AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2006

Boulevard Inszenierte Feindschaft

Popstar Robbie Williams möchte dirigieren, welche Fotos von ihm erscheinen. Angelina Jolie und Brad Pitt mobilisieren ein ganzes Land im Kampf gegen Paparazzi: Immer öfter versuchen Stars, die Klatschpresse zu gängeln. Doch die spielt auch erstaunlich oft und gern mit.

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Die Rache des Boulevards ist nicht süß. Sie ist kalt und hart und glänzt wie Metall. Sie kostet nicht viel Geld. Die Rache des Boulevards ist das Fotohandy.

Zeitungen schicken neuerdings ihre Leser los, Prominenten aufzulauern und sie abzuschießen. Ein Heer von Hobbyknipsern und Westentaschen-Paparazzi zieht nun marodierend durch die Lande, sieht Harald Schmidt beim Eisessen, Ralf Schumacher beim Mittagessen, George W. Bush beim Wildschweinessen, drückt ab und verschwindet ruck, zuck wieder in der Masse.

Popsänger Williams: Weiße Zeitungs-Flecken als Boykott
AP

Popsänger Williams: Weiße Zeitungs-Flecken als Boykott

Kein bekanntes Gesicht ist mehr vor ihnen sicher. Sie sind Hilfskoch beim Staatsdiner oder Nachbargast im Hotelzimmer. Sie liegen zufällig am selben Strand oder warten neben dem Star auf denselben Zug. "Stuttgarter Hauptbahnhof, Bahnsteig bis Rolltreppe - das bedeutet zehn Kids mit Fotohandy", resümierte TV-Entertainer Schmidt bereits vor einem Jahr in einem SPIEGEL-Gespräch.

Er beklagt sich nicht. Ein Dasein als Beute gehört zum Geschäft. Es gibt ohnehin kaum noch ein Entrinnen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble müsste sich freuen: Nicht nur Deutschland ist komplett überwacht. Ein Schnappschussschütze lichtete jüngst den Fußballnationalspieler David Odonkor ab, wie er auf einem Parkplatz zu pinkeln schien. Ein anderer erwischte Lukas Podolski auf Mallorca beim Urlaub am Strand.

Doch es könnte sein, dass es deshalb bald Ärger gibt. Denn die beiden Fußballer haben prompt einen Promi-Anwalt beauftragt, der sich in ihrem Namen gegen die Fotos wehren soll, die in "Bild" erschienen sind. Presserechtlich ist der Verlag, der die Bilder druckt, verantwortlich.

"Denkbar ist aber auch, dass die Zeitung ihre Leser in Haftung nimmt und ihnen sagt: Ihr hättet die Persönlichkeitsrechte vorher abklären müssen", glaubt zumindest Benno H. Pöppelmann, Justitiar des Deutschen Journalisten-Verbandes. Bei "Bild" heißt es, man prüfe die Leserfotos genauso wie die Angebote professioneller Fotografen.

Die Rache des Boulevards hat jedenfalls nun Millionen Augen und Ohren. Sie ist die Genugtuung für das Caroline-Urteil, das der Bildberichterstattung nach einer Klage der monegassischen Prinzessin die bislang engsten Grenzen gesetzt hat. Sie ist die Antwort auf Günther Jauch, der jüngst schon rechtliche Schritte angekündigt hatte, wenn seine Hochzeit von Fotografen gestürmt werde. Und sie ist die Replik auf jene Knebelverträge, mit denen der Popstar Robbie Williams gerade versuchte, möglichst nur noch ihm genehme Bilder zuzulassen und die Bildberichterstattung nach allen Regeln des Geschäfts zu reglementieren.

Die Rache des Boulevards ist auch eine ziemliche Schande. Sie ist ziemlich verlogen. Und vor allem ist sie dumm.

