AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2006

Theater Wie man Nazi wird

Auf die Gefahr von rechts antworten deutsche Bühnen mit einem Klassiker unter den Jugendstücken: In der kommenden Spielzeit steht "Die Welle" in mindestens fünf Theatern auf dem Spielplan.

Von Christoph Schlegel


Brian sagt auf der Bühne: "Das ist doch alles Schnee von gestern, was geht mich das an." Und sein Lehrer sagt, was immer gesagt wird: "Du sollst dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert."

Und dann passiert es.

Neonazi-Demonstration (am 10. Juni in Gelsenkirchen): Auf Linie getrimmt
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Neonazi-Demonstration (am 10. Juni in Gelsenkirchen): Auf Linie getrimmt

Wir sind in Zwickau, im tiefen Sachsen. Die NPD hat hier 8,4 Prozent bei den letzten Landtagswahlen geholt, Migrationshintergründe sind hier eher selten anzutreffen. Die Schüler im Zwickauer Theater sehen "Die Welle" von Reinhold Tritt.

Das Stück kommt auf den Spielplan, wenn es rechts rummst, und das tut es derzeit wieder. Der jüngste Verfassungsschutzbericht verzeichnet einen "sprunghaften Anstieg" rechts motivierter Gewalttaten. Die NPD baggert sich erfolgreich durch den Osten, und das Land debattiert im Schatten der WM über "No-go-Areas".

"Die Welle" ist weit davon entfernt und doch zeitlos nah. Das Stück spielt in einer amerikanischen Highschool. Die Zuschauer sehen eine räudige Schulklasse, die Mädchen keifen, die Jungen pöbeln, und der Geschichtslehrer gutmenschelt, bis er mit seinen Schülern, ohne deren Wissen, ein Experiment beginnt, Thema: Wie wird der Mensch zum Nazi? Zunächst feixen die Bühnenschüler. "Hey, keine Tierversuche!" Dann machen sie mit. Am zweiten Tag sitzen alle stramm im Unterricht und blicken fasziniert zur Tafel. Am dritten Tag denunzieren sie ihre Gegner. Am vierten Tag gibt's Dresche für die, die nicht mitmachen. Und am fünften Tag ist alles vorbei.

Das Drama beruht auf einer wahren Begebenheit, einem Unterrichtsversuch in Kalifornien aus dem Jahr 1967. Zentrum des Stücks ist der Lehrer Ben Ross. Um seinen Schülern den NS-Staat begreiflich zu machen, wählt er das Menschenexperiment und entwickelt die fiktive Jugendbewegung, genannt "Die Welle". Er drillt seine Schüler auf Disziplin, fordert Gemeinschaft und absoluten Gehorsam. Das stößt wider Erwarten nicht auf Ablehnung, sondern auf große Begeisterung.

Die Schüler, zu Beginn ein unsortierter Haufen aus Football-Versagern und kalifornischen Tanzmariechen, sind nun engagierter, motivierter und machen akkurat ihre Hausaufgaben. Sie brüllen ihre Parole: "Stärke durch Gemeinschaft, Stärke durch Aktion". Sie tragen ein Welle-Abzeichen, freuen sich, dass sie "jetzt alle gleich sind", und der bis dahin dauergemobbte Mitschüler entwickelt sich zum willigsten und wichtigsten Helfer. Dieser Robert Billings stellt sich sogar abends als Leibwächter vor des Lehrers Haustür und entgegnet dem verdutzten Pädagogen: "Ich muss Sie doch beschützen, Sie sind unser Führer."

Das nicht wirklich geplante Experiment läuft nun endgültig aus dem Ruder. Lehrer Ross selbst verfällt der Faszination, ist angesteckt vom geilen Gefühl, wenn sie einem bedingungslos gehorchen. Seine Ehefrau müht sich als Korrektiv: "Du hast kleine Monster geschaffen." Die einstige Musterschülerin Laurie Saunders stellt sich quer - "Die Welle geht zu weit" - und wird dafür von den anderen bedroht. Erst als ein jüdischer Mitschüler verprügelt wird, stoppt Ross auf Druck des Schuldirektors die Bewegung und zeigt seinen Eleven, wohin es geführt hätte - zu Hitler. Und am bitteren Ende steht fest: Experiment geglückt, Patient völlig enthemmt.

Mit simplen Mitteln wird in der "Welle" die Verführbarkeit des Menschen plastisch dargestellt. So wurde das Schuldrama zu einem Stück deutscher Volksbildung. Seit zwanzig Jahren ist die "Welle" die theatralische Allzweckwaffe gegen rechts. "Zu dem Stück gibt es keine Alternative", sagt Boris Priebe vom Verlag Autorenagentur in Berlin. Er vertritt die Rechte einer Reihe von Stücken für Kinder und Jugendliche, doch nichts schwappt so erfolgreich wie das Tritt-Drama durch das Land.

"Das Interesse nimmt gerade bei Stadttheatern wieder zu", berichtet Priebe. Das kann an dauerpräsenten rechten Schlägern liegen oder am sperrigen Schulthema Nazi-Deutschland, Priebe will sich da nicht festlegen. Er sagt aber, dass "Die Welle" sowohl im Osten wie im Westen funktioniert. Was nicht für alle Jugendstücke gilt. "Die Weiße Rose" von Lillian Garrett-Groag zum Beispiel sei ausschließlich in den alten Bundesländern aufgeführt worden. "Die Welle" ist hingegen das Rezept für Gesamtdeutschland. Und nicht nur dort. Es gibt eine türkische Übersetzung des Stücks und, für Kenner immer noch ein Juwel, "Die Welle" in Schwyzerdütsch.



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