AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2006

Kultur Im Westen was Neues

Band 11 der SPIEGEL-Edition: Samuel Huntington liefert mit "Kampf der Kulturen" ein fulminantes Modell für die Konflikte der Welt.

Von Erich Follath


Es gibt wohl in jedem Jahrzehnt diesen einen aufsehenerregenden, neuen, bahnbrechenden Denkansatz. Der amerikanische Publizist Francis Fukuyama etwa, lange Zeit bekennender (und erst neuerdings bekehrter) Neokonservativer, hatte 1989 das "Ende der Geschichte" ausgerufen. Er meinte damit, alle ideologischen Auseinandersetzungen seien durch den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa beendet, der Westen und seine Vorstellungen von Demokratie hätten für alle Zeiten gesiegt. Bald war Fukuyamas Gedankengebäude durch weltpolitische Entwicklungen widerlegt.

In der Sommer-Ausgabe 1993 der hochangesehenen außenpolitischen Fachzeitschrift "Foreign Affairs" hat dann Harvard-Professor Samuel Huntington seinen nur zwölf Seiten langen, mit einem scheuen Fragezeichen versehenen Aufsatz veröffentlicht: "The Clash of Civilizations?" Schnell wurde klar, dass der Wissenschaftler mit dem "Kampf der Kulturen" (der in seiner korrekten Übersetzung eher ein "Zusammenprall" sein sollte, was sich aber nicht besonders griffig liest) ein langlebigeres und tiefergehendes Erklärungsschema für die Zukunft der Weltpolitik lieferte als Fukuyama. 1996 folgte dann Huntingtons Buch, das bis heute die Welt bewegt - ohne Fragezeichen im Titel.

Sein Modell für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, für die Zeit nach dem Kalten Krieg, ist in mehrfacher Weise außergewöhnlich: Huntington geht über den Staat als Grundeinheit der Weltpolitik hinaus. Und er verbannt politische Ideologien wie große ökonomische Auseinandersetzungen als geschichtsträchtige Komponenten in den Hintergrund.

Der Harvard-Professor verkündet nicht weniger als einen Paradigmenwechsel. Eine völlig neue Form der internationalen Auseinandersetzungen beherrscht seiner Meinung nach das internationale Geschehen: Unterschiedliche Kulturkreise, die einander feindlich gegenüberstehen, prägen die Konfliktszenarien. Die Bruchlinien zwischen diesen "Civilizations" sind für ihn die Schlachtfelder der Zukunft - besonders blutig: die Grenzregionen des Islam. Dem Westen, dank seiner Wissenschaft und Technologie derzeit noch mächtigster Kulturkreis der Welt, droht laut Huntington der Abstieg, vor allem infolge "Aufweichung" seiner Werte durch die überall nachdrängenden Immigranten.

In Bosnien und im Kaukasus schien seine Theorie von den Verwerfungslinien den Nerv zu treffen; in Nigeria überschattete der Kampf zwischen Muslimen und Christen andere Konflikte. Doch in vielen Weltregionen ist vom "kommenden kulturellen Weltkonflikt" wenig zu sehen. Huntington hat während der Jahre, in denen seine faszinierende Theorie die intellektuelle Welt prägte und die Politiker-Redemanuskripte füllte (und bis heute füllt), Schwächen seines Gedankengebäudes nie öffentlich eingeräumt.

An zwei wichtigen Wendepunkten der neueren Geschichte hat er allerdings ausdrücklich abgeraten, seinen Schlüssel zur Erklärung der Weltlage anzuwenden. Die Terrorattacke auf New York und Washington am 11. September 2001 verband er nicht mit einem Kampf der Kulturen, sondern sah sie als einen "Angriff gemeiner Barbaren auf die zivilisierte Gesellschaft der ganzen Welt". Und unmittelbar bevor die USA unter Umgehung der Vereinten Nationen mit ihrer "Koalition der Willigen" den Irak-Krieg begannen, warnte Huntington: "Das würde große Teile der Bevölkerung und der Regierungen in der muslimischen Welt aufbringen, die jetzt die internationale Koalition gegen den Terror unterstützen."

Woher die Angst des Zauberlehrlings vor der magischen Formel? Möglich, dass er erkannt hat, wie sehr sein "Kampf der Kulturen" auch zur gefährlichen Falle werden kann. Dass all diejenigen Politiker, die ihr Handeln allein nach dieser Maxime ausrichten, erst den Zustand herbeiführen könnten, dessen Schrecken sie beschwören. Möglich, dass Huntington inzwischen auch gesehen hat, dass die großen Verteilungskämpfe um Erdöl und Gas zunehmend die Weltpolitik bestimmen, dass von Auflösung gezeichnete, zerfallende Staaten wie Somalia oder Afghanistan zu besonderen Brennpunkten werden.

Beim SPIEGEL-Gespräch in Boston vor einem Jahrzehnt hat Huntington, mit Widersprüchen seines Gedankengebäudes konfrontiert, seinen verstorbenen Kollegen Thomas Kuhn zitiert: "Eine Theorie muss nur besser sein als alle anderen, sie muss nicht alles erklären können." Er beugte sich vor und fragte, mit leicht spöttischem Unterton: "Haben Sie eine überzeugendere Landkarte, um sich in der heutigen Welt zurechtzufinden?" Anschließend lehnte sich der Professor zurück - in der richtigen Überzeugung, dass man den "Kampf der Kulturen" auch im neuen Jahrtausend lesen und über ihn streiten würde. Weil jeder, der mitreden will, diesen Text kennen muss.



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