AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2006

Kultur Verführung durch den Gast

Die Britin Ali Smith schildert in ihrem Roman "Die Zufällige" eine Familie, die aus den Fugen gerät.

Von Elke Schmitter


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Gute Bücher zeigen beiläufig, was schlechte Bücher sind. Wenn es von einem Dorf in Ostengland heißt, es gebe dort nicht mal Croissants, dann weiß man nicht nur, was das für ein Dorf ist, sondern auch, was da für einer spricht: ein Mitglied der verwöhnten Mittelklasse; in diesem Fall ein Mädchen von zwölf, das sich genau so intensiv langweilt, wie es sich in der Pubertät gehört. Und man weiß eben auch gleich, dass man ein gutes Buch erwischt hat; eines, das sorgsam mit der Zeit des Lesers umgeht.

"Die Zufällige" ist der dritte Roman der britischen Autorin Ali Smith, 44, und der erste, der - übrigens hervorragend - ins Deutsche übersetzt wurde. Es geht um eine Familie, in der sich alle vier Mitglieder auf eine merkwürdige Art und Weise von einer jungen Frau verführen lassen.

Man merkt, dass Smith eine Meisterin der Kurzgeschichte ist: so souverän in ihren Mitteln, dass sie wenig Worte braucht, um Atmosphäre zu schaffen. Sie kann sich daher umso ausführlicher dem widmen, was sie interessiert - den Alternativen des Alltags, den Schluchten der Normalität, der Frage, warum es so kam und nicht anders.

Warum hat niemand in der Familie die junge Frau gefragt, woher sie eigentlich kommt? Plötzlich war sie da, saß auf dem Sofa, erzählte von einer Autopanne - und bald gehört sie dazu, ein Feriendauergast, von dem alle gleichermaßen fasziniert sind: der halbwüchsige Junge, der sich gern verführen, und das zwölfjährige Mädchen, das sich gern führen lässt, und schließlich das Ehepaar: Die Frau bemerkt, dass auch ihr Mann sich verliebt hat, "und diesmal perlte es nicht wie sonst von ihm ab wie das sprichwörtliche Wasser vom Rücken der Ente".

Ali Smith erzählt, wie eine Familie in ihrer Mitte getroffen wird durch eine Person, die allerlei Begehren auf sich zieht; die Mitte war leer, und alle merken es zu spät. Ein wunderbar abgründiger Roman aus dem ganz normalen Leben.

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