtern, die hektisch mit ihren Handys den Bus fotografieren und auf den Star lauern. Und tatsächlich - irgendwann öffnet sich die Tür, und ein Mitarbeiter der Band lässt die Hübschen und Abenteuerlustigen zu zweit und dritt in den Bus einsteigen. Einige versuchen, ihre Chancen zu erhöhen, indem sie ihre Blusen weit aufknöpfen und die Büstenhalter darunter ausziehen. "Groupies" nennt die Hamburger Boulevardpresse diese Mädchen am nächsten Tag.

Einige verlassen den Bus schnell wieder. "Ich wollte ihm doch nur einen Kuss geben, nicht seine Eier lecken", sagt eine sichtlich irritierte Verehrerin.

In den frühen Morgenstunden schließlich wandert Doherty über die Hamburger Reeperbahn, flankiert von Fotografen und Reportern. Die Zeitungen am nächsten Morgen zeigen Bilder von ihm im Sexshop und an der Currywurstbude.

Tags darauf wieder in Köln, wo das ausgefallene Konzert nachgeholt werden soll, liefert Doherty dann echtes Schlagzeilenfutter: In einem Second-Hand-Laden probiert er Kleidung an, an der Kasse kann er nicht zahlen, er schnorrt Geld. Alles dokumentiert von den Kameras.

Ein anderes Bild vom gleichen Tag bringt ihm ein Ermittlungsverfahren der Kölner Staatsanwaltschaft ein. Das Foto zeigt den Musiker im Auto, im Mund eine zur vermeintlichen Crackpfeife umfunktionierte Glasflasche. Auch in England droht ihm mal wieder Ärger mit der Justiz: Am Tag des Hamburger Konzerts hätte er laut Bewährungsauflagen vor einem Londoner Gericht erscheinen müssen.



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