Denn es gäbe so viele gute Gründe, gerade jetzt die Freiheit der Presse gegen die Prominenten zu verteidigen. Sich dagegen zu wehren, dass die Rechte einer freien Berichterstattung immer enger gezogen werden; dass sich Stars immer mehr herausnehmen können gegenüber Journalisten und Verlagen. Doch wenn jeder Laie zum Berichterstatter taugt und jeder Analphabet zum Fotografen avanciert, darf man sich nicht wundern, wenn der Respekt nicht nur vor dieser Art von Journalismus endgültig flöten geht.

Der Kampf ums Bild ist so hart wie nie zuvor. Wirklich Prominente sind ein knappes Gut. Exklusive Bilder von diesen wenigen sind noch viel knapper. Und knapp heißt teuer.

Dabei ist Prominenz keine wirkliche Qual, auch wenn manche Stars sich so aufführen. Sie ist ein Wirtschaftsgut - und zwar eines, das der Promi und die Medien gleichermaßen produzieren. Beide wollen auch daran verdienen.

Doch manchmal scheinen Promis zu denken, ihre Bedeutsamkeit sei ihnen angeboren. Sie gerieren sich als Glamour-Adel und sehen in Journalisten und Fotografen nichts als Lakaien eigener Hofberichterstattung. Interviews und Fotos werden gewährt wie eine Gnade.

Celebrities wollen immer öfter bestimmen, wer was über sie sagt und schreibt, und sie wollen dekretieren, welche Fotos gedruckt werden dürfen und welche nicht. Am erstaunlichsten ist daran allenfalls, wie weit ihnen die Boulevardmedien im täglichen Geschäft längst entgegenkommen.

Ganz besondere Blüten treibt das Musikgeschäft. Bei vielen Konzerten legen die Manager den Fotografen Knebelverträge vor. Der Fotograf soll alle Rechte an seinen Bildern abtreten. Er darf nur zu bestimmten Zeiten fotografieren, meistens nur während der ersten drei Lieder, manchmal sogar nur aus bestimmten Blickwinkeln. Von sich aus darf er oft nur Fotos für aktuelle Berichte nutzen - und nur für ganz bestimmte Zeitungen.

"Bild"-Ausriss: Bühne für Westentaschen-Paparazzi

"Bild"-Ausriss: Bühne für Westentaschen-Paparazzi

Ein peinliches Bild, so das Kalkül des Managements, erscheint dann nur ein einziges Mal, möglichst in einem Provinzblatt, und dann nirgendwo anders mehr und nie wieder. Zwar mutet dieser Regelungskrampf angesichts von Tausenden Konzertbesuchern mit Fotohandys nur noch lächerlich an, doch hat diese Art der Vertragsgestaltung eine lange Tradition.

Herbert Grönemeyer wollte Ende der Neunziger nur in von ihm "autorisierten Medien" Bilder seiner Konzertauftritte akzeptieren. Die Band Bon Jovi sicherte sich auch schon mal die Rechte "fortwährend und im gesamten Universum" und erklärte den Fotografen für die Dauer des Konzerts flugs zu ihrem Angestellten.

Die deutsche Band Die Ärzte ließ in einem Jahr verbieten, dass Konzertfotos an den Bauer Verlag weitergegeben werden. In einem anderen Jahr belegte sie dann Springers Young Mediahouse und "insbesondere" die Zeitschrift "Yam" mit ihrem Bann.

Jahrelang murrte die Branche über solche Praktiken nur. Die Fotografen unterschrieben die umstrittenen Verträge und mogelten sich manchmal an einzelnen Paragrafen vorbei. Doch bei der aktuellen Tour von Robbie Williams platzte den Konzertbegleitern der Kragen. Der Superstar, laut "Zeit" die "größte Konsens-Maschine" der Gegenwart, sorgte für lautstarken Dissens.

Williams hatte Fotografen von Nachrichtenagenturen ausgeschlossen und den anderen per Vertrag "sämtliche Verwertungsrechte" abgenommen. Beim Konzert in Dresden gab es einen Boykott der Nachrichtenagenturen. Die "Dresdner Neueste Nachrichten" druckten weiße Flecken, wo eigentlich das Konzert gezeigt werden sollte. Für Williams' Münchner Auftritte Anfang August planen die Fotografen publikumswirksamen Protest. Auch in Skandinavien formiert sich Widerstand gegen die Drangsalierungen der Konzertveranstalter.

