AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2006

Kultur Abschied von einer Epoche

Band 5 der SPIEGEL-Edition: Leon de Winters Roman über einen nach Prag abgeschobenen Diplomaten mit Suchtproblemen

Von Henryk M. Broder


Leon de Winter sitzt in der Küche seines Hauses in einem Vorort von Amsterdam, aus einem Zimmer lärmen die Kinder, aus dem Radio vor ihm kommt Musik.

"Stille würde mich verrückt machen", sagt er, "ich kann nur so arbeiten." Es gibt vieles, das ihn umtreibt. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne für das Nachrichtenmagazin "Elsevier", und wenn eine Geschichte keinen Aufschub duldet, dann erscheint sie in "De Volkskrant", einer linksliberalen Tageszeitung. De Winter weiß, dass er nicht nur gelesen, sondern auch ernst genommen wird.

Leon de Winter arbeitet in zwei ganz unterschiedlichen Aggregatzuständen. Geht es um aktuelle Fragen, agiert und reagiert er sofort. Für seine literarischen Arbeiten nimmt er sich dagegen Zeit, viel Zeit. An "Hoffmans Hunger" hat er über zehn Jahre gearbeitet, nicht ununterbrochen, aber kontinuierlich. Den Anstoß zu dem Roman gab ein Artikel, den er 1980 in der "Zeit" gelesen hatte: über Eltern, die Kinder verloren haben. Zugleich war da noch eine andere Idee, über einen "professionellen Außenseiter", einen Mann, der sich nirgendwo wohl fühlt, der an keinem Ort lange bleiben kann, der exzessiv lebt und leidet, seit er zwei Kinder verloren hat - eine Tochter durch Krankheit, die andere durch Selbstmord.

Leon de Winter hat für "Hoffman" in Prag Material gesammelt, sich dann zum Schreiben nach Santa Monica in Kalifornien zurückgezogen. Und während er über einen an Schlaflosigkeit und Fresssucht leidenden holländisch-jüdischen Diplomaten in Prag fabulierte, der sich die Nächte mit der Lektüre von Spinoza vertrieb, öffnete sich der Eiserne Vorhang - nichts war mehr so, wie es vor einem halben Jahr noch auf ewig sicher schien.

"Damit hatte ich nicht gerechnet. Was sollte ich tun?" De Winter schaute beim Schreiben CNN und baute das, was in der Welt passierte, in seine Geschichte ein. So wurde "Hoffmans Hunger" der erste Roman, der vor dem Hintergrund der Zeitenwende spielt. "Ich glaubte damals, wie Fukuyama und viele andere, an das Ende der Geschichte. Heute wissen wir, wie sehr wir uns getäuscht haben."

Anfang 1990 kehrte de Winter in die Niederlande zurück. Die holländische Ausgabe von "Hoffmans Hunger" erschien im Mai 1990. De Winter war glücklich, er wusste, dass ihm ein Buch gelungen war, "das sich in der Welt behaupten" würde. Aber er musste einen Preis zahlen, der folgenreicher war als jeder Verriss, den er riskierte. Seine Freundin gab ihm den Laufpass. "Sie sagte, ich würde das Buch mehr lieben als sie. Und sie hatte recht. Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste mich mit Hoffman identifizieren, sonst hätte ich das Buch nicht schreiben können."

Er habe beim Schreiben geheult und geweint und am Ende nicht mehr gewusst, ob de Winter über Hoffman schreibt oder Hoffman über de Winter. "Ich konnte mich nicht von ihm trennen, ich hätte gern weitergeschrieben. Ich wollte ihm helfen und ihn trösten. Ich war überwältigt von meiner eigenen Erfindung."

Natürlich habe er für "Hoffmans Hunger" ausgiebig recherchiert, die Orte der Handlung besucht, sich mit Spinoza beschäftigt, mit Berufsdiplomaten gesprochen und Studien über Fresssucht gelesen. Aber wenn die Recherchen beendet sind, kommt es nur noch auf eines an: die Imagination des Dichters.

De Winters Stärke liegt in der Synthese des Faktischen mit dem Phantastischen. Seine Romane sind Alltagsgeschichten von hoher Komplexität, verwirrend wie das Leben, aber doch einfach wie die Energieformel von Einstein. "Hoffmans Hunger" ist ein Thriller, ein philosophisches Traktat, ein jüdisches Melodram, eine traurige Familiengeschichte und eine Betrachtung über das 20. Jahrhundert mit allen seinen Unfällen und Grausamkeiten. "Dieses Jahrhundert muss weg", sagt Hoffman ganz am Ende, "ich will es sterben sehen. Das ist die einzige Art, es ihm noch ein bisschen heimzuzahlen. Wir haben es überlebt, und jetzt wollen wir es auch begraben."

Kritiker halten "Hoffmans Hunger" für de Winters bestes Buch. Er selbst möchte sich nicht festlegen. "Natürlich ist es ein gutes Buch, es ist sogar ein exzellentes Buch. Aber mein bestes Buch ist es nicht. Es ist nicht besser als 'Sokolows Universum' oder 'Zionoco' und nicht schlechter als 'SuperTex' oder 'Malibu'. Ich bin erst 52, und ich fange gerade an. Das beste Buch ist das, an dem ich gerade schreibe."

Senta, der Labrador, ist aufgewacht. Die Katzen Teigetje und Knorr verlassen die Küche durch die Türklappe. De Winters Kinder schauen sich gemeinsam Videoclips auf MTV an. Das Radio dudelt seine Hitparaden, im Fernsehen kommt lautlos ein Tief über den Niederlanden an. Leon de Winter legt eine Pause ein. So viel Stille macht ihn nervös.



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