AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2006

Integration Türkischer Teufel

Ein brutales ARD-Movie über einen türkischen Drogenhändler ("Wut") will liberale Spießer entlarven und mit Multikulti-Illusionen abrechnen.

Von Nikolaus von Festenberg


Schwuchtel ist sein Lieblingswort. Er sagt es in 90 Minuten öfter als Schimanski in seinen schlimmsten "Tatort"-Zeiten das Wort "Scheiße". Platz zwei auf der Schmähliste von Can, so heißt der junge türkische Drogenhändler (Oktay Özdemir): "ficken". Wen will er nicht alles ficken: "christliche Arschlöcher", Männer "ohne Eier", "geile Fotzen" von Müttern, ja sogar die Literatur, als er eine Kleist-Vorlesung stört.

"Wut" (Buch: Max Eipp, Regie: Züli Aladag) ist kein abseitiges Filmhochschulprojekt für die jugendfreie Mitternacht. Das hochbesetzte Movie soll am Mittwoch nächster Woche um 20.15 Uhr laufen. Das deutsche Fernsehen lässt nicht nur sprachlich die Sau raus. "Wut" will "radikale Fragen stellen und radikale Antworten geben können" (WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke). Es riecht nach Skandal.

Denn die Motivation zu diesem Film ist vielleicht radikal, auf jeden Fall aber fahrlässig. "Wut" tut so, als wäre die bisherige Debatte um die Integration der Ausländer von Tabus geprägt, von falscher deutscher Rücksichtnahme. Er will mit dem gutmenschlichen linksliberalen Köhlerglauben brechen, eigentlich seien Ausländer immer nur Opfer. Er zeigt den Fremden als Täter. Und spielt mit dem Feuer.

Es geht um die Zerstörung einer deutschen Professorenfamilie. Der Zuschauer wird eingeladen, sich an der Hilflosigkeit und dem Masochismus der liberalen Laubs zu erfreuen. Sohn Felix (Robert Höller) lässt sich von der Türkengang abziehen, misshandeln und erniedrigen und sucht trotzdem immer wieder die Nähe zu seinem Peiniger Can, dessen Name Seele bedeutet.

Wer tatsächlich glaubt, bei den Integrationsproblemen zwischen Türken und Deutschen spiele Sexualneid eine Hauptrolle, wird in "Wut" reichlich bedient: hier die verklemmten und verspießerten Deutschen, dort ein türkischer Macho, der mit barbarischer Primitivität die Dinge auf den G-Punkt bringt.

Der Zuschauer soll lustvoll dranbleiben, wenn der als türkischer Teufel konzipierte Drogenhändler den Professorenvater (August Zirner) als unmännlichen Schwächling hinstellt und seine Frau (Corinna Harfouch) als geile Schlampe. Voller heimlicher Bewunderung schlägt sich "Wut" auf die Seite dessen, was Held Can für die Kultur der Ehre hält. Frauen- und Homosexuellenverachtung sind das eine, die Rückkehr des Faustrechts das andere. Wer dem aggressiven Tunichtgut in die Quere kommt, bezieht Prügel. Wer, wie der Professorenvater, gesetzliche Mittel einsetzt und die Polizei holt, ist ein Feigling und Verräter.

Can wird als Tyrann porträtiert, und der Film will einem weismachen, er könne nicht anders. Da ist ein alter bärtiger Gemüsehändler (Demir Gögköl), Cans Vater, dem der Film nur dumpfe Sturheit zuweist. Wir sehen, wie der Vater seinen Gebetsteppich zusammenfaltet und anschließend den Sohn verstößt. Aus den Augen mit dem Bösen. Für welchen Islam steht das?

Der Verstoßene darf hier Gefühl zeigen. Er weint, als er die Fotos aus seiner Kindheit betrachtet. Die Tränen trocknen allerdings schnell. Schließlich braucht die Dramaturgie Can als den Leibhaftigen vom Dienst.

Regisseur Aladag ("Elefantenherz") sagt, wovor er am meisten bei diesem Film Angst gehabt habe: politisch korrekt zu sein. Die Ausländer als ewige Opfer darzustellen und nicht auch als Täter, so etwas wäre ihm als Beschönigung vorgekommen.

Aber so geht das mit Vorsätzen, sie sind ästhetisch nicht kontrollierbar. Mit einer Orgie aus Demütigung und Gewalt endet dieser Film, ein Finale, das erschauern lässt, weil es den Zuschauer zum Komplizen des Hasses auf einen Fremden macht.

Was nützt eine Ehrlichkeit, die in den Schrecken mündet? Gab es da nicht mal einen öffentlich-rechtlichen Anspruch, gewissen Grundsätzen des Zusammenlebens verpflichtet zu sein und sie nicht zum Teufel zu schicken, bloß weil das ästhetisch so hinreißend ankommt?

Es könnte gut sein, dass "Wut" einen Frust ausdrückt, der sich in der ARD über den von ihr sonst so überreichlich produzierten Süßstoff angesammelt hat - eine Art Wut der Anstalt auf sich selbst.



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