AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2006

Kultur Maler des Einmaligen

Band 3 der SPIEGEL-Edition: die monumentale "Wallenstein"-Biografie von Golo Mann als ein bedeutendes Stück literarischer Prosa

Von Mathias Schreiber


Ein "großes Erzählwerk" nannte sie Rudolf Augstein in einer mehrseitigen SPIEGEL-Rezension; die "Neue Zürcher Zeitung" kürte sie zu einem "Meisterwerk der Geschichtsschreibung": die "Wallenstein"-Biografie von Golo Mann (1909 bis 1994).

Auch wenn es Kritik gab (die "Frankfurter Rundschau" etwa monierte, bei der Erwähnung des mecklenburgischen Kannibalismus sei der Autor wohl zeitgenössischen "Übertreibungen" aufgesessen), war das Erscheinen dieses 1368-Seiten-Werks über den Dreißigjährigen Krieg im Jahr 1971 ein großes Medienereignis. Mit der fast zwangsläufigen Folge, dass der von Golo Mann so lebendig wie detailliert erzählte Aufstieg und Fall des legendären Feldherrn und Herzogs von Friedland wenige Jahre später, 1978, in einer vierteiligen Fernsehverfilmung für das ZDF nachgezeichnet wurde.

Albrecht Wenzel Eusebius Wallenstein (1583 bis 1634) war ein böhmischer Adliger, der die habsburgisch-kaiserlichen Truppen unter anderem erfolgreich gegen den dänischen König Christian IV. und gegen den Schweden-Herrscher Gustav II. Adolf führte (Gustav Adolf starb 1632 in der Schlacht bei Lützen). Und der trotz dieser militärischen Erfolge, die auch sein Vermögen kräftig mehrten, am Ende von kaiserlichen Offizieren in Eger ermordet wurde - wegen angeblicher Verschwörungspläne gegen den Kaiser.

Wo Wallenstein das Sagen hatte, herrschte Rechtssicherheit, wurde gut verwaltet und prompt bezahlt, vor allem der Sold. Er dachte ökonomisch-effizient, also sehr modern, liebte aber zugleich den Prunk und glaubte an Astrologie. Er war eine der schillerndsten und faszinierendsten Gestalten des Dreißigjährigen Krieges. Seine Persönlichkeit hat, auch unter dem Eindruck von Schillers Großdrama zu diesem Thema, Thomas Manns mittleren Sohn schon in den frühen dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts angezogen: Golo Mann schrieb 1932/33 eine Staatsexamensarbeit über die Geschichte der Wallenstein-Forschung.

War diese noch rein wissenschaftlich, so geriet ihm die spätere Biografie eher zu einem "historischen Roman", wie er selbst einmal bekannt hat. Ein gewisser "Anteil an Poesie" sei für den Historiker unvermeidlich, meinte er, weil die Geschichtsschreibung es mit dem Einmaligen und Ähnlichen, zumal mit ungewöhnlichen Individuen zu tun habe und nicht mit strikt Vergleichbarem, das dann zur Grundlage irgendwelcher Gesetze werden könne.



Vor allem zwei Mittel sind es, mit denen Golo Mann diesem Einmaligen nahezukommen versucht: psychologische Einfühlung bis an den Rand der Spekulation; und das Modellieren und Schattieren von Nuancen, ob sie nun die Charakterisierung bestimmter Landschaften oder das jeweilige "Schachspiel" all der größeren und kleineren europäischen Fürsten und Hofschranzen betreffen.

Eindrucksvoll, wie der Autor mit wenigen Strichen Orte skizziert: Er sieht das Dorf Hermanitz "im Osten des schönen Landes Böhmen" liegen, "an der Elbe oder Labe, dort, wo sie nach Süden fließt. Die Gegend, mit Wiesen, bewegtem Wasser und buchenwaldumzogener Höhenkette, ist lieblich noch heute, obgleich nicht ganz so, wie vor Zeiten, als um das Castell nur wenige Wirtschaftsgebäude und Wohnungen für die Leibeigenen standen". An anderer Stelle rühmt er das "böhmische Paradies mit seinen sandbestreuten Felsen und Fichten, rollendes Hügelland ... waldige Ausläufer des Riesengebirges".

Mecklenburg - als sein Herzog residierte Wallenstein zwölf Monate in Güstrow - wird von Golo Mann (in dem Kapitel, das so heißt wie das Land) mit zwei kompakten Sätzen charakterisiert, die wie gemeißelt wirken: "Das Gebiet, trotz der vielbuchtigen Küste im Norden, hatte etwas Binnenländisches, Abgelegenes, ohne rechte Verbindung mit den schiffbaren Strömen in West und Ost. Fruchtbares Ackerland, Weiden mit schwarz-weiß geflecktem Vieh begannen gleich hinter den Dünen und Fischerdörfern, Wälder zogen sich hin, beschatteten die sich ineinanderschlingenden Seen."

Von dem Historiker Joachim Fest, der Golo Mann in seinen "Begenungen" (2004) porträtiert, wissen wir: Golo Mann war ein Augenmensch, der gern Maler geworden wäre. Malend hätte einer wie er, so gestand er es Freunden, noch besser als mit Geschichtsschreibung es schaffen können, die "tausend Schrecken der Welt durch Formanstrengung" zu bannen.

So fesselt das "Wallenstein"-Buch, das die späte Friedensliebe des Feldherrn vielleicht etwas überschätzt, vor allem durch eine Anschaulichkeit, die nicht selten ans Malerische grenzt. Und die, da sie zum verweilenden Blick animiert, in reizvoller Spannung steht zum oft wie atemlos vorwärtsdrängenden Rhythmus der Sätze, deren archaisierender Tonfall immer wieder an eine alte Chronik erinnert.



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