"Wir sind auf dem Weg zu einem Sonderrecht für Prominente", sagt Medienanwalt Lothar Mielke. Wegen der kleinsten Kleinigkeit würden sofort Anwälte bemüht. "Die Regelungsdichte ist gestiegen", bestätigt sogar der Promi-Anwalt Christian Schertz, der mit dem Verschicken von Vorabwarnungen, Gegendarstellungen und Widerrufsansprüchen nicht zimperlich ist.

Ohne Juristen oder Gerichte geht kaum noch etwas. Macht ein Star den Mund auf, setzt sein Anwalt einen Interviewvertrag auf. Lässt er sich fotografieren, wird auch das geregelt. Manche Berühmtheiten können es sich herausnehmen, dass sie über das Titelbild entscheiden können, wenn sie ein Interview gewähren. Das treibt bisweilen absurde Blüten.

Als sich Cosma Shiva Hagen für den "Playboy" auszog, wurde das Coverbild von ihrem Anwalt ausgesucht. Der wählte kein Nacktfoto, sondern ein Porträt. In der Branche, die von dem Deal wenig ahnte, wurde die Zurückhaltung auf dem Titel dann als Innovation gefeiert.

Bisweilen wird heute selbst die vermeintlich unversöhnliche Feindschaft zwischen Subjekt und Objekt der Berichterstattung inszeniert: Fotoagenturen wie Big Pictures haben sich auch auf Promi-Bilder spezialisiert, die wie verwackelte Paparazzi-Aufnahmen aussehen. Tatsächlich ist häufig alles abgesprochen. Das Honorar wird zwischen Star, Fotograf und Agentur geteilt. "Wir sind fast schon als die freundlichen Paparazzi bekannt", sagt Big-Pictures-Chef Darryn Lyons.

An den Schau-Kämpfen ändert das nichts. Die Promis klagen über die Fotografen, die Fotografen über die Promis. Dennoch gilt: Boulevard-Pack schlägt sich, Boulevard-Pack verträgt sich.

"Es wird immer mehr zur Sitte, dass sich ein Promi mit einem Fotografen auf eine exklusive Fotogeschichte einigt. Die wird verkauft, und das Geld wird dann schön geteilt", sagt der Münchner Bildjournalist Thomas Schumann. Er selbst lehne solche Deals ab. "Mit Journalismus hat das dann nichts mehr zu tun", sagt er. Aber mit Geldverdienen.

Vorbild sind die USA. Dort ist aus dem Verhältnis zwischen Glamourpresse und Stars längst eine einträgliche Interessengemeinschaft geworden. Für wohldosierte Einblicke ins Privatleben gibt's Titelbilder und seitenlange Publicity, etwa bei "Vanity Fair". Teri Hatcher plaudert über sexuellen Missbrauch in der Kindheit, Lindsay Lohan über Magersucht, Hilary Swank über Drogenprobleme ihres Gatten. Allzu kritische Fragen sind oft verpönt. Dafür dürfen die Blätter Nähe demonstrieren.

Filmstar Sharon Stone, Fotografen (in Cannes): Der Kampf ums Bild ist so hart wie nie zuvor
DPA

Filmstar Sharon Stone, Fotografen (in Cannes): Der Kampf ums Bild ist so hart wie nie zuvor

Unterwerfungsgesten vor den begehrten Stars sind offenbar kaum noch Grenzen gesetzt, wie "OK!" belegt. Das krawallige Schlachtschiff der britischen Klatschindustrie ist seit vergangenem Jahr auch in den USA auf dem Markt und zahlt wohl großzügig, um Zugang zu Berühmtheiten zu bekommen, zu ihren Häusern, Hochzeiten, Fotoalben. Ein Vetorecht über Layout und Text scheint durchaus möglich.

Was aber, wenn die Harmonie mal getrübt ist, wenn unangenehme Neuigkeiten im Reporterblock gelandet sind? "Pay for no play" lautet dann die Formel, die einen schlichten Mechanismus beschreibt: Wer zahlt, wird verschont. Die Währung in dieser medialen Tauschwirtschaft ist nicht zwingend Geld. Die Rechnung kann auch mit Indiskretionen über prominente Freunde beglichen werden.

