AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2006

Soziologie Die Anti-Angestellten

Von Verena Araghi, Malte Herwig und Katrin Kruse

2. Teil: Weiter zum zweiten Teil


Das klingt sehr nach Hochstapelei. Doch damit lebt es sich zuweilen gar nicht schlecht. Schon an der Wohnungseinrichtung lässt sich die bildungsbürgerliche Herkunft der Wirtschaftswunderkinder Friebe und Lobo erkennen. Es ist der symbolische Raum des "kulturellen Kapitals", wie ihn der französische Soziologe Pierre Bourdieu einst beschrieb, in dem sich die Propagandisten der digitalen Boheme eingerichtet haben: Ein Reservat bürgerlicher Exklusivität, in dem noch das abgenutzteste Designmöbel die kulturelle Distinktion einer Elite signalisieren soll.

Denn in Lebensführung, Geschmack und Habitus unterscheidet sich das luxuriöse Lotterleben der digitalen Boheme meilenweit von der erbärmlichen Lage der wahren Unterschicht, auch wenn mancher Neo-Bohemien zeitweise mal Hartz IV-Empfänger ist, bevor das nächste Internetprojekt anläuft.

ZIA-Logo: So arbeiten, wie man leben will
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Man solle sich die digitale Boheme als Nachfolge der ersten Boheme vorstellen, der des ausgehenden 19. Jahrhunderts, meinen Friebe und Lobo. Die nennen sie, ihrer mangelnden digitalen Vernetzung wegen, jetzt die "analoge Boheme": "Menschen, die in Cafés rumhingen, Kunst schufen, keine Regeln kannten und erst ins Bett gingen, wenn andere schon wieder ins Bett gingen."

Ist ein Leben, in dem Arbeit und Freizeit ununterscheidbar werden, wirklich besser als eines nach der Stechuhr? "Die Gefahr ist natürlich, dass irgendwann das Büro im Schlafzimmer steht", sagt Rafael Horzon, einer der umtriebigsten Unternehmer der neuen Boheme. Horzon betreibt aus einer Hand eine Möbelfirma, ein Bauunternehmen, ein Modelabel sowie einen eigenen Verlag und hatte zuvor eine private Hochschule gegründet, bei der die Studierenden auch schon mal nach Wochen ein "Diplom" in "Kulturwissenschaften" oder "Naturwissenschaften" abstauben können.

"Natürlich ist die digitale Boheme eine Verlängerung des bequemen Studentenlebens", gibt Horzon zu. Schließlich geht es auch um das Vergnügen, so zu arbeiten, wie man leben will. Die Neo-Bohemiens wollen Erfolg haben, sicher. Aber auch nur so viel, um die kuschelige Nische, die sie sich geschaffen haben, nicht wieder verlassen zu müssen.

Denn wirklich erwachsen werden will die digitale Boheme nicht. Zwar halten Friebe und Lobo die Entscheidung, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und dafür die Konsequenzen zu tragen, für sehr erwachsen, sagen aber gleich darauf: "Wir machen uns die Unbekümmertheit zu eigen. Und wollen sie uns nicht mehr nehmen lassen." Das klingt kokett und sagt sich locker, wenn der Erfolg da ist. Die Pose der Anti-Angestellten könnte frivoler nicht sein.

Doch sie meinen es ernst. Die digitale Boheme sei ein "hochansteckendes Virus", das die Arbeitswelt verändere, sagt Lobo.

Dass sie nur in bestimmten Bereichen funktioniert, liegt auch für ihre Erfinder auf der Hand: "Eine Straße baut sich schlecht mit Freiberuflern." In Deutschland allerdings sind gerade mal elf Prozent der Erwerbstätigen selbständig. Zu wenig, befinden Friebe und Lobo. "Wir wollen den Leuten Mut machen" - einerseits den Jungen, die keine festen Arbeitsverträge mehr bekommen, andererseits den Älteren, die aus ihnen herausfallen.

Die digitale Boheme lebt von der "Machtverschiebung", die das Internet zwischen Großkonzernen und Nutzern bewirkt hat. Sie ist kulturwissenschaftlich gerüstet und popkulturell versiert. "Die Internet-Elite liefert Produktideen oder Konzepte dort, wo große Unternehmen Engpässe haben, weil sie den rasanten Entwicklungen von Gesellschaftstrends nicht mehr folgen können. "Diesen mächtigen Vorsprung an Wissen wollen wir ausbauen", sagt Friebe.

Schließlich wird gut gezahlt, und man darf nach geleisteter Zuarbeit bei Firmenempfängen Bonsaispargel, Garnelencocktails und Tatar zu sich nehmen. Mitesser sein, ohne Mitläufer zu werden, so lässt sich das ambivalente Verhältnis der freischwebenden Dienstleistungsboheme zu ihren wechselnden Arbeitgebern beschreiben.

Sie kennt keine Hobbys, nichts, was nicht irgendwann einmal in den Verwertungskreislauf eingehen könnte. Manchmal klingt die digitale Boheme wie eine trotzig vollzogene neoliberale Volte: "Man muss eben gut sein in dem, was man macht. Dann muss man sich den unterschiedlichen Auftraggebern auch nicht anpassen."

Aber opfert die digitale Boheme die Seele nicht einfach freiwillig, im Gegensatz zu Festangestellten? Selbständigkeit sei keine Selbstausbeutung, glauben Friebe und Lobo. Und dann, nach einer kleinen Pause, sagt Friebe: "Besser beute ich mich selbst aus, als dass es ein anderer tut."


* Holm Friebe, Sascha Lobo: "Wir nennen es Arbeit". Heyne Verlag, München; 304 Seiten; 17,95 Euro.



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