Ronald Burkle, ein kalifornischer Einzelhandelsmilliardär und Freund Bill Clintons, hat es in diesem Frühjahr sogar mit beiden Varianten zu tun bekommen, als ihm ein Klatschreporter der "New York Post" einen pikanten Deal vorgeschlagen haben soll.

Rupert Murdochs Blatt gilt als die einflussreichste Boulevardzeitung New Yorks, ihre Klatschkolumne "Page Six" ist seit Jahrzehnten eine der wichtigsten im ganzen Land. Über Monate sind in dem konservativen Blatt immer wieder kleine Spitzen und negative Berichte über Burkle erschienen. Das könne rasch ein Ende haben, soll ihm der Reporter Jared Paul Stern, selbst ein Promi seines Gewerbes, eröffnet haben.

Burkle müsse sich nur mit 220.000 Dollar an seinem privaten Mode-Label beteiligen. Damit nicht genug: "Ich wurde mehrfach aufgefordert, Geheimnisse über meine Freunde preiszugeben, um vor negativen Berichten über mich selbst verschont zu bleiben", sagt Burkle über sein Verhältnis zur "Post".

Seine Begegnung mit dem Reporter wurde mit versteckter Kamera aufgezeichnet; das Band wurde in die Öffentlichkeit lanciert und bescherte dem Murdoch-Blatt einen handfesten Skandal, der zugleich zeigt: Die Methoden werden härter, fast überall.

Aus kleinen, verschämten Klatschspalten ist längst ein schwerumkämpftes Milliardengeschäft geworden. 1,5 Milliarden Dollar Umsatz soll allein das amerikanische Star-Magazin "People" (TimeWarner) in diesem Jahr schaffen, bei wachsender Auflage.

Natürlich steigen da auch die Preise des Rohstoffs Klatsch in Bild und Text. Rund vier Millionen Dollar hat "People" nach Branchenschätzungen allein für die ersten Fotos von Shiloh Nouvel gezahlt, dem Baby von Angelina Jolie und Brad Pitt - ein Branchenrekord. Generalstabsmäßig geplant.

Als in Cannes die Weltpremiere seines Films "Babel" lief, weilte Pitt mit Jolie in einem Luxusapartment in Namibia, das sich für Reporter selbst zur No-Go-Area erklärte. Der afrikanische Staat erließ aus lauter Dankbarkeit für so viel Gratis-PR ein Einreiseverbot für Journalisten. Wer keine schriftliche Einladung von Pitt und Jolie vorlegen konnte, musste draußen bleiben. Mehrere Fotografen, die trotzdem ihr Glück versuchten, wurden festgenommen, ihre Filme beschlagnahmt.

Die namibische Gesellschaft für Menschenrechte beklagte eine "beispiellose Verletzung" der Meinungsfreiheit. Dem Geschäft tat das keinen Abbruch.

In Deutschland wurde, neben anderen, "Gala"-Chefredakteur Peter Lewandowski "heimlich in ein Bürohaus gebeten", um sich "als einer der ersten Menschen der Welt" (Lewandowski) die Babybilder anzusehen. Lewandowski telefonierte mit Patricia Riekel, Chefredakteurin des Konkurrenzblatts "Bunte". Man kam überein, die Kosten für die deutschen Bildrechte (geschätzt: mehrere 100.000 Euro) gemeinsam aufzubringen.

Und so erschienen Mitte Juni beide Zeitschriften mit quasi identischem Titelbild: ein schlafender Säugling ("Gala": "Unsere süße Shiloh"), versonnen betrachtet von Mama Angelina. "Ein teurer Moment", barmte "Bunte" mit Buchhalterblick, aber immerhin "keine Posen". Zumindest was das Kind betrifft.

Die Rechnung ging auf: "Bunte" und "Gala" verkauften dank der Babyfotos deutlich mehr Hefte als sonst